Gheranda, Verfasser einer der großen Klassiker unter den Handbüchern des Hatha Yoga, der Gheranda-Samhita, schätzte, daß es insgesamt etwa 840.000 Yogahaltungen oder Asanas gibt – eine jede Haltung entsprechend jeder lebenden Kreatur in dieser Welt. In diesem Workshop erlernen Sie die Grundlage der stehenden Haltungen, die Berghaltung – tadasana genannt.

Sollten Sie Anfänger im Hatha Yoga sein und sich gerade dabei befinden, einige wenige der ersten Haltungen zu erlernen, lassen Sie sich von dieser Anzahl  nicht erschrecken! Gheranda wollte damit nur zum Ausdruck bringen, daß die asanas nichts anderes tun, als die unzähligen Bewegungen der Natur nachzuahmen. Dabei ist es gleichgültig, ob diese aus den Menschen, den Tieren, Pflanzen oder gar den Himmelskörpern resultieren. Gheranda sah in der Welt, in der wir leben, die höchste aller asanas verkörpert, die von ihrem göttlichen Schöpfer freudvoll durch die zahlreiche Schar seiner Kinder zum Ausdruck gebracht wird.  Dennoch sind von diesen 840.000 Haltungen, so versicherte uns Gheranda, nur 84 wirklich dem Menschen zugänglich und von diesen wiederum suchte er ganze 32 heraus, die für uns am nutzbringendsten sind.

Heutzutage kommt es häufig vor, daß Anfänger im Hatha Yoga die asanas sehr planlos erlernen, d.h. eine Drehung hier und ein bißchen Rückenbiegen dort, usw. Als ich jedoch vor zwanzig Jahren mit dem Studium der asanas begann,  wurde mir beigebracht, daß das Beherrschen der ca. zwei Dutzend stehenden  Haltungen, vor dem Erlernen aller anderen Haltungen Priorität hat. Seit dieser Zeit hat sich, was das Unterrichten von asanas anbelangt, sicherlich viel geändert. Jedoch hält sich nach wie vor unter vielen Yoga Lehrern die Überzeugung, daß gerade diese Gruppe der Yoga Haltungen den Grundstein der gesamten Asana-Praxis bildet.

In der Regel werden hierfür zwei Gründe angegeben. Erstens: die stehenden Haltungen stärken unsere Beine und Knöchel, sie öffnen unsere Leisten und verbessern unser Gleichgewicht und unser Gespür für den Kontakt zum Boden. Dies bereitet unseren Körper-Geist darauf vor “von Grund auf standzuhalten” und  die anwachsenden Herausforderungen der asanas im einzelnen, wie auch die des Yoga im gesamten, zu meistern. Und zweitens: die stehenden Haltungen bilden zusammen eine Art Grundkurs, eine Zusammenfassung der meisten Drehungen, Biegungen und Balanceübungen, auf dem letztlich alle asanas basieren.

Die Grundlage der stehenden Haltungen wiederum ist die Berghaltung – tadasana genannt. Das hinduistische Universum wird traditionell als eine Abfolge von konzentrischen “Inseln” dargestellt, die sich über dem heiligen Berg meru drehen. Diese kosmische Achse, einer Brücke zwischen Himmel und Erde gleich, wird oft mit der menschlichen Wirbelsäule verglichen, welche von den Yogis  meru-danda, “Stab des Meru” genannt wird. Das “Universum” der asanas, innerhalb dessen die stehenden Haltungen den innersten Ring bilden, dreht sich harmonisch um die Achse von tadasana. Es kann durchaus sein, daß Sie überrascht sind, den ganzen Korpus der asanas auf dieser scheinbar einfachen senkrechten Haltung basierend, wiederzufinden.

Anzeige

Jedoch haben Yogalehrer und andere Körper- und Bewegungsforscher längst erkannt, was auch Mabel Todd (Autor von “The Thinking Body”) schreibt: ”Die Voraussetzung, unseren Körper in seinen Bewegungen vervollkommnen zu können, ist es, zu verstehen, wie sicher und ausbalanciert wir stehen können.” Wirklich zu “stehen”, hat im Yoga nicht nur physische, sondern  auch geistige Auswirkungen. “Stehe aufrecht”, sagt B.K.S. Iyengar, “oder Dein höheres Selbst fällt in sich zusammen”.

Tadasana – die Berghaltung stellt sinnbildlich sowohl den Ausgangs- als auch den Endpunkt jeder stehenden Haltung dar. Das bedeutet, dass sich die Erfahrung, die wir beim “Erklimmen dieses Berges” machen, auf alle Tadasana-Variationen übertragen lassen.

Es ist bedauerlich, dass wir die Haltungen des Yoga in der Regel für verhältnismäßig  starre körperliche Positionen halten, was ohne Zweifel durch die direkte Bedeutung des Wortes “Haltung” begünstigt wird. Moshe Feldenkrais, einer der großen Bewegungslehrer unserer Zeit, besteht beispielsweise darauf, bei “Haltung” von einem dynamischen Prinzip zu sprechen. Er meint dies vor allem in Bezug darauf, wie unser Körper-Geist motiviert, geleitet und organisiert wird, während wir unseren täglichen Geschäften nachgehen.

Es ist wesentlich vorteilhafter, sich die Yoga-Haltungen als einen koordinierten, in Sequenzen ablaufenden Fluß von Bewegungen vorzustellen, jede mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende versehen, vergleichbar mit einem Film, im Gegensatz zu einem Foto. Wir hingegen neigen dazu, den Mittelteil hervorzuheben, welcher eigentlich nur ein Aspekt oder ein Teilbild des vollständigen Ablaufs ist. Gewöhnlich wird das, was davor und danach kommt, ignoriert.

Die stehenden Haltungen des Yoga beginnen also mit tadasana, wo wir im Grunde zwei Dinge vollziehen: die Errichtung eines Grundbewußtseins, welches von Yogis als eine unerschütterliche und gleichzeitig behagliche aufrechte Haltung bezeichnet wird, die uns einen konstanten Hintergrund für alle nachfolgenden Bewegungen liefert und uns hilft, im Geiste den Ablauf der kommenden Ereignisse vorab schon einmal durchzuspielen. Sodann fügen wir uns mühelos in den energetischen Strom des Asana-Flusses ein und gleiten dann schließlich sanft zur Mittelphase der Bewegung hinüber.
Ein großer Teil unseres Erfolges hierbei – nämlich, ob wir uns wirklich hingeben können oder ob wir Unruhe verspüren und uns sogleich entmutigen lassen – hängt stark von unserer Bereitschaft ab, bewußt in die Übung einzutauchen und während der ganzen Abfolge aufmerksam, aufnahmebereit und motiviert zu sein, ohne “Etwas” entgegen zu hasten, von dem wir glauben, es könnte das Ziel sein. Und schließlich, nachdem wir alle Feinheiten der stehenden Haltungen erforscht haben, kehren wir am Ende wieder in unser “Zuhause”, der tadasana zurück.

Anzeige