In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Wichtige Elemente der Praxis

Voraussetzung und Mittel für eine Viniyoga-Übungspraxis sind Elemente, die sich sowohl in Krishnamacharyas früher Lehrtätigkeit in Mysore finden lassen als auch später in Chennai, wo er ab den 50er Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1989 lebte und wirkte. Diese Elemente sind: der Atem, ein konzeptionelles Verständnis der Asanas, das Prinzip des Vinyasa-Krama, und die tiefe Verwurzelung im Yoga-Sutra. Krishnamacharchya verband – auch das war nicht selbstverständlich – den Hatha-Yoga mit dem klassisch-philosophischen und religiösen Yoga. Für ihn waren die Asana- und Pranayama-Übungen Voraussetzung für einen ruhigen Geist, der eine meditative Erfahrung und spirituelle Entwicklung erst möglich machte.

Der Atem

Er spielt eine zentrale Rolle und erfüllt gleich mehrere Funktionen. So ist er Träger von Prana  und wird als Bindeglied zur Quelle allen Lebens verstanden. Oder in Krishnamacharyas Worten: „Atme ein, und Gott nähert sich dir. Halte den Einatem, und Gott bleibt bei dir. Atme aus und du näherst dich Gott. Halte die Ausatmung und gib dich Gott hin.“ In der Asana-Praxis rahmt der Atem die Bewegung ein. Zudem ist er die Referenz, die anzeigt, ob im Sinne des Viniyoga geübt wird. Fließt der Atem ruhig und gleichmäßig – hat er also die Qualitäten „dirgha“ und „sukshma“ (Yoga-Sutra 2.50) (wörtl. „lang“ / „tief“ und „fein“, Anm. d. Red.) – dann passt die Übungspraxis dazu.
Außerdem richtet der Atem die Wirbelsäule, deren Kräftigung und Aufrichtung in dieser Tradition ein wichtiges Ziel der Asana-Praxis ist, auf ganz natürliche Weise auf. Und das wiederum unterstützt das freie Fließen von Prana in der Sushumna-Nadi, dem Hauptenergiekanal, der in der Wirbelsäule lokalisiert ist.

Asanas und ihre Konzepte

In der Krishnamacharya-Tradition sind Asanas mit Konzepten verbunden. Auf der körperlichen Ebene unterscheidet man das „akunchana“ genannte Zusammenziehen, Schließen, Reduzieren und das „prasarana“ genannte Ausdehnen. Akunchana-Asanas sind Vorbeugen, Seitbeugen und Drehungen. Sie haben sukha-Qualität (sukha = leicht, angenehm), fördern die Ausatmung, dienen der Entspannung und dehnen die Körperrückseite. Prasarana-Asanas sind alle Rückbeugen. Sie haben sthira-Qualität (sthira = stabil), fördern die Einatmung, dienen der Kräftigung, stärken die Körperrückseite und dehnen die Körpervorderseite.
Auf energetischer Ebene finden diese beiden Konzepte ihre  Entsprechung in den sogenannten „langhana“- und „brmhana“-Qualitäten der Asanas, die entweder eine reinigende, beruhigende, ausatembetonte (langhana) oder eine energetisierende, aufbauende, kräftigende (brmhana) Wirkung haben.

Vinyasa-Krama

Typisch für diesen Übungsweg ist die Anwendung des Vinyasa-Krama-Prinzips. Vinyasa-Krama bedeutet, die Übungspraxis in intelligenten, passend platzierten Schritten bzw. Abfolgen aufzubauen. Das heißt, man beginnt mit einfachen Asanas, die den Körper, den Atem und den Geist auf kommende, intensivere Haltungen vorbereiten. Man bewegt sich vom Leichten zum Schwierigen. Gleichzeitig müssen diejenigen Asanas ausgeglichen werden, die ohne Gegenbewegung zu Problemen führen könnten. Je intensiver ein Asana ist, desto sanfter sollten die Ausgleichshaltungen sein, die übrigens meist dynamisch geübt werden.

 

Wie geübt wird

Idealerweise wird in kleineren Gruppen von maximal zehn Leuten oder im Einzelunterricht geübt, weil der Lehrer so am besten den Viniyoga-Ansatz gewährleisten kann. Eine typische Stunde beinhaltet Vinyasas, dynamisch und statisch geübte Asanas, manchmal auch Mantras, die in der Ausatemphase mit der Bewegung rezitiert werden, Pranayama sowie Stille-Übungen. Der Lehrer sagt die einzelnen Vinyasas oder Asanas meist zwei-, dreimal an – dann wiederholt der Übende selbstständig. Das fordert und fördert nicht nur die Konzentrationsfähigkeit, sondern ermöglicht auch ein Üben im eigenen Atemrhythmus. Und das wiederum entspricht der Idee des Viniyoga.
Das Üben in dieser Tradition setzt eine achtsame innere Haltung voraus. Gemeint ist damit ein feines Mitgefühl für das eigene Handeln, Disziplin, ein ehrlicher Umgang mit dem eigenen Körper und Geist sowie die Akzeptanz der eigenen Grenzen. Das Yoga-Sutra nennt diese Eigenschaften Tapas (Leidenschaft, Disziplin), Svadhyaya (Selbstreflexion) und Ishvara-Pranidhana (Hingabe an das Absolute). Eine achtsame innere Haltung erfordert zudem Langsamkeit. Man wird auf natürliche Weise ruhiger, wenn man sich auf den sanft und gleichmäßig fließenden Atem einlässt und mit ihm die Bewegung verbindet.
Woran merkt man also, dass die Praxis passend ist? Wenn sich die Haltung stabil und leicht anfühlt, der Atem ruhig und gleichmäßig fließt und der Geist ausgerichtet ist, übt man im Sinne des Viniyoga bzw. des Krishnamacharya-Konzepts. Das Yoga-Sutra nennt diese Qualitäten „sthira-sukha“, „dirgha-sukshma“ und „ekagrata“. Beanspruchen wir uns zu sehr, wird der Atem unruhig und stockend. Ist die Übung zu leicht, wandert der Geist. T.K.V. Desikachar sagte einmal, dass eine Praxis immer so sein sollte, dass sie weder unter- noch überfordert. Sonst verlieren wir auf lange Sicht das Interesse am Yoga und können seine heilsame Wirkung nicht erfahren.

Anzeige
Anzeige