In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Das ehemalige, intuitive kosmische Empfinden, aus dem die alten Hatha-Yogis noch schöpften, ist uns aber heute verlorengegangen. Wir erleben beim Üben von Asanas nicht mehr selbstverständlich die inneren Zusammenhänge, aus denen sie den Körper „als ein Wesen aus dem Kosmos kommend und in genauer, universaler Durchgestaltung hineingestellt in den Erdenraum“ empfinden konnten. Und doch ahnen wir, dass wir uns auf eine neue Weise dieser ehemaligen Seelenstimmung wieder annähern müssen, wenn die Asanas ihren materiell-instrumentalen, auf den äußeren Nutzen bezogenen Charakter verlieren sollen. Gerade weil sich diese Stimmungen nicht mehr von selbst einstellen, müssen wir heute mehr innerlich aktiv werden um sie wieder neu – und diesmal aus eigener, individueller Kraft – in uns anzulegen. Mit diesem Bemühen kommen wir auch dem in der Bhagavad-Gita betonten Jnana-Yoga wieder näher.

Die Asanas als lebendiges Gegenüber

Eines der wesentlichsten Merkmale einer solchen Praxis könnte es sein, die Asanas erneut zu einem lebendigen Gegenüber zu machen, zu einer Mudra (einer mystischen, mit innerer Bedeutung aufgeladenen Geste), deren Geheimnis wir erst ahnen, dann immer mehr entschlüsseln und schließlich im Körper künstlerisch auszudrücken lernen. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang die Begegnung zwischen der Deutschen Sivananda Radha (Sylvia Hellmann) und ihrem Lehrer Sivananda. Als Radha 1955/1956 in Sivanandas Ashram in Rishikesh weilte und seine Unterweisungen empfing, gab ihr dieser eine interessante Aufgabe: Sie solle die innere mystische Bedeutung von sechs verschiedenen Asana erforschen. Wie sie selbst humorvoll erzählt, wandte sich Sivananda Radha daraufhin an die Swamis des Ashrams in der Hoffnung, Näheres über dieses Thema zu erfahren. Von „mystischen Bedeutungen“ der Asanas hatten diese jedoch selbst noch nichts gehört. Die Aufgabenstellung ihres geliebten Lehrers ließ Sivananda Radha (die später in Kanada einen bedeutenden Ashram gründete und 1995 verstarb) jedoch keine Ruhe mehr und sie schrieb 1987 das Buch „The Hidden Language“ in dem sie die verborgene Sprache der Asanas zu entschlüsseln sucht und viele interessante Bezüge für heutige Yogaübende herstellt.

Unwillkürlich müssen wir uns fragen, ob Swami Sivananda mit dieser Aufgabenstellung an seine Schülerin die Notwendigkeit ahnte, im Hatha-Yoga wieder mehr zum inneren Erleben der mystischen Bedeutung der Übung, wie sie einstmals für die alten Yogis selbstverständlich war, zu gelangen. Auch BKS Iyengar, dem Swami Radha ihr Manuskript vor der Veröffentlichung zur Ansicht zugeschickt hatte, reagierte sofort positiv auf ihre Forschungen. Er sah darin offensichtlich die Möglichkeit, im Hatha-Yoga die noch fehlende „Brücke zwischen Körper, Geist und Seele zu schlagen“.

Die mehr als dreißig Jahre Forschung, die Sivananda Radha aufwenden musste, lassen auch ahnen, dass es bei dieser Art von Forschungstätigkeit tatsächlich um das Erwecken einer inneren Wahrnehmung, einer geistigen Schau zum Wesen der Asanas geht, und nicht nur um die schnellfertige symbolische Interpretation, die noch nicht wirklich zur inneren Ebene der Übung vordringt und den Übungen nur zur Steigerung der Faszination verschiedene mystische Ausschmückungen beilegen würde. Es gibt eine wirkliche, hinter jedem Asana verborgene Idee, die uns aber heute mangels einer Wahrnehmung für diese Realität des Lebens zunächst nicht mehr bewusst ist. Lernen wir sie aber zu ergründen und schließlich auszudrücken, so wird ein Teil ihrer schöpferischen Wirksamkeit auch in uns und in unserem Leben zum Ausdruck kommen können. Wir werden selbst zu dem Ideal, das in der Übung verborgen ist.

„Imaginationen“ nach Heinz Grill

Ich selbst arbeite in meinen Kursen und Seminaren seit vielen Jahren mit der Literatur von Heinz Grill. Er hat in den letzten Jahren Erstaunliches in Bezug auf die Erforschung der inneren Bedeutungen der Asanas geleistet und schildert in seiner Literatur auch mögliche Wege, um als Übender selbst immer mehr zu diesen Erkenntnissen zu gelangen. In seinem Buch „Die Seelendimension des Yoga“ findet sich zu jedem beschriebenen Asana einleitend ein Absatz, der mit „Das Bild und die Bedeutung der Asana“ überschrieben ist. Diese bildhaften Beschreibungen, Heinz Grill selbst benennt sie als „Imaginationen“, geben dem Übenden eine Möglichkeit an die Hand, die Übung in ihrer inneren Bedeutung zu erforschen, ihr Wesen nachzuempfinden und schließlich im Körper ausdrücken zu lernen. So ist zum Beispiel das Flankendreieck, Trikonasana, mit seiner weit zur Seite und bis in die Horizontale ausgleitenden Geste des Armes und der weiten Dehnung in der Flanke mit den kosmischen Stimmungen des Manipura-Chakra verbunden. Dieses Chakra, das aus der Mitte unseres Rückens auch die wesentlichen Impulse für die Aufrichtung und Spannkraft der Wirbelsäule spendet, wird bei Heinz Grill als das Zentrum des Astralleibes bezeichnet, jenes Wesensteils in uns, der impulsiert von den Gestirnen (jedem der sieben klassischen Planeten der alten Astrologie entspricht eines der Chakras) beständig nach Entwicklung und nach immer mehr Ausdehnung und Verbindung zum Leben strebt. So prägt Heinz Grill im Zusammenhang mit Trikonasana den Begriff der „Weite“ und schildert als eine Zusammenfassung dieser Übung: „Die Weite ist das Ergebnis eines fortschrittlichen, geordneten, aktiven Willenslebens unter Wahrung eines freien Raumes für andere.“ So beschreibt diese Übung ein Ideal des Willens und des Handelns, das der einleitenden Thematik des Karma-Yoga sehr nahe kommt. Denn wie sagte Krishna in der Bhagavad-Gita? „Yoga ist die Geschicklichkeit im Handeln.“ (Kap.II ,Vers 50)

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Zum Weiterlesen:
Aurobindo: Bhagavad Gita, dt Ausgabe: Verlag Hinder und Deelmann 2008
Sivanana Radha: Hatha Yoga: The Hidden Language, Timeless Books 1987 (Kanada)
Heinz Grill Die Seelendimension des Yoga, Lammers-Koll-Verlag 2010

 

 

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