Durch Praktizieren von Vasisthasana die Sprache des Herzbewusstseins entwickeln

Wir sind alle bewusste Wesen, doch verbringen wir seltsamer Weise nur sehr wenig Zeit damit, uns unseres Bewusstseins auch wirklich bewusst zu werden. Was also genau ist unser Bewusstsein, wo liegt es, was ist sein Ursprung und wo führt es uns hin? Wenn wir damit beginnen, uns unser Bewusstsein bewusst zu machen, dann gehen wir vielleicht von der Annahme aus, dass es sich dabei irgendwie um ein Produkt unseres Gehirns handeln müsste, in etwa so, wie Licht das “Produkt” einer Glühbirne sein kann. Die Yogis lehren uns jedoch, dass das Bewusstein von der Weltenseele, Brahman, ausgeht, was soviel wie “Anschwellen des Geistes” bedeutet, oder, entsprechend wie es in der 2800 Jahre alten Chandogya Upanishad heißt: “das, was wirklich und wahrhaftig ist.” Bewusstsein durchdringt alles und jeden und ist überall: es ist “in den Pflanzen”, sagt Sri Aurobindo, “in den Metallen, in den Atomen, in der Elektrizität, also auch in allem, was zur physischen Natur gehört.”

Genauso besitzt jede einzelne Zelle unseres Körpers, wie Sir John Woodroffe in seinem Buch “Die Schlangenkraft” bemerkt, “ihr eigenes Bewusstsein.” Diese Zellen vereinigen sich und formen  verschiedene Körperbestandteile wie Flüssigkeiten, Haut, Nerven, Muskeln und Knochen, Drüsen und Organe und erschaffen somit alle zusammen ein neues Bewusstsein. Wir sind, so könnte man sagen, eine Gemeinschaft unterschiedlicher Stimmen, wobei jede zur Harmonie der Gesamtgruppe beiträgt, sich aber nach wie vor ihre einzigartige, vernehmenswerte Botschaft bewahrt hat. Die Yogis kratzen die Oberfläche des Bewusstseins an, dessen am deutlichsten spürbare Manifestation der eigene Körper ist.

B.K.S. Iyengar sagte einmal: “Wenn du nicht einmal deinen kleinen Zeh sehen kannst, wie willst du dann jemals dein höheres Selbst sehen können?” Selbst-Verwirklichung beginnt also zunächst einmal mit einer detaillierten Bestandsaufnahme unseres physischen “Besitzes”. Traditionell ist das Werkzeug, das Yogis für diese erste Stufe der Praxis verwenden, ein Asana (Körperhaltung). Dabei ruht unsere Aufmerksamkeit während der Haltung im allgemeinen zunächst mehr auf oberflächlicheren Strukturen wie Muskeln und Knochen.

Nach einer Weile jedoch werden wir mehr und mehr zu Bewusstseins-Experten heranreifen, wie z.B. der Kniesehnen, des Hüftgelenks oder etwa der Wirbelsäule. Diese Strukturen bringen in der Tat wesentliche Qualitäten unseres Seins und Werdens zum Ausdruck; will man jedoch die gesamte “Bewusstseins-Gemeinschaft” erfassen – und dies macht durchaus Sinn – ist es notwendig, jenseits dieser Grenzgebiete in das innere “Herz” des Landes vorzudringen.

Ein vielversprechender Ansatz ist hier die “experimentelle Reise” von Bonnie Bainbridge Cohens „Body-Mind-Centering.“ Sie vergleicht den äußeren Körper mit einem Container und beschreibt sein Bewusstseinsspiel, das wir immer dann betreten, wenn wir Bewegung von Muskeln und Knochen veranlassen, mit Worten wie “Form, Kraft, Klarheit, Grazie, Absicht.” Der “Inhalt” des Containers, also der innere Körper, besteht in erster Linie aus Organen, Drüsen und Flüssigkeiten. Die Organe füllen unseren inneren Raum aus und liefern uns “ein Gespür für Volumen und Ganzkörperlichkeit, sowie Vitalität und Unterstützung unserer Skelettausrichtung.”

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Sie geben uns das “Fleisch” und justieren den Ton unseres Emotionallebens, ob schlaff, ausgeglichen oder angespannt; darüber hinaus können wir, da die Organe über Nervenverzweigungen aus dem Nervensystem mit den Muskeln verbunden sind, anhand des “geistigen” Zustands der Organe definieren, wie jemand sich bewegt oder festhält oder mit der Welt in Verbindung tritt. Bainbridge Cohen gibt uns zu verstehen, dass wir für gewöhnlich nur einen kleinen Abschnitt eines enormen Spektrums uns zur Verfügung stehender Bewegungspotentiale nutzen. Wir halten uns unbewusst zurück und begrenzen somit die Möglichkeiten, wohin wir gehen, bzw. was wir tun können und wie wir zu Bewusstsein gelangen. Für sie sind wir mehrfach überlagerte Geschöpfe, die lernen müssen, jeden Aspekt ihres physischen und spirituellen Selbstes zu verkörpern, bzw. zu entkörpern.

