In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Die beunruhigende Beschreibung einer Lebensgeschichte und spirituellen Erfahrung, die keine ist
Hier ist eine erfrischende, radikale und unkonventio­nelle Beschreibung einer Lebensgeschichte und spirituellen Erfahrung, die keine ist. Es ist die Geschichte eines Mannes namens Uppaluri Gopala Krishnamurti (nachfolgend U.G. genannt), der alles besaß – gutes Aussehen, Reichtum, Kultiviertheit, Ruhm, Reisen, spirituelle Erfahrungen, Karriere – und der alles aufgab, um selbst nach der Antwort auf seine brennende Frage zu suchen: „Gibt es eigentlich hinter all den Abstraktionen, mit denen die Religionen uns eingedeckt haben, so etwas wie Erleuchtung oder Befreiung?“ Er hat niemals eine Antwort bekommen…

Auf Fragen wie diese gibt es eben keine Antworten. U.G. gab der Philosophie eine ganz neue Gestalt. Für ihn bedeutete Philosophie weder die Liebe zur Weisheit noch die Vermeidung von Irrtümern, sondern das Verschwinden aller philosophischen Fragen. So sagte er:

„Wenn sich die Fragen, die Sie haben, in eine einzige Frage auflösen, in Ihre Frage, dann muss diese Frage detonieren, explodieren und vollkommen zum Verschwinden kommen, um dann einen reibungslos funktionierenden biologischen Organismus zurückzulassen, der frei ist von Verzerrung und Einmischung durch die nach Trennung strebende Gedankenstruktur.“
U.G.s Botschaft war schockierend: Wir sitzen alle im falschen Zug, sind auf der falschen Spur, gehen in die falsche Richtung. Die furchtlose Bereitwilligkeit dieses Mannes, alles angehäufte Wissen und die Weisheiten der Vergangenheit hinwegzufegen, war geradezu enorm. In dieser Hinsicht war U.G. ein Koloss, ein leibhaftiger „Shiva“, der bereit war, alles zu zerstören, so dass das Leben mit neuer Kraft und Freiheit weitergehen kann. Seine unbarmherzige, ausdauernde Attacke auf unsere in hohen Ehren gehaltenen Ideen und Institutionen liefen auf nichts Geringeres als eine Rebellion im Bewusstsein hinaus. Eine heruntergekommene Superstruktur, bis ins Mark hinein verdorben, wurde von ihm ganz unfeierlich in die Luft gesprengt, und nichts wurde an ihre Stelle gesetzt. Mit großem Vergnügen an der totalen Vernichtungsaktion bot U.G. seinen Zuhörern nichts, sondern nahm stattdessen all das weg, was wir, ohne es besser zu wissen, so geflissentlich angehäuft haben.

Die Gesellschaft, welche, worauf Aldous Huxley hinwies, die organisierte Lieblosigkeit ist, konnte einem freien Mann wie U.G. Krishnamurti keinen Platz einräumen. Er passte in keine der bekannten Sozialstrukturen, seien sie nun geistlich oder weltlich. Da die Gesellschaft ihre Mitglieder als Mittel dazu benutzt, sich ihrer eigenen Kontinuität zu versichern, kann sie gar nicht anders, als sich von einem Menschen wie U.G. bedroht zu fühlen, einem hingebungsvollen Gegner des Establishments, der nichts zu verteidigen hatte, auch keine Anhängerschaft, die er zufriedenstellen musste, der kein Interesse an Respektabilität besaß und der gewohnheitsmäßig die desillusionierendsten Wahrheiten aussprach, gleichgültig, welche Konsequenzen das auch haben mochte.
Manche sahen in U.G. einen „vollendeten“ Menschen. In ihm war keine Suche und deshalb auch kein Schicksal. Seine zweite Lebenshälfte bestand aus nichts als einer Folge von unzusammenhängenden Ereignissen. In seinem Leben gab es keinen Mittelpunkt, niemand, der sein Leben „führte“, keinen inneren Schatten, keinen „Deus ex machina“. Es gab da nur eine ruhige, reibungslos funktionierende biologische Maschine, nichts weiter. Man suchte vergebens nach Anzeichen für ein Selbst, einer Psyche, eines Ego; es gab nur das einfache Funktionieren eines sensiblen Organismus. Es ist kaum verwunderlich, dass solch ein „vollendeter“ Mensch die banalen, glanzlosen Allgemeinheiten von Wissenschaft, Religion, Politik und Philosophie als unbrauchbar beiseite legte, um stattdessen direkt auf den eigentlichen Kern der Sache zuzugehen, indem er seinen Fall einfach, furchtlos, eindringlich und ohne ihn zu untermauern jedem vortrug, der zuzuhören wünschte.

