Louisa Sear ist Gründerin von Yoga Arts in Byron Bay und unterrichtet weltweit Teacher-Trainings und Workshops. YOGA AKTUELL sprach mit ihr über die essenzielle Bedeutung einer regelmäßigen Praxis mit Leidenschaft und Ausdauer und über Yoga-Sadhana als Hilfe zur Abkehr von leidbringenden Gedankenmustern

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Sie hat die vierte Serie im Ashtanga Yoga praktiziert, war Schülerin bei B.K.S. Iyengar und Pattabhi Jois: Die Australierin Louisa Sear gehört zur ersten Garde internationaler Yogalehrer. Was an ihr als erstes ins Auge fällt, ist ihre absolute Unaufgeregtheit, ihre Präsenz, ihre Klarheit. Sie strahlt eine unglaubliche Ruhe und Leichtigkeit aus. Wir haben Louisa einige Fragen zum Sinn und Nutzen einer regelmäßigen Yogapraxis gestellt.

YOGA AKTUELL: Louisa, du unterrichtest seit über 30 Jahren und praktizierst noch länger. Wie hast du mit Yoga angefangen?

Louisa Sear: Ich bin durch meine Mutter zum Yoga gekommen. Sie fing nach meiner Geburt an zu praktizieren, als sie auf der Suche nach etwas war, das sie entspannte und ihr half, den Herausforderungen gewachsen zu sein, sechs Kinder großzuziehen. Als wir klein waren, hat meine Mutter mich und meine Schwestern zu den Yogaklassen mitgenommen. Später ging ich alleine in unser lokales Yogastudio.

… Und du bist bis heute dabei geblieben.
Ja, ich war 17, als ich mit einer ernst zu nehmenden, täglichen Yogapraxis begann. Mit 16 hatte ich gesundheitliche Probleme mit meinem Herzen, die mich zu großen Veränderungen zwangen. Ich war jung, ging gern mit meinen Freunden aus – aber ich musste diesen Lebensstil komplett ändern. Ich beschloss, mein Zuhause, meine Heimatstadt zu verlassen und auf der anderen Seite des Landes ein neues, gesundes Leben zu beginnen. Hier angekommen, schaute ich mich nach Yogakursen um und fand eine Lehrerin, bei der ich eine reguläre Yogapraxis aufbaute. In einer ihrer Stunden hatte ich während der Meditation und der Yoga-Nidra-Session eine intensive Erfahrung: Ich fühlte mich, als würde ich meinen Körper verlassen, es war ein seliges Gefühl und sehr entspannend. Von diesem Punkt an nahm ich das Praktizieren ernster, übte täglich und begann, mich mit der tieferen Bedeutung des Yoga zu beschäftigen. Ich hatte Glück, so jung mit Yoga anzufangen. Seitdem praktiziere ich mit derselben Leidenschaft bis heute Yoga.

Wie hast du angefangen, zu unterrichten?
Nachdem ich eine regelmäßige Praxis aufgebaut hatte, begann ich in Australien bei erfahrenen Lehrern der Iyengar- und Ashtanga-Tradition zu lernen. Ich besuchte zahlreiche Intensivkurse – in den 1980er Jahren gab es keine Teacher-Trainings wie heutzutage –, reiste nach Indien, um am Iyengar Yoga Institute mit B.K.S. Iyengar zu trainieren. Ein wenig später kam ich nach Mysore, wo ich mit Pattabhi Jois für mehrere Monate Ashtanga Yoga lernte. Ich assistierte fortgeschrittenen Lehrern, um Erfahrungen im Unterrichten zu sammeln. Auch wenn es gar nicht mein ursprüngliches Ziel war zu unterrichten, war es nach all den Jahren der Praxis und des Lernens nur natürlich, dass ich dieses Wissen teilen wollte und mit 21 Jahren zu unterrichten anfing.

Was ist Yoga für dich?
Für mich ist Yoga alles. Es gibt nichts, was nicht Yoga ist, genauso, wie meine Yogapraxis in meinen Alltag eingebunden ist. Mit der Zeit wächst das Bewusstsein, und die Praxis des Yoga findet im Alltag immer mehr Anwendung. Yoga, das ist die Einheit von Körper, Geist und Seele, der Zustand des Einsseins, präsent sein, aufmerksam und bewusst, wach sein. Wenn du auf deiner Matte bist, ob du nun Asanas, Meditation oder Pranayama praktizierst: Es ist eine Technik, ein Werkzeug. Die Bedeutung des Wortes „praktizieren“ beinhaltet, dass wir für etwas praktizieren, d.h. wir praktizieren, um Yoga durch unseren transformierten Geisteszustand auszudrücken und Yoga leben zu können. Die Techniken selbst sind nicht Yoga. Yoga ist der Zustand des Geistes.