Was geschieht nun, wenn Sie sich von den inneren Organen her in ein Asana hineinbewegen? Meine Schüler berichten von der folgenden Erfahrung: die Haltung fühlt sich “ruhiger” an, weniger mühsam; die Bewegung in die Haltung hinein und aus der Haltung heraus, richtet sich mehr am “Inneren” des Körpers aus; weiter berichten sie, dass die verschiedenen Körperteile und der gesamte Bewegungsablauf wesentlich koordinierter in einem nachvollziehbaren Ganzen zusammenfinden.

In diesem Artikel werden wir uns ganz auf das Herz konzentrieren. Durch die Sprache des Herzbewusstseins bringen wir Liebe, Verlust und Trauer, Angst und Großzügigkeit, Aufrichtigkeit und Entsetzen, Betroffenheit und Depression, Sympathie, Entschlossenheit und Verletzbarkeit zum Ausdruck. Das physische Herz befindet sich leicht links von der Brust, gleich unterhalb des Brustbeins.

Der Einfachheit halber werden wir das Herz zur Brustmitte verlagern und von dort noch ein bisschen nach unten. Die Yogis haben genau in dieser Region ein Energiezentrum oder chakra (“Rad”) ausgemacht, was von ihnen „anahata ckakra“ genannt wird „das Rad des immerwährenden Klanges“, was tatsächlich das feinstoffliche Pendant unserer unermüdlichen, getreuen „Pumpe“ ist. Anahata ist ein Klang, den nur Yogis zu hören in der Lage sind, jedoch nicht vom Schlagen des Herzens herrührt und meist als der “Puls des Lebens” bezeichnet wird: der heilige Laut OM.

Wann immer ich in diesem Artikel das Wort “Herz” verwende, ist damit das oben genannte “Yoga-Herz” gemeint, es sei denn, es ist ausdrücklich anders aufgeführt. Die Haltung, die ich diesmal ausgewählt habe, heißt „vasisthasana“, zu Ehren des Weisen Vasishtha, dessen Name wörtlich “Besitzer des Reichtums” bedeutet. Er wurde so genannt, da er der glückliche Besitzer von Nandini war, einer fabelhaften Kuh, die alle seine Wünsche erfüllen konnte. Wann immer er irgendwas bedurfte, sei es Essen, Juwelen oder Kleidung – was auch immer sein Herz begehrte – musste er lediglich “Gib” sagen und die Kuh gab es ihm.

Wir werden an dieser Stelle an einer vereinfachten Version der Haltung arbeiten. (In B.K.S. Iyengars Buch “Licht auf Yoga” finden Sie eine  Beschreibung und Bebilderung der vollständigen Haltung.) Unsere vasisthasana sieht wie ein großes T aus, das zu einer Seite umgekippt worden ist: Beine, Rumpf und Kopf sind der senkrechte Stamm des Buchstabens und die ausgestreckten Arme  bilden den waagerechten Querbalken dazu.

Die Arme spielen bei vasishthasana eine zentrale unterstützende Rolle. Anfänger sind häufig sehr überrascht, wie schnell die Arme zu zittern anfangen, Widerstand leisten und das ganze Unterfangen zu einem abrupten Ende bringen. Die typische Reaktion daraufhin ist meist: “Oh, mir fehlt es einfach an Kraft, diese Haltung auszuführen.”

Kräftige Arme zu haben, ist zweifelsohne ein Faktor bei der Meisterung dieser Haltung; jedoch ist, wie Bainbridge Cohen verdeutlicht, eine grundlegende Stärke nicht einzig und allein eine Angelegenheit des Muskel-Bewusstseins, wie vielleicht viele entmutigte Schüler annehmen mögen. Es hängt ebenso von unserer Fähigkeit ab, bewusst das Bewusstsein von den Organen mit einzubeziehen.

So stellen wir uns deshalb jetzt vor, dass wir wie Vasishtha eine Nandini besitzen, nur dass die unsere keine Kuh ist, sondern unser Herz. Und dieses bitten wir nun, da wir hingebungsvoll die Haltung ausführen wollen, unsere Arme mit Energie zu versorgen. Wir gelangen für gewöhnlich aus der Hund-Haltung (adho mukha svanasana; wenn Sie diese Haltung nicht kennen, so finden sie sie auch in dem Buch „Licht auf Yoga“ beschrieben) in die Vasisthasana-Haltung, zuerst auf rechten Arm und rechtes Bein gestützt und dann wechseln wir auf die andere Seite. Wenn wir im Folgenden erst durch die Vorbereitungen und dann durch die eigentliche Übung hindurchgehen, werde ich mit bestimmten Körperpartien im besonderen arbeiten: den Schlüsselbeinen, den Schulterblättern, den Händen, den Innenseiten der Oberschenkel und Fersen und mit dem Becken. Sobald Sie in jedem dieser Körperbereiche eine saubere Vorgehensweise entwickelt haben, sollten Sie versuchen diese Erfahrung in alles, was folgt, einfließen zu lassen.

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