Der gemeinnützige Verein Yoga für alle e.V. ermöglicht therapiebegleitende Yogastunden für Menschen, die in der Obhut staatlicher oder sozialer Einrichtungen sind, darunter Frauenhäuser, Strafvollzugsanstalten, Pflegeheime, Kinderheime, Beratungsstellen für Geflüchtete, Behindertenwerkstätten und Einrichtungen für psychisch kranke Menschen.Wir sprachen mit Vereinsgründerin Cornelia Brammen über das vielseitige soziale Engagement des Vereins und den Sinn und Zweck von Yoga in der Sozialarbeit.

Interview

YOGA AKTUELL: Der Verein „Yoga für alle e.V.“ bietet soziales Yoga an. Was genau versteht man unter diesem Begriff?

Cornela Brammen (c) Yoga für alle e.V.

Cornelia Brammen: Soziales Yoga ist ein Baustein in einem multimodularen Therapie-Angebot, zum Beispiel für Menschen mit Magersucht, bei psychischen Erkrankungen, nach Flucht oder für hochaltrige Menschen. Sie können nicht einfach in ein Yogastudio gehen. Deshalb arbeitet Yoga für alle e.V. mit sozialen und staatlichen Einrichtungen zusammen. Wir können Yoga; die Partner sind Experten für Magersucht, Strafvollzug, Depressionen, Geriatrie … Soziales Yoga verbindet Yoