In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Irgendwann im Gespräch legt sie ihre eine Hand auf meinen oberen Rücken und die andere auf mein Herz, richtet mich auf und sagt: „Wow, du trägst aber auch eine enorme Last mit dir herum.“ Gut erkannt! Ich erzähle ihr von all den alleinerziehenden Frauen in meiner Familie und der Last dieses Erbes, das ich manchmal auf meinen Schultern spüre. Sie schaut mich an und nickt verständnisvoll. Sie strahlt eine enorme Ruhe aus, ich fühle mich gesehen und verstanden. Ich erzähle ihr von einem Moment, in dem ich sehr eifersüchtig wurde, weil mein Freund sich mit einer anderen Frau unterhielt. Ich gestehe ein, dass Eifersucht eins meiner Themen ist, und hoffe, dass Esra einen Tipp parat hat. Er lautet ganz anders als erwartet: „Es ist okay, dass du eifersüchtig bist. Ich bin es auch.“ Sie lacht. „Bei dir geht es um Annahme. Du kannst dich darin üben, die Gefühle, die zu deinem Menschsein gehören, anzunehmen. Ruhig zu werden und damit zu sein. Du bist eifersüchtig? Darfst du sein!“

„Wir sind mal dies, mal das. Wir müssen uns nicht auf eine Rolle beschränken. Wir können alles sein, was wir wollen“, sagt sie. Ihre Worte kommen bei mir an, ergeben Sinn. Und dennoch frage ich mich: Auch ich? „All die Limitierungen, denen du folgst, existieren nur in deinem Kopf.“ Deshalb motiviert sie die Menschen in ihren Seminaren, sich aus ihrer Komfortzone herauszubewegen, Neues auszuprobieren, und einfach zusammen Spaß zu haben. Was für Esra zählt, ist die Erfahrung, dass das Leben viele Facetten hat, die wir alle ausprobieren und auskosten können. „Du denkst, du bist nur Hausfrau und Mutter? Quatsch! Raus aus den Flip-Flops, zieh hohe Schuhe an und geh einfach mal mit Hingabe feiern.“

INTERVIEW

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Esra und Don Miguel Ruiz

Du hast von einem Tolteken gelernt. Was ist für dich die Essenz der toltekischen Lehre?
Die Tolteken gehen davon aus, dass jeder Mensch seine Realität selbst kreiert – wach, und auch in seinen Träumen. Sie fordern uns dazu auf, für unsere Handlungen und auch für unsere Lebensumstände die hundertprozentige Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir uns bewusst werden, dass wir oft aus unseren alten Mustern heraus agieren, dann gibt uns das die Kraft, neue Wege zu gehen. Don Miguel Ruiz hat in seinen Büchern dafür die fünf Versprechen als Werkzeuge zur bewussten Gestaltung des Lebens aufgelistet:
Erstens: Sei makellos mit deinem Wort (achte darauf, wie du über dich und andere sprichst, weil auch das Realität erschafft).
Zweitens: Nimm nichts persönlich. (Sei dir darüber bewusst, dass vieles, was andere tun, aus ihren eigenen Erfahrungen, Vorurteilen und Perspektiven kommt und nichts mit dir persönlich zu tun hat.)
Drittens: Mach keine Annahmen. (Handle nicht auf der Basis unhinterfragter (Vor-)Urteile.)
Viertens: Tu immer dein Bestes.
Fünftens: Sei skeptisch, aber lerne, zuzuhören (d.h. lerne, zwischen der eigentlichen Information und Annahmen etc. zu unterscheiden)

Welche Rolle spielt die toltekische Lehre in deinen Seminaren?
Die Grundsätze der toltekischen Lehre sind als Grundeinstellung im Hintergrund präsent. Ich nutze in meinen Seminaren verschiedene Werkzeuge, um das menschliche Bewusstsein zu fördern und das persönliche Wachstum der Teilnehmer zu unterstützen.

Eine der Kernaussagen von Don Miguel ist: Befreie dich von deinen Ängsten und Illusionen. Welche Techniken helfen deiner Meinung nach dabei am besten?
Die beste Technik ist meiner Meinung nach effektives Handeln. Deshalb ermutige ich die Menschen, die zu mir kommen, wieder stark zu werden, zu handeln und damit einen selbstsicheren Raum in ihrem täglichen Leben zu schaffen. Ängste sind Verunsicherungen, die durch Aktion abgebaut werden können. Wie ein Seiltänzer, der zu Beginn Angst hat zu fallen, aber durch die Übung zu einem Meister wird!

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Eins der vier Versprechen von Ruiz lautet: Tue immer dein Bestes. Woher weiß ich denn, was mein Bestes ist?
Dein Bestes ist immer das, was du in dem Moment zu schaffen in der Lage warst. Wichtig ist, sich nicht mehr für das, was man tut, zu verurteilen. Dann kann man sehen, dass man eigentlich immer sein Bestes gibt. Und sobald man sich darin vertraut, bewegt man sich ganz leicht durch alle Zustände des Lebens, durch Zustände von sehr viel Energie oder auch von Müdigkeit, von Inspiration oder Traurigkeit … Alles ist dann einfach, was es ist.

Du hast von einem Schamanen gelernt: Würdest du dich selbst als Schamanin bezeichnen?
Don Miguel ist nicht nur Schamane – das ist nur ein Aspekt. Er ist auch ein Lehrer, Autor und vieles mehr. Diese Begriffe sind sowieso nur Hilfsmittel. Schamanen sind sich bewusst, dass die Welt aus Energie besteht und wir Teil dieser Energie sind. Das ist ein langer Teil meiner Ausbildung gewesen.

Wenn du Menschen erklärst, was du machst, was sagst du dann?
Ich mache Bewusstseinsarbeit. Und zwar über vielfältige Wege. Zur Zeit liegt der Schwerpunkt meiner Seminare auf dem Körper, weil ich seit Langem beobachte, dass fast alle Menschen große Probleme haben, sich zu erden und einfach im Hier und Jetzt präsent zu sein. Das ist jedoch die Voraussetzung dafür, um Wissen überhaupt aufnehmen und in Bewusstsein umwandeln zu können.

Herzlichen Dank für das Interview!

 

Infos

Weitere Infos unter: www.esrainal.com

Zum Film: „8 Sekunden – Ein Augenblick Unendlichkeit“ ist ein deutsch-türkisches Drama von Regisseur Ömer Faruk Sorak mit Esra Inal und Fahri Yardim in den Hauptrollen. Er lief sowohl in Deutschland und in der Schweiz als auch in der Türkei im Kino.
Vgl. dazu auch www.yoga-aktuell.de/blog/inspiration/sekunden-ein-augenblick/

Autorin

Daniela Singhal lebt und arbeitet als Journalistin, Fotografin und Yogalehrerin in Berlin. Sie liebt es, immer wieder spannenden Menschen zu begegnen, von ihnen zu lernen und ihre Geschichten zu erzählen.
www.daniela-singhal.com

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