Yoga als Lebensart, bei der es essenziell immer um Liebe und Mitgefühl geht: Gabriela Bozic über ihr Verständnis von Yoga, das wohltuend in die Tiefe geht und sich auf einem über zwanzigjährigen Weg entwickelt hat.

Gabriela Bozic © Jasmin Breidenbach

Gabriela Bozic gehört zu den beliebtesten Yogalehrerinnen überhaupt, sowohl in Deutschland also auch international. Neben Ausbildungen, Retreats und Immersions unterrichtet sie auch viele Prominente, unter anderem den Musiker Sting oder den Schauspieler Robert Downey Jr. Mit YOGA AKTUELL sprach sie über ihren Yogaweg im Laufe der Zeit, ihre Wahrnehmung der neuen Yogalehrerinnen-Generation und darüber, was sie ihren Schülern und Auszubildenden mitgeben möchte.

INTERVIEW 

YOGA AKTUELL: Wie lange bist du jetzt auf dem Yogaweg?

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Gabriela Bozic: Meine ersten Yogastunden hatte ich ungefähr 1998/99, also vor ca. dreiundzwanzig Jahren.

Wenn du auf deinen Weg zurückschaust, mit welcher Vorstellung von Yoga hast du dich damals auf den Weg gemacht?

Damals sollte mir Yoga helfen, mit Stress, Zweifeln und Ängsten besser umzugehen sowie meinen Körper geschmeidig und gesund zu halten. Auch mit meinem „Fremdsein“ besser zurechtzukommen. Ich bin ja als Kriegsflüchtling aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen und habe mich in den ersten Jahren ziemlich entwurzelt gefühlt. Das Auspowern und schwierige Asanas zu beherrschen war mir in den ersten Jahren auch wichtig. 

Was hat sich hinsichtlich dieser Vorstellung verändert?

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Bis auf das Auspowern und das Beherrschen von schwierigen Asanas hat Yoga heute noch die gleiche Bedeutung für mich. Heute ist Yoga aber natürlich auch noch viel mehr für mich geworden: Er ist eine Lebensart. Die Yogapraxis gibt mir Halt, Erdung und Klarheit. Sie verbindet mich mit meinen Werten und meiner Intuition. Das schenkt Selbstvertrauen und hilft mir, bessere Entscheidungen zu treffen – privat und beruflich.

Wer waren deine drei wichtigsten Lehrer? Könntest du jeweils in wenigen Sätzen sagen, was du von ihnen gelernt hast?

Sharon Gannon und David Life: Die Natur ist die größte Energiequelle. It’s ok to be different and intense. Du bist nicht „zu viel“ oder „zu laut“. Da ist eine Bestimmung hinter dir, halte dich nicht klein, start before you’re ready und erscheine zum Dienst an der Welt.

Gurmukh und Gurushabd: Power und Anmut schließen sich nicht aus; im Gegenteil, sie gehören zusammen. Es geht auch langsam. Großzügigkeit ist der Schlüssel zur Fülle.

Sriram und Anjali: Sie haben mir die wunderbare Verbindung bzw. die Ähnlichkeit zwischen Yoga, Kochen und Kunst nähergebracht! Kochen ist so wichtig. Die beiden sind sehr gute Köche. Da arbeite ich noch dran. Die Atmung ist das Herz des Yoga. Man kann überall im Alltag Yogaphilosophie beobachten oder anwenden. Auch, dass Yoga letzten Endes eine mystische Erfahrung bleibt. Man kann keine rationalen Erklärungen für spirituelle Erfahrungen und Wahrheiten finden, weil sie einfach nicht in Ratio begründet sind.

Du bist für viele Menschen eine wichtige Yogalehrerin. Was möchtest du Yogapraktizierenden mit auf ihren Weg geben?

Yoga ist die Entspannung in die Tiefen des Menschseins hinein – in all seiner unverbesserlichen Unvollkommenheit.

Wenn wir regelmäßig üben, uns entspannen können und die yogischen Prinzipien in unserem Alltag anwenden, können wir insgesamt glücklicher werden und lernen, liebevoller und mitfühlender miteinander umzugehen. Es mag abgedroschen klingen, aber es geht tatsächlich immer um die Liebe und das Mitgefühl, vor allem in der heutigen Zeit der globalen Krisen.