Uppaluri Gopala Krishnamurti wurde am 9. Juli 1918 im Dorf Masulipatam in Südindien als Sohn brahmanischer Eltern, die der Mittelklasse angehörten, geboren. Soweit es bekannt ist, war seine Geburt von keinen besonderen Umständen begleitet. Seine Mutter starb sieben Tage nach der Geburt ihres ersten und einzigen Kindes am Kindbettfieber. Vor ihrem Tode beschwor sie ihren Vater, sich ganz besonders um das Kind zu kümmern, und fügte hinzu, sie sei sich sicher, dass er ein großes und bedeutendes Schicksal vor sich habe. Der Großvater nahm diese Prophezeiung und die Bitte seiner Tochter sehr ernst und schwor, dem Jungen alles zukommen zu lassen, was einem wohlhabenden Brahmanen-„Prinzen“ zustand. Der Vater heiratete bald darauf erneut und überließ U.G. der Fürsorge seiner Großeltern.

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Der Großvater war ein leidenschaftlicher Theosoph und kannte Jiddu Krishnamurti, Annie Besant, Col. Alcott und die anderen Führer der theosophischen Gesellschaft. U.G. sollte all diesen Menschen in seiner Jugend begegnen und die meisten seiner prägenden Jahre in der Gegend von Adyar verbringen, dem Welthauptquartier der Theosophischen Gesellschaft in Madras, Indien. U.G. sagt von dieser Zeit: „Mein Großvater unterhielt eine Art offenes Haus, in dem reisende Mönche und der Welt Entsagende, religiöse Gelehrte, Pandits, verschiedene Gurus, Mahatmas und Swamis willkommen waren.“ Dort gab es endlose Diskussionen über Philosophie, vergleichende Religionswissenschaft, Okkultismus und Metaphysik. An allen Wänden des Hauses hingen Bilder der berühmten hinduistischen und theosophischen Führer, insbesondere auch die von Jiddu Krishnamurti. Kurz, die Kindheit des Knaben war von religiösen Lehren, philosophischen Gesprächen und dem Einfluss verschiedener spiritueller Persönlichkeiten durchdrungen. All dies gefiel dem Jungen sehr. Der junge U.G. wurde von seinem Großvater überallhin mitgenommen, um die heiligen Stätten Indiens, die Menschen, Ashrams, Retreats und Studienzentren zu besuchen. Er verbrachte sogar sieben Sommer im Himalaya, um klassischen Yoga mit dem berühmten Meister Swami Sivananda zu studieren.

U.G. sagte hierzu: „Damals gab es einen Mann mit Namen Sivananda Saraswati – er war der Evangelist des Hinduismus. Im Alter von vierzehn bis einundzwanzig ging ich sehr oft zu ihm, um ihn zu sehen, und ich machte alles mit, auch die Kasteiungen. Ich war noch so jung, aber ich war fest entschlossen herauszufinden, ob es so etwas wie Moksha gäbe, und diesen Moksha wollte ich für mich selbst haben. Ich wollte mir selbst und allen anderen beweisen, dass in solchen Menschen keine Heuchelei bestehen könne (…) also übte ich Yoga, praktizierte Meditation und studierte alles. Ich machte jede Erfahrung, über die die Bücher schreiben – Samadhi, Super-Samadhi, Nirvikalpa-Samadhi, alles. Dann sagte ich mir selbst: „Das Denken kann jede Erfahrung schaffen, die man will – Wonne, Seligkeit, das Hinschmelzen ins Nichts – alle diese Erfahrungen. Also kann es das nicht sein, denn ich bin noch dieselbe Person und tue diese Dinge nur mechanisch. Meditationen haben keinen Wert für mich. Das führt mich nirgendwohin.“
In diesen früheren Jahren spürte U.G. also allmählich, dass „irgendwo irgend etwas nicht stimmen konnte“, und meinte damit die ganze religiöse Tradition, in die er von Anfang an eingebettet gewesen war. Er gab seine Yogaübungen auf und hielt einen gesunden Skeptizismus allem Spirituellen gegenüber bis in sein Erwachsenenleben hinein aufrecht.

Immer mehr verlangte es ihn danach, die Dinge auf „seine Art zu tun“, da er die Autorität der anderen über sich in Frage stellte. Er brach mit den Traditionen seiner brahmanischen Herkunft und riss die heilige Schnur, Symbol seines religiösen Erbes, von seinem Körper. Er wurde zu einem jungen Zyniker, der die spirituellen Konventionen seiner Kultur ablehnte und alles in Zweifel zog. Er zeigte immer weniger Respekt für die religiösen Institutionen, die von seiner Familie und der Gesellschaft für so wichtig erachtet wurden. In ihm entwickelte sich ein gesunder Skeptizismus seinem religiösen Erbe gegenüber, eine Geringschätzung, die sich zu einem akuten Gefühl dafür entwickeln sollte, was er später „die Scheinheiligkeit des Heiligen Geschäfts“ nennen wird. Seine Großmutter sagte von ihm, er hätte „das Herz eines Schlächters“. All dies ließ ihn allmählich den enormen Mut und die Einsicht entwickeln, die nötig waren, um den ganzen psychologischen und genetischen Inhalt seiner Vergangenheit abzustreifen.

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