Morgens um halb sechs Uhr weckt der Muezzin mich mit seinem sanften Ruf. Ich öffne meine verschlafenen Augen, blinzele durchs Fenster und genieße den Blick auf die weichen Hügel Sarajevos, hinter denen langsam die Sonne herauf steigt. Und ich bin bereit für einen Tag voller Yoga in Sarajevo!

Yoga in Sarajevo: Geschmackvolle Studios in der bosnischen Hauptstadt 

In die Yogaleggings geschlüpft mache ich mich auf den Weg zum ÍŚĂNA Ashtanga Yoga Sarajevo in der Maršala Tita, einer der Hauptstraßen im Zentrum der bosnischen Hauptstadt. Sie liegt um 6.30 Uhr noch im Dornröschenschlaf. Nur die ewige Flamme, die vječna vatra, flackert im Sonnenlicht und erinnert an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Das Yogastudio liegt im Hinterhof eines Hauses aus der Habsburger Zeit. Gespannt steige ich in den 2. Stock, wo mich Mike Zulovich gut gelaunt mit einem Dobro iutro begrüßt. Sein großräumiges und geschmackvolles Studio und vor allem der Yogaraum mit seinem Holzboden und hohen Decken nehmen mich sofort ein.

Mike Zulovich vom ÍŚĂNA Ashtanga Yoga Sarajevo © Mona Bektesi

Ich rolle meine Yogamatte aus und beginne mit der ersten Serie Ashtanga unter den freundlichen Augen meines Yogalehrers, der neben Bosnisch perfektes Englisch spricht. Nach und nach kommen Yoginis und Yogis dazu. Gemeinsam chanten wir das Opening Mantra und ich fühle mich richtig zu Hause. Patanjali ist allgegenwärtig. Mike hat ein gutes Auge für seine Schüler und steht mir bei Utthita hasta Padangusthasana zur Seite: „Zajedno? Together?“, fragt er augenzwinkernd. Ich nehme das Angebot dankend an, lasse meinen Unterschenkel auf seinem ausgestreckten Arm ruhen und atme in meine verkürzten Hamstrings. Während der Mysore Praxis unterstützt mich Mike immer wieder auf einfühlsame, helfende Weise, sodass sich tiefe Zufriedenheit und Gelassenheit einstellen. Neben Ashtanga bietet er auch noch feinstes Vinyasa Yoga, Yin Yoga und Yoga für 50 Plus an. Ein bunter Mix allein in diesem Studio, was Yoga in Sarajevo angeht.   

Thymian-Tee und süßes Baklava: Frühstück in Sarajevo

Yoga in Sarajevo mit Thymian-Limonade und Baklava © Mona Bektesi

Nach der intensiven Praxis ersehne ich jetzt ein Frühstück mit heißem, duftigem Tee und süßes Baklava. Vom Studio ist es nicht weit zum Herzen Sarajevos, der Baščaršija, dem osmanischen Viertel. Hier tauche ich ein in die muslimische Vergangenheit und Gegenwart dieser faszinierenden Stadt und schlendere durch die quirligen Straßen, bevor ich in meinem Lieblinsgscafe Andar ankomme. In der kleinen, blitzsauberen Glastheke warten süße orientalischen Leckerbissen wie Baklava und Ružica auf Schleckermäulchen wie mich. Als Maida, die Besitzerin, mir ihren hausgemachten Thymian-Tee von den Bergen Sarajevos bringt, setzt sie sich schnell ein bisschen zu mir und ihre Augen blitzen stolz. Unbedingt probieren sollte man auch die erfrischenden Limonaden in diesem kleinen Juwel. Mein Favorit ist Thymian-Limonade, die das Immunsystem auf Vordermann bringt. 

Diese Stärkung trägt mich nun auf den Hausberg Sarajevos, den Trebević mit rund 1.070 Höhenmetern. Nun ja, heute nehme ich doch Seilbahn und schwebe hoch hinaus in einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und ihre grünen Hügel. Die Luft hier oben strömt in meine Lungen und bringt mich in einen berückenden Einklang mit der Natur und mir selbst. Im dichten Wald aus Buchen, Tannen und Fichten winken mir Kräuter vom Wegesrand zu. Gänzlich erfüllt lasse ich mich am späten Nachmittag von der Seilbahn wieder in die Stadt zurückwiegen. Mein Magen knurrt und ich mische mich unter Einheimische und Touristen in die Gassen des osmanischen Viertels mit seinen unzähligen Börekläden, Buregdzinice genannt.  Die Landesküche hält viele lukullische Genüsse parat: Mein Liebling ist die Zeljanica, saftiger Börek mit Spinat und Schafskäse, die ich mit jedem Bissen genieße.

Nach so viel Bewegung zieht es mich abends noch einmal zu Mike in eine entspannte Yin Praxis. Meine Waden und Oberschenkel bitten nach der Waldwanderung um sanfte Dehnung, die ich hier erfahre. Glücklich und zufrieden kehre ich in mein kleines liebes Hotel zurück, das am Rande der Altstadt liegt. Miralla, die Seele des Hauses, leitet mich mit einem warmen Lächeln herein und wünscht mir eine gute Nacht – laku noc! 

