Wie wir über unseren Körper Hingabe lernen können: die verschiedenen Ausprägungen von Hingabe und wie du sie durch Yogapraxis erkunden und intensivieren kannst

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Hingabe ist ein großes Wort, und oft steckt dahinter ein großer Anspruch. Besonders als Yogi erwarten wir selbst oder andere von uns, dass wir uns „einfach“ hingeben können. Aber Hingabe ist nicht unbedingt eine einfache Angelegenheit. Und obwohl Hingabe auf den ersten Blick nichts mit Struktur zu tun zu haben scheint, weil sie universell ist und ihr das Loslassen als Hauptprinzip innewohnt, können wir sie über eine strukturierte und praktische Herangehensweise festhalten, indem wir Hinweise sammeln, die es erlauben, die Erfahrung der Hingabe zu lernen.

Schaut man sich jenseits des Yoga nach „Hingabe“ um, findet man viele verschiedene Facetten: das Liebespaar auf der Kinoleinwand, das sich einander leidenschaftlich hingibt, die Mutter, die ihr Baby auf dem Arm hält und es hingebungsvoll stillt, der alte Mann am Ufer eines Sees, der in stiller Hingabe versunken ist. Wir können daran erkennen, dass Hingabe viele Aspekte hat und sich auf verschiedene Arten zeigen kann. Und diese Vielfalt gibt es auch im Yoga.

Anatomie der Persönlichkeit

Im yogisch-tantrischen Chakra-System, das ein Abbild unserer Persönlichkeitsanteile ist, finden sich insbesondere drei Zentren, die Hingabe auf besondere Art und Weise behandeln. Je nach Persönlichkeitsstruktur und Erfahrungsbiografie ist der eine Bereich zugänglicher als der andere.

1. Hingabe der Sinnlichkeit

Im zweiten Chakra (Svadhishthana) finden wir das Abbild für den genussvollen Fluss des Lebens, das Sich-treiben-Lassen und das Erleben sinnlicher Eindrücke. Die entsprechende körperliche Region umfasst das Becken, die Hüfte und den Bereich der Sexualorgane. Der Sinn des Schmeckens ist die dem Chakra zugeordnete Sinneskraft. Die Hingabe liegt hier in der Fähigkeit, sich von den sinnlichen Erfahrungen und Schönheiten des puren Lebens leiten lassen zu können. Menschen, die sich in diesem Bereich zuhause fühlen, können mit dem Leben fließen, Gelegenheiten außerhalb des Plans wahrnehmen und genießen, ohne Reue zu empfinden. Ergeben sich jedoch im Leben Situationen, die uns aus dem Gleichgewicht bringen, kann die Leichtigkeit in Sucht umschlagen oder in Schuldgefühle und Depression. Und aus dem Hingeben kann ein Sich-Weggeben oder Sich-Aufgeben werden.

2. Hingabe des Mitfühlens

Im Herzchakra (Anahata) treffen zwei Kräfte aufeinander: Mitfühlen anderen gegenüber und Mitfühlen sich selbst gegenüber. Aus dieser Quelle geben wir uns hin. Die körperliche Region ist der Brustraum und die Region um den oberen Rücken. Das Sinnesorgan ist die Haut, und der Sinn das Spüren. Das zusammen macht das Hingeben aus absichtslosem Mitfühlen zu einem Erlebnis, das aus der Mitte des Herzens entspringt und sich über den ganzen Körper ausbreitet. Persönlichkeiten, die das Mitfühlen als zentrales Lebensmotiv empfinden, verfügen über ein großes Maß an Empathie und Offenheit. Ihre Hingabe ist geprägt durch selbstverständliches Verständnis und durch Annahme auch schwieriger Personen. Kommt ein solcher Mensch an den Randbereich seines Energiehaushaltes, kann diese Qualität in Selbstaufgabe umschlagen, weil auch die restliche Energie weiter zu anderen fließt oder es zum Rückzug kommt, der einer Mauer gleicht. Die Hingabe fließt über oder kommt zum Stillstand.

3. Hingabe der Akzeptanz

Während die beiden anderen Zentren die Hingabe auf konkrete Teile des menschlichen Miteinanders gelenkt haben, treffen wir am Stirnchara (Ajna) auf eine Form der Hingabe, die das absolute Loslassen in den Vordergrund stellt. Wir geben uns der Gewissheit hin, dass wir als Menschen nicht über die Dauer unserer Existenz entscheiden. Und dass wir weder wissen, warum wir hier sind, noch, wo wir hingeben. Wir lassen uns hier darauf ein, uns zuzugestehen, dass wir entscheidende Bereiche unseres Lebens nicht in der Hand haben. Menschen, die hier sehr angebunden sind oder aber durch Ereignisse in ihrem Leben den Glauben an diese Kraft verloren haben, neigen dazu, sich zu entziehen und sich aufzulösen.