Inwiefern helfen der Atem und die Drshti (Fokus) dabei, diesen Zustand des Geistes zu erreichen?
Drshti ist eine wichtige Technik, die uns hilft, unsere Aufmerksamkeit nach innen zu richten und den Geist still werden zu lassen. Es ist eine Praxis, bei der wir unseren Blick auf einen Punkt konzentrieren. Wenn wir umhergucken und abgelenkt werden, beteiligen wir den Geist an diesem Prozess und verlieren beträchtliche Energie durch die Augen. Drshti unterstützt uns während der Asana-Praxis und besonders bei der Meditation und beim Pranayama dabei, den Geist zu beruhigen. Es handelt sich um eine einfache Technik, die mit einer fokussierten Atmung kombiniert wird. Wenn wir uns fokussieren, also auf einen Punkt ausrichten, führt uns das in einen präsenten Zustand zurück und schult Manas um – weg von unseren gewöhnlichen Gedankenmustern, so dass wir mehr inneren Frieden erfahren können.

Und mit Yoga durchbrechen wir diesen Gedankenstrudel?
Dazu gibt es ein Zitat von Patanjali: „Im Yoga geht es um die Freiheit von Leiden. Der erste Schritt ist, sich mit der Innenschau zu beschäftigen und dadurch die inneren Hindernisse zu verstehen, die es zu überwinden gilt. Der Zweck der yogischen Techniken ist es, die Hindernisse zu verringern, welche die Freiheit der Seele behindern.“
Dieses Zitat sagt, Yoga ist die Freiheit von Leiden. Von welchem Leiden? Die Freiheit vom leidenden Geist. Wir müssen nach innen schauen, um in der Lage zu sein, die Aspekte unseres Geistes zu erkennen und zu verstehen, die dieses Leiden verursachen. Zweck der Yogatechniken ist es, die Bereiche des Geistes, die das Leiden verursachen (Stress, Ängste, Sorgen, Depressionen etc.) zu schwächen, um einen friedlichen Geist erfahren zu können. Die einfachen Techniken – sich auf den Atem, aufs Chanten zu fokussieren oder auf eine brennende Kerze zu blicken – Techniken, die wir in unsere Sadhana aufnehmen, bringen unseren Geist weg von unseren gewohnten Gedankenmustern und zurück in die Stille. Eine kontinuierliche Praxis, die unsere Aufmerksamkeit nach innen lenkt, unsere Aufmerksamkeit zurück auf einen Punkt ausrichtet. Wenn wir diese Gedankenmuster nicht beachten, sie nicht weiter füttern, werden sie schwächer, und wir befreien uns vom Leiden.

Wie wichtig ist dafür eine eigene, regelmäßige Praxis?
Eine regelmäßige Praxis ist essenziell, und noch wichtiger ist die Selfpractice, sobald der Praktizierende die Erfahrung dazu hat. Das ist die konsequente Praxis, mit der die innere Veränderung des Einzelnen beginnt. Es ist, wie einen Diamanten zu schleifen und zu polieren: Es braucht tägliche Geduld, Leidenschaft und Ausdauer. Eine regelmäßige, tägliche Praxis ist nötig, um in uns eine Entwicklung zu vollziehen. Die eigene Praxis soll zu einer positiven Veränderung führen, uns nicht am selben Platz lassen. Das passiert nicht, wenn wir nur einmal die Woche üben, oder bei Lehrern, die nur praktizieren, wenn sie eine Klasse unterrichten. Aber es gelingt mit einer regelmäßigen, täglichen Praxis und mit der Hingabe, alles sichtbar werden zu lassen, was uns davon abhält, unser wahres Selbst zu sehen. Das Tolle an Sadhana ist, das sie am fundamentalsten Aspekt des menschlichen Befindens arbeitet: Freiheit von Leiden zu bringen – und während dieses Prozesses Gesundheit auf der physiologischen Ebene bietet.

Wie sieht deine Yogapraxis aus? Hat sie sich über die Jahre verändert?
Meine Praxis ist sanfter geworden. Sie besteht aus Meditation, Pranayama und Asanas. Ich praktizierte viele Jahre ziemlich fortgeschrittene Asanas, aber da ich jetzt älter werde, wird meine Praxis ruhiger und einfacher. Ich praktiziere jetzt über 35 Jahre, und eines der wichtigsten Dinge, die du lernst, ist, deinen Bedürfnissen entsprechend zu üben. Wenn die Praxis nicht darauf basiert, was wir wirklich brauchen, ist es kein Yoga mehr. Unsere Bedürfnisse verändern sich aufgrund unseres Alters, der Umgebung, unserer Gesundheit und durch die vielen unterschiedlichen Aspekte unseres Alltags. Achtsam der gegenwärtigen Realität entsprechend zu praktizieren, ist der erste Schritt, um in unserer Sadhana aufmerksam und weise zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Infos

Mehr zu Louisa Sear, aktuellen Terminen für Workshops, Reisen und Teacher Trainings: www.yogarts.com.auAnzeige