In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Kinetische Speicherfähigkeit

Auch in unserem täglichen Leben spielt ein gesundes tensegrales Netz im Körper eine wichtige Rolle. In diesem System steckt die Fähigkeit, Bewegungsenergie zu absorbieren oder zu speichern. Sichtbar wird die Absorptionsfähigkeit des Systems zum Beispiel, wenn wir nach einem Sprung wieder auf der Erde landen. Unser Sprunggelenk verteilt die kinetische Energie des Sprungs in das gesamte System. Die Kräfte, die bei solchen dynamischen Vorgängen auftreten, können schnell sehr hoch werden, besonders wenn man beim Sprungbeispiel nur auf einem Fuß landet. Wenn deine Faszienstruktur jedoch beweglich und stabil ist, macht dir das nichts aus. Die auftretende Kraft wird auf das ganze System verteilt.

Anders verhält es sich beim sog. „Katapulteffekt“. Dort wird das Gewebe unter eine Vorspannung gebracht, und diese unterstützt anschließend mit ihrer frei werdenden Energie die Bewegung. Stell dir vor, wie ein Werfer im Baseball ausholt, um am Ende der Bewegung den Ball zu schleudern, oder wie ein Golfer vor dem Abschlag ausholt. In Yoga-Asanas beobachten wir diesen Effekt, wenn wir von der Handbalance Bakasana (Krähe) in eine Planke zurückspringen. Diese vorbereitenden Gegenbewegungen finden wir in unserem Bewegungsalltag zuhauf. Die richtige Spannung im System hilft uns also auch, uns dynamisch und vor allem effizient zu bewegen.

 

Tensegrity im Yoga

trans_illu_a_kontrTensegrale Prinzipien lassen sich auch in vielen anderen Yogahaltungen finden. In Utthita-Hasta-Padangushthasana wird die Haltung erst dann leicht, wenn Zug- und Druckkräfte ein ausgeglichenes Verhältnis finden. In dieser Haltung steht man aufrecht, hat ein Bein vor sich ausgestreckt und hält mit der gleichseitigen Hand den vorderen großen Zeh. Diese in vielen Yogastilen gebräuchliche Position illustriert die Tensegrität perfekt. In der Haltung bildet sich ein Kräftegleichgewicht zwischen der Schulter des ausgestreckten Arms und dem Bein. Die Schulter zieht den großen Zeh zu sich, während der Fuß die Tendenz hat, in die Extension zu gehen. Der große Zeh bewegt sich von der Schulter weg. Je stärker diese beiden Kräfte arbeiten, desto weniger Kraft muss aufgewendet werden, um das Bein tatsächlich oben zu halten. Das wird dem Übenden dann deutlich, wenn er den großen Zeh loslässt und die Arme nach oben streckt. Das volle Gewicht des nach vorne ausgestreckten Beines muss nun muskulär getragen werden. Aus einem geschlossenen System wird nun ein offenes, und das erfordert wesentlich mehr Muskelkraft.

illu_aVishvamitrasana ist ein weiteres Beispiel für Tensegrity in Yoga-Asanas. In dieser Haltung steht man in einer weiten Schrittstellung, mit einem Fuß in der Luft gegriffen, auf der anderen Hand und dem anderen Fuß.
Tatsächlich gleicht die Struktur der Haltung einer modernen Hängebrücke. Der untere Arm ist die tragende Säule, und die Spannung zwischen dem vorderen Fuß und der oberen Schulter, die zum Becken zieht, macht die Haltung auch ohne große Muskelpakete möglich.

 

Die Denkweise in komplexen Gesamtsystemen, die nicht nur aus isoliert betrachteten Faktoren bestehen, ist auch förderlich für unsere Gesundheit. Wir können uns mit moderater biomechanischer Stimulation in Form halten. Gleichzeitig verstehen wir  auf einer intuitiven Ebene besser, dass unsere Gesundheit ein vielschichtiger und dynamischer Prozess ist, auf den wir durch unser Tun und auch durch unser Denken in jedem Moment unseres Lebens Einfluss nehmen, ob uns das nun bewusst ist oder nicht.

Durch Yoga nehmen wir einen positiven Einfluss auf die Faktoren in unserem Leben, die uns Stress bereiten und die zu dem Gesamtsystem gehören. Diese können psychisch oder physisch sein. Im ganzheitlichen Ansatz lösen oder rekalibrieren wir nun einzelne Teile des Netzes und stellen damit wieder ausgeglichene Verhältnisse her. Die alte Denkweise, dass nur Muskeln und Knochen unseren Körper zusammenhalten, wird langsam durch das ganzheitliche Verständnis des Körpers ersetzt. Heutzutage verstehen wir, dass die tensegralen Strukturen, vor allem im Bindegewebe des Menschen, eine entscheidende Wirkung auf unser Wohlbefinden haben.

Jeder Aspekt unseres Lebens ist dabei ein Teil des Gesamtsystems und sollte im Gleichgewicht sein. Die Prinzipien und das Bewusstsein von Tensegrität helfen uns dabei.

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Die Autoren

Poweryogagermany-Andrea+DirkAndrea Kubasch und Dirk Bennewitz leben in Hamburg und sind Inhaber der Power Yoga Germany Studios. Sie sind bekannt für ihre zahlreichen DVD- und Buchpublikationen. Beide unterrichten Workshops, Retreats, Teacher Trainings und Kurse auf der ganzen Welt.
www.poweryogagermany.de

 

 

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