Und was möchtest du Yogalehrern, die du ausbildest, mitgeben?

Mein Wunsch und mein persönliches Ziel ist es, dass ihre eigene Authentizität und Persönlichkeit gestärkt werden, sie ein Stück freier werden können und lernen, ihre Erfahrungen mit Freude und Tiefe, Leichtigkeit und Kompetenz weiterzugeben. Dass sie Yoga üben und weitergeben als ein ganzheitliches Heilsystem, das auf Mitgefühl basiert.

Du bist auch die Yogalehrerin von einigen Promis. Darum beneiden dich bestimmt viele Yogalehrer. Aber löst das nicht auch ein bisschen Nervosität oder Stress aus, wenn jemand so bekannt ist?

Ich bin eigentlich recht entspannt mit bekannten Persönlichkeiten. Ich glaube, es liegt zum Teil an meinem offenen Naturell und zum Teil daran, dass ich vor meiner Yogakarriere als Studentin in einem Promi-Laden gearbeitet habe, und danach in der Film- und PR-Industrie. Dort habe ich viele Promis aus der Nähe kennengelernt und mit ihnen zu tun gehabt.

Bei Sting, muss ich zugeben, war ich schon etwas nervös, weil er Yoga länger übt als ich, schon immer die besten Lehrer an seiner Seite hatte und oft in Indien war. Außerdem ist er sehr belesen und gut gebildet in so ziemlich allem. Ähnlich ging es mir bei Robert Downey Jr. Aber man darf sich da nicht zu ernst nehmen oder sich anzweifeln. Es geht ja nicht um einen selbst, und man ist immer genau da, wo man sein soll. Schließlich sind Promis genauso Menschen mit allem, was dazugehört, wie wir. Sie haben wegen des ganzen Celebrity-Wahnsinns manchmal sogar mehr Probleme. Ich mache das nach dem Motto: I do my best, let God do the rest. 

Du bist mittlerweile Mutter. Dein Kind ist bestimmt auch ein großer Lehrer für dich, oder? Was lehrt es dich?

Kinder sind unser Spiegel und der größte Lehrer, aber nur, wenn wir für die Lektionen offen sind. Und wenn ich das bin, dann merke ich, wie sie uns knallhart alles zurückspiegeln – unsere Obsessionen, unsere Ängste, unser Bedürfnis nach Perfektion, unser Verlangen nach Kontrolle, unsere Unfähigkeit, Ja oder Nein zu sagen, unsere Machtprobleme, unsere Selbstwertthemen, unsere Eheprobleme etc.

Mein Sohn lehrt mich, wie ich mich mit voller Präsenz engagieren kann. Wie ich offen sein kann. Spontan. Spielerisch. Intuitiv. Authentisch. Kontrolle loslassen. Die Liste ist endlos. In der Art und Weise, wie er sich verhält und auf mich reagiert und wie ich mich verhalte und auf ihn reagiere, kann ich mein Unbewusstes im Spiegel sehen – und aufhören zu glauben, dass nur er derjenige ist, der Erziehung braucht. Es ist vielmehr ein gemeinsames Wachsen.

Yoga ist die Entspannung in die Tiefen des Menschseins hinein – in all seiner unverbesserlichen Unvollkommenheit.

Du bist jetzt zwanzig Jahre im Yogageschäft und auch älter geworden. Empfindest du die jüngeren Lehrerinnen als eine Art Konkurrenz, oder hast du jetzt eher die Rolle der „Weisen“? Oder spielt Alter für dich als Lehrerin keine Rolle?

Yoga ist lebendig, Yoga verändert sich. Dazu gehören auch die neuen jüngeren Lehrerinnen: samt ihren Social-Media-Skills, Tutorials, Followers, der neuen Sprache, neuen Übungen und neuen Themen. Auch wenn manches schnelllebig oder weit hergeholt zu sein scheint, kamen durch sie neue, zeitgemäße Themen auf den Tisch: Diversity im Yoga, Body-Positivity, LGBTQ, Bewusstsein für Rassismus. Sie sehen Feminismus aus einem neuen Blickwinkel; nicht so hart, weil er nicht mehr so hart sein muss. Mich freut es, dass es vor allem junge Frauen sind, die jetzt super-erfolgreich sind und viel Geld verdienen. Das war schon mal anders.

Ich kann von ihnen manches lernen und mich mit ihnen gut austauschen. Um so viel Medienpräsenz, Screen-Time und ein gewisses „Oversharing“ des Persönlichen in der Öffentlichkeit beneide ich sie nicht. Ich schätze mich glücklich, dass ich meine Karriere im „echten“ Yogaraum mit „echten“ Menschen aufgebaut habe. Und dass die Meinungsverschiedenheiten nicht anonym auf den Social-Media-Kanälen ausgetragen wurden, sondern in den Klassen, auf Konferenzen und Retreats. Auch ist die Konkurrenz für sie jetzt viel größer. Es gibt so viel mehr Yogalehrer als vor zwanzig Jahren! Persönlich fühle ich mich von ihnen respektiert – also zumindest von denjenigen, zu denen ich Kontakt habe. Sie wissen, dass es vor zwanzig Jahren einfach anders war, und sie stellen oft gute Fragen.

Wir leben in bewegenden Zeiten. Hat Yoga dir persönlich durch die Pandemie geholfen?

So wie er mir seit vielen Jahren hilft, besser mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen, so hat er mir jetzt auch geholfen, mit Stress, Zweifeln und Ängsten besser umzugehen und meinen Körper gesund zu halten. Er gab mir Halt und Erdung und hebt die Laune!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

www.gabrielabozic.com 
Fotos: www.jasminbreidenbach.de
Kleidung: www.mandala-fashion.com
Location: www.the-studio.yoga

Wir baten Gabriela um 2 Haltungen, um gelassen durch den kommenden Winter zu gehen:

1
Geschlossener Winkel im Liegen: 
Supta-Baddha-Konasana

Leg eine Decke als Kopfkissen auf das obere Ende eines Bolsters und setz dich mit dem Rücken vor das untere Ende. Bring die Fußsohlen in einem geschlossenen Winkel zusammen, öffne die Knie nach außen und leg jeweils einen Block unter die Knie und Oberschenkel. Hüll die Füße in eine Decke. Danach leg dich mit Hilfe der Hände auf das Bolster ab. Pass die Höhe der Decke unter dem Kopf so an, dass die Stirn etwas höher liegt als das Kinn. Leg ein Augenkissen über die Augen und leg die Arme offen zur Seite ab. Lass den Atem ruhig und frei fließen. Lass mit jeder Ausatmung mehr los und lass Bauch und Brustkorb immer weicher werden. 

Genieß diese Haltung für 10 bis 15 Min.

2
Beine an die Wand: 
Viparita-Karani

Leg deine Matte an die Wand. Platziere ein Bolster quer vor der Wand und lass dabei etwa 10 bis 15 cm Platz zwischen Wand und Bolster. Bring in Rückenlage das Becken von der Seite her auf das Bolster. Streck die Beine gerade nach oben aus. Das Kreuzbein, der untere Rücken und die Nieren sollten auf dem Bolster sein. Leg eine zusammengefaltete Decke als Unterstützung unter den Kopf und leg dir ein Augenkissen über die Augen. Die Stirn soll nicht höher als das Kinn liegen. Bring die Schulterblätter nach innen und halte den Brustkorb weit offen. Wenn es mit Unterlage nicht funktioniert, kannst du auch einfach nur die Beine an die Wand legen. Das ist genauso wirksam. Lass Platz zwischen dir und der Wand. Visualisiere, wie die Flüssigkeit in den Beinen in Richtung Bauch fließt und dabei die ganze Anspannung aus den Beinen weicht. Stell dir vor, wie das Gehirn weit nach hinten zum Hinterkopf sinkt und die Stirn glatt und sanft wird. Fühl dich vom Boden und der Unterlage unterstützt, der Brustkorb ist offen und frei. 

Genieß diese Empfindungen für 10 bis 15 Min.

 

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