In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Anatomie der Yogapraxis

In der Yogapraxis haben wir die Möglichkeit, die Anatomie der Persönlichkeit und die Anatomie der Körper zusammenzubringen und die Yogapraxis dadurch zu vertiefen und gleichzeitig fürs Leben zu üben. Denn das, was man auf der Matte erlebt hat, ist in unserem Gehirn verankert und kann im Alltag abgerufen werden. Durch eine reflektierte Yogapraxis haben wir tatsächlich die Möglichkeit, unser Leben zu verändern. Auch wenn uns Hingabe als unerreichbar erscheint, auf der Matte wie im Leben, können wir sie nun lernen: mit Hilfe der yogapsychologischen Struktur der Chakras und mit der yogaenergetischen Philosophie der Körper. Folgende Übungen geben einen Einstieg in diese Form des Übens. „Einfache“ Körperübungen, die leicht auszuführen sind, eignen sich besonders gut, weil wir relativ schnell und ohne Einsatz von Durchhaltestrategie den Kopf aus seinem Bewertungssystem ins Wirkungssystem leiten können.

1. Übung für die Hingabe der Sinnlichkeit
Ardha Titali-Asana (Halber Schmetterling)

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Annamaya-Kosha: Komm in eine angenehme Sitzposition. Die Beine sind gestreckt. Beug das rechte Bein und führ es nah zum Gesäß. Lass das Knie nach rechts auf den Boden sinken. Heb den rechten Fuß mit beiden Händen an und leg ihn auf den linken Oberschenkel, nahe der Leiste. Halt den linken Fuß mit der linken Hand und das rechte Knie mit der rechten Hand. Einatmen: Führ das Knie nach oben. Ausatmen: Drück das Knie sanft in Richtung Boden. Wiederhole dies 10x und lös die Haltung dann achtsam auf. Spür in den Unterschied zwischen rechter und linker Hüfte hinein, vielleicht erkennbar durch das Gefühl unterschiedlicher Beinlängen. Dann führ die Übung auf der anderen Seite aus.

Manomaya-Kosha: Synchronisiere Atem und Bewegung. Visualisiere mental das Hüftgelenk, wie es sich auf und ab bewegt. Gib dich in deinen Gedanken ganz dem Prozess hin.

Pranamaya-Kosha: Nimm den Schub wahr, der sich im Oberkörper ergibt, wenn du einatmest, und spür, wie das Knie sich unter diesem Schub fast von selbst nach oben bewegt. Spür bei der Ausatmung, wie sich die Energie im Unterleib und im rechten Hüftraum verteilt und das Knie sich immer mehr in Richtung Boden bewegt.

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1bVijnanamaya-Kosha: Welche Gefühle steigen in dir auf? Und woher kennst du diese Gefühle? Wie verändern sich diese Gefühle in Ein- oder Ausatmung?

Anandamaya-Kosha: Visualisiere einen Schmetterling, der auf einer Blüte sitzt oder von Blüte zu Blüte flattert, und erfreu dich an seiner Leichtigkeit.

 

2. Übung für die Hingabe des Mitfühlens
Skandha-Chakra (Schulterkreisen)

2Annamaya-Kosha: Komm in eine angenehme Sitzposition. Setz die Fingerspitzen auf den Schultern auf. Beginn mit den Ellbogen große Kreise zu zeichnen. Atme ein, wenn der Brustraum sich öffnet, und atme aus, wenn die Ellbogen wieder nach unten sinken. Beschreib große Kreise, je 5x in beide Richtungen. Spür bei der Einatmung in den sich öffnenden Brustkorb hinein und bei der Ausatmung in den weit werdenden Rücken.

Manomaya-Kosha: Synchronisiere Atem und Bewegung. Konzentriere dich darauf, Ein- und Ausatmung gleich lang fließen zu lassen. Visualisiere mental den Platz um das Herz herum, der sich hinten und vorne öffnet.

Pranamaya-Kosha: Nimm das Prickeln in Brust, Schultern und Nacken wahr und wie sich die Kapazität der Bewegung von Runde zu Runde wie automatisch ausweitet.

2bVijnanamaya-Kosha: Nimm das Wechselbad der Gefühle von Enge und Weite wahr und entspann dich mehr und mehr in die vermeintliche Enge hinein, mit dem Wissen, dass das Gefühl der Weite folgt. Bis es kaum mehr einen Unterschied zwischen den beiden Qualitäten gibt und diese sich ausbalanciert haben.

Anandamaya-Kosha: Visualisiere eine Blume, die bei Sonnenaufgang aufgeht und sich in der Abenddämmerung wieder schließt.

3. Übung für die Hingabe der Aktzeptanz
Shashankasana (Haltung des Mondes)

3Annamaya-Kosha: Komm in den Fersensitz. Einatmen: Heb die Arme gestreckt nach oben, Handflächen nach vorne. Ausatmen: Senk den Oberkörper zum Boden. Zuerst setzen die Handflächen auf, dann die Unterarme und zuletzt der Punkt zwischen den Augenbrauen. Spür, wie das Augenbrauenzentrum den Boden berührt. Nimm den Rücken wahr, wie er sich zum Boden entspannt.

Manomaya-Kosha: Führ den Einatem gedanklich vom Boden zum dritten Auge und lass die Ausatmung gedanklich wieder zurückfließen, als wäre das Augenbrauenzentrum ein Tor.

Pranamaya-Kosha: Spür die Kühle, die sich am Augenbrauenzentrum aufbaut, und die Einpünktigkeit, die entsteht.

3bVijnanamaya-Kosha: Erleb die große Kraft der Intuition, das weiteren (Was könnte sie hier gemeint haben?) kreativer Prozesse und gleichzeitig die hohe Konzentrationskraft der Bündelung. Gibt es Bereiche in deinem Leben, wo du diese Qualitäten besonders brauchst?

Anandamaya-Kosha: Visualisiere das Licht einer brennenden Kerze, die an einem windgeschützten Ort stetig brennt.

 

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Katharina Middendorf
Katharina Middendorf ist Autorin, Therapeutin und bildet Yogalehrer aus und fort. Mit nivata® hat sie eine Yogaschule gegründet, die die Teilnehmer durch einfache Techniken lebendige Stille (Sanskrit: nivata) erfahren lässt. Dazu verwendet sie neben Techniken aus dem Satyananda Yoga eigene Entwicklungen wie den Sternengruß oder Götter-Yoga. Zusammen mit ihrem Mann Ralf Sturm lebt und arbeitet sie in Berlin. (Foto: Ferhat Topal)