Diese drei Aspekte der Hingabe – das Hingeben aus dem genießenden Fluss des Lebens heraus und in ihn hinein (Svadhishthana-Chakra), das Hingeben aus dem Mitfühlen sich selbst und anderen gegenüber (Anahata-Chakra) und das Hingeben in all seinem Menschsein an eine höhere Ordnung (Ajna-Chakra) – können durch die Anatomie des Yoga spürbar werden.

Anatomie der Körper

Wie können wir über unsere Körper Hingabe lernen? Zunächst ist es wichtig, sich klar zu machen, dass wir nicht nur einen Körper haben, sondern, dass wir im Yoga von verschiedenen Erfahrungskörpern ausgehen.

Der den meisten vertrauteste Körper ist Annamaya-Kosha: der physische Körper, mit dem wir ein Asana einnehmen und den wir sehen können, mit seinem Skelett, seinen Organen, seiner Haut. Wir können spüren, wie sich dieser Körper in den Asanas anfühlt und verhält.
An dieses erste Körpererlebnis schließen sich zwei weitere Körper an: Indem wir unsere Gedanken hören, sind wir im Kontakt mit Manomaya-Kosha. Wie können hier spontane Gedanken in bewusste Gedanken umwandeln und so einsetzen, dass sie unsere Wahrnehmung auf die Ausführungen und Wirkung der Haltung lenken. So erweitern wir auf mentale Weise unseren Erfahrungsraum. Etwas, das vorher „nur“ eine geometrische Form war, wird nun zu einer Übung, die eine Wirkung hat.

Nehmen wir dann wahr, dass wir diese Wirkung verstärken können oder sich diese Wirkung verstärkt, indem wir unseren Atem und unsere vitale Aufmerksamkeit dorthin lenken oder dort wahrnehmen, berühren wir in unserer Erfahrungswelt Pranamaya-Kosha, den Körper, der unseren Energiehaushalt prägt. Wir können hier Ausrichtungen wahrnehmen, die nicht aus unserem Körpergefäß stammen, sondern aus einer die Körperteile bewegenden Kraft.

Der Körper, der uns sagt, ob die Übung uns guttut, oder der uns Gefühle beschert, die Hinweise auf unseren Gefühlszustand geben, ist Vijnanamaya-Kosha. Man kann ihn als Seelenkörper bezeichnen und konkreter auch als psychologischen Körper. Mit dem Wissen um die Chakras, die Persönlichkeitsbereiche unserer Identität, können wir diesen Körper besser lesen. Denn was sich oft als diffuses Gefühl zeigt, das uns veranlassen kann, eine Übung aus nicht greifbaren, aber intuitiven Gründen sehr zu mögen oder frühzeitig zu verlassen, kann konkretisiert werden. Indem man diese Intuition wahrnimmt und zusätzlich weiß, welche psychologischen Räume man in diesem Chakra betritt, kann die Übung, die man ausführt, zu einem Spiegel der Seele werden und uns wichtige Hinweise über unseren emotionalen Zustand geben.

Der vermutlich am wenigsten körperliche Körper ist Anandamaya-Kosha und ist mehr ein Grundklang als ein Körper. Ananda bedeutet Glückseligkeit. Dieser Körper gibt eine positive Idee davon, dass wir, auch wenn feinstoffliches Spüren an seine Grenzen kommt, über einen Körper verfügen, der immer glückselig ist – in der Praxis spürbar im Lächeln, das sich einstellt, wenn wir die Haltung, in die wir uns begeben haben, durchdrungen haben.

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Katharina Middendorf
Katharina Middendorf ist Autorin, Therapeutin und bildet Yogalehrer aus und fort. Mit nivata® hat sie eine Yogaschule gegründet, die die Teilnehmer durch einfache Techniken lebendige Stille (Sanskrit: nivata) erfahren lässt. Dazu verwendet sie neben Techniken aus dem Satyananda Yoga eigene Entwicklungen wie den Sternengruß oder Götter-Yoga. Zusammen mit ihrem Mann Ralf Sturm lebt und arbeitet sie in Berlin. (Foto: Ferhat Topal)