Yoga in Sarajevo: Glückseligkeit im schmucken Altbau 

Am nächsten Morgen führt mich mein Yogaweg ins Ananda Yoga Centar an den Ausläufern der Innenstadt. Auf meiner Yogamatte im vierten Stock eines Altbaus, der auch in Wien oder Berlin stehen könnte, ist mir sofort wohl. Wie gerufen kommt da Haris‘ Start in die Stunde mit der kühlenden Sitali-Atmung, die bei 38 Grad im Schatten eine Wohltat ist. Passend zum heutigen Vollmond übe ich gemeinsam mit Dušan, Marija, Samira und Mirko Mondgrüße, die reinigen und erfrischen und mir ein Gefühl von innerem und äußerem Gleichgewicht schenken. Mit einer wunderbar entspannenden Atemmeditation klingt die Stunde aus. Ich entspanne und genieße. Und mit jedem duboko udahnite, duboko izdahnite, tief ein- und ausatmend, sinke ich tiefer in meine Matte. Ich bin mir sicher, dass ich auch an seiner Abendstunde teilnehmen werde. Auch diese Stunde hält ihr Versprechen: ruhigere, fließende Bewegungen, die Körper und Geist und auch meiner Seele guttun. Die ruhige Mondmeditation am Ende der Klasse ist der krönende Abschluss und auf dem Heimweg zum Hotel leuchtet mir der Märchenmond in der sternenklaren Nacht meinen Weg.

Außerhalb der Stadt: Yoga inmitten von Pflanzen 

Wie ein guter alter Bekannter weckt mich der Muezzin auch am nächsten Morgen in aller Frühe. Mit dem Yoga Point Sarajevo geht es auf einem Ausflug zu den Gebirgsmassiven Bjelasnica und Treskavica 25 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. In unberührter, satter Natur verbringe ich hier mit meinen neuen bosnischen Freunden einen unvergesslichen Tag inmitten des Duftes blühender Pflanzen. Voller Dankbarkeit üben wir Sonnengrüße und spüren die Kraft und Energie der Sonne wie nie. An dem nahen Wasserfall kühlen wir uns später die Füße; einige mutige Yogis tauchen sogar ganz ein. Eine Wanderung führt uns in die Geheimnisse des Kräuterwissens ein. Mit einer Waldmeditation auf einer sanften Lichtung beschließen wir unsere Erfahrung. Ich bin eins mit mir und der Welt, voller Demut und Dankbarkeit. Alle Sorgen sind fern und ich fühle mich leicht und stark zugleich. Ein wunderbar duftendes Gericht namens Sataraš aus langsam gegartem Gemüse aus Tomaten und Paprika betört die Sinne und stärkt den Körper zum Abschluss dieses ereignisreichen Tages.

Am frühen Abend kehren wir nach diesen ganzheitlichen Erfahrungen zurück ins weltoffene Sarajevo. Nicht umsonst wird die charmante Stadt Klein Jerusalem genannt: Alle drei Weltreligionen sind hier zum Greifen nah. Mit einem Eis auf der Hand flaniere ich an der imponierenden Herz-Jesu-Kathedrale, der Synagoge – immerhin die drittgrößte Europas – und der größten Moschee Bosniens vorbei. Auch an diesem Abend sinke ich zufrieden in mein himmlisches Bett im Hotel und träume von den sanften Hügeln des bosnischen Hinterlandes.

Yoga in Sarajevo: Viertel-Hopping für butterweiche Hüften

Am nächsten Tag mache ich mich mit dem Trolleybus auf den Weg ins Yoga House Sarajevo, das im Viertel Dobrinja ein wenig entlegen in unmittelbarer Nähe des Flughafens liegt. Die herzliche Besitzerin Nedeljka hat hier eine wahre Oase der Ruhe geschaffen. Vinyasa Flow, Hatha Yoga und Yoga-Therapie stehen auf dem Stundenplan des hellen und großen Studios. 

Andrea Kurilic und Nedeljka Kamberovic (v.l.n.r) vom Yoga House Sarajevo © Mona Bektesi

Die charismatische Yogalehrerin Andrea bietet wahre Yogafreuden: Mit viel Freude und Leichtigkeit führt sie durch die hüftöffnende Klasse und begeistert mich sofort.  Ihr sanfter Flow energetisiert Körper und Geist. Am Ende finden wir uns alle in einem schwebenden Halbmond wieder. Meine butterweichen Hüften öffnen sich mithilfe des gekonnten Adjusts meiner Lehrerin noch weiter zum Himmel. Mit jedem Atemzug finde ich zu mehr körperlichem und mentalem Gleichgewicht, sodass es mir sogar gelingt, den Halbmond zu binden. Juhu. Immer wieder schön die Endorphine tanzen und den Tag mit einem Lächeln beginnen zu lassen. Die 90 Minuten vergehen wie im Flug. 

Yoga in Sarajevo, durch die Stadt schlendern und in Cafés einkehren © Mona Bektesi

Zurück in der Stadt setze ich mich ins Cafe Rahatlook, das ein wenig versteckt an der habsburgisch geprägten Haupteinkaufsstraße Ferhadija in der Fußgängerzone liegt. Dieses verborgene Refugium lädt auf einer überdachten Terrasse zum Träumen und Verweilen ein. Snežana bringt ihren Gästen hausgemachten Kuchen und leckersten Tucana Kafa, zu deutsch Mokka. Der Himbeerkuchen und die Uštipci, süße mit Marmelade gefüllte Krapfen, werden einem hier zur Seelenspeise, hmm – lecker.

 

Sarajevo: Schönheit, Kulinarik, Natur und ganz viel Yoga

Aber langsam naht der Abschied. Nach nur wenigen Tagen in der bosnischen Hauptstadt bin ich hingerissen von der Schönheit der Natur, der lebendigen Kultur des Landes, der Freundlichkeit der Menschen und der Vielfältigkeit der Yogaszene. Yoga in Sarajevo – diese Stadt ist ein Besuch wert! Zu Fuß laufe ich übers Rollfeld und steige ins Flugzeug, das sich sanft erhebt und mir einen Blick auf die von sanften Hügeln umgebene Stadt schenkt. Knapp unter den Wolken verspüre ich schon Sehnsucht nach Sarajevo und bin sicher, ich komme bald wieder. 

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