Ubud liegt im Zentrum der Insel Bali und ist bekannt für Kunst und Yoga. Spiritualität wird hier mitten auf der Straße gelebt, und jährlich findet das BaliSpirit Festival statt
Das Licht des Morgens liegt wie ein Nebel über den Reisfeldern. Es ist still, und wir begrüßen den Tag auf der Yogamatte. Kein Fens­ter trennt uns vom satten Grün der Reisfelder, vom sanften Licht des Morgens. Es scheint überflüssig, für das AUM die Augen zu schließen, weil es direkt vor uns liegt.

Wir sind im Herzen von Bali, in Ubud. Das Meer ist weit weg, und die Straßen sind voll mit Motorrädern, doch das macht nichts. Ubud ist so lebendig, spirituell und kreativ, dass man dort bleiben und nicht mehr ans Meer fahren will. Es gibt so viel zu tun und doch nichts – man gleitet durch den Tag vom Yogastudio zur Art Gallery zum Spa und vergisst dabei das Leben am anderen Ende der Welt. Zeit spielt keine Rolle hier, außer man muss sein Visum verlängern. Reisende, die nur ein paar Wochen bleiben wollten, sitzen nach Monaten immer noch in einem der Biocafés, versunken in ihr MacBook oder vertieft in Gespräche über den spirituellen Weg.

Heilung, Spiritualität – und Julia Roberts
Die Möglichkeiten der Heilung sind auf Bali unbegrenzt, vor allem in Ubud. Die kleine Stadt ist nicht nur das Zentrum der Künste, sondern auch bekannt für Yoga, Spa-Landschaften und das BaliSpirit Festival. Zahlreiche Yogaschulen in und um Ubud bieten neben regulären Yogakursen auch Energy-Dance, Chakra-Meditation, Mantrasingen oder Yogalehrer-Ausbildungen an. In den 1920er Jahren wurde Ubud durch amerikanische und europäische Künstler bekannt, die die balinesische Kunst mit beeinflusst und inspiriert haben. Wer Heilung sucht, wird sie in Ubud sicher finden. Der Name Ubud kommt von „Ubad“, was der balinesische Name für Medizin ist. Rund um Ubud wachsen Heilkräuter und Heilpflanzen, aus denen Tees und Biokosmetik hergestellt werden. Balinesische Heiler gibt es überall auf der Insel, sie sind mittlerweile so gefragt, dass die Touristen anstehen müssen, um von ihnen behandelt zu werden. Seit Erscheinen des Buches „Eat, Pray, Love“ von Elizabeth Gilbert im Jahr 2006 wächst der Tourismus in Ubud stetig, Reiseveranstalter verzeichnen einen Zuwachs von rund 20 Prozent. Das war nicht immer so: Nach dem Bombenanschlag im Jahr 2002 blieben die Touristen weg. Damals wurde die Organisation „Balispirit.com“ gegründet – mit der Vision, Touristen auf die Insel zurückzuholen, die ein ganzheitliches Interesse am Leben und an der balinesischen Kultur haben. „Das war der Anfang für die Yogaszene, die sich in Ubud etabliert hat“, sagt Charley Patton. Der Amerikaner hat im Jahr 2007 die „Yoga Barn“ gegründet, eine der größten und erfolgreichsten Yogaschulen in Ubud.  

Stellt man sich heute einem Balinesen mit dem Namen „Julia“ vor, bekommt man die Antwort: „Oh, Julia Roberts“. Seit dem Film „Eat, Pray, Love“ ist sie in Ubud stadtbekannt, manche haben sie sogar beim Shopping auf dem Markt gesehen. Eat-Pray-Love-Programme können fast überall auf der Insel zu einem Erleuchtungspreis gebucht werden. Darin enthalten sind ein bisschen Yoga, ein Ausflug zum balinesischen Heiler und biologisches Essen.

Das BaliSpirit Festival
Wer mehrere Tage am Stück im Eat-Pray-Love-Zustand verweilen will, kann dies beim BaliSpirit Festival tun, das seit 2008 jedes Frühjahr in Ubud stattfindet. Die Zimmer sind zu dieser Zeit ausgebucht, und Yogis aus aller Welt strömen zu den Yogaklassen, Workshops oder Konzerten. „It is so much fun!“, sagt ein Amerikaner, der gerade zu Technomusik Yoga macht. Auf dem Festival sollen die Kulturen von Ost und West miteinander verschmelzen, was jedoch nur auf der  Bühne geschieht. Balinesen trifft man hier kaum, denn die meisten könnten sich den Besuch des Festivals niemals leis­ten (Festivalticket rund 600 Dollar). „Wir kommen seit 30 Jahren jeden Winter nach Ubud“, sagt Viktor aus der Schweiz, der sich am Eingang des BaliSpirit Festivals entscheidet, doch wieder nach Hause zu gehen. „Wenn man das Leben der Balinesen in den Dörfern kennt und Ubud, wie es noch vor ein paar Jahren war, kann man das hier nicht glauben.“ Amerikaner, Europäer und Australier zahlen für ihre Heilung, Balinesen verehren ihre Götter in den Tempeln. Zwei Parallelwelten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, oder doch?

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So ist nur Bali
Bali ist eine Enklave des Hinduismus im überwiegend islamisch geprägten Indonesien. Gelebt wird hier eine Hindu-Dharma-Religion, die vom Kashmir-Shai-vismus und den Kräften der Natur beeinflusst ist. Täglich werden Rituale ausgeführt, Götter geehrt, und regelmäßig gibt es Zeremonien in den Tempeln. Zum balinesischen Neujahrsfest im März, das sich nach dem Vollmond richtet, bleiben alle Balinesen in ihrem Haus. Auch Touristen dürfen die Straßen an diesem Tag nicht betreten, und der Flugverkehr wird eingestellt. Die bösen Dämonen sollen glauben, dass Bali unbewohnt ist. Das Leben in Bali ist die Religion, und die Religion ist das Leben. Es gibt keine Trennung zwischen dem Weltlichen und dem Spirituellen. Jeden Tag werden Opferkistchen aus Palmblättern auf den Gehwegen wie kleine Tempel verteilt, Touristen stolpern darüber, im Regen löst sich alles auf – das spielt keine Rolle. Die Lebensfreude und die Gelassenheit der Balinesen sind immer da.

So tantrisch, wie die Balinesen ihre Religion in Ubud leben, so praktizieren die Westler hier auch ihren Yoga. Dort, wo Yoga gemacht wird, wird auch gefeiert, gelacht und Bali Coffee getrunken. Alles mischt sich, alles ist in Ubud spirituell und sinnlich zugleich: Das satte Grün der Reisfelder, eine balinesische Massage, die Bilder im Arma Museum oder der Bali Coffee. Selbst mit dem Motorrad durch das Verkehrschaos zu fahren, kann spirituell sein, wenn man zu dritt auf dem Motorrad sitzt. Wir lassen die Motorräder und das BaliSpirit Festival an uns vorüberziehen, werfen unsere Yogamatten in die Reisfelder und bewegen uns zur Musik der Frösche und Vögel. Das machen wir wochenlang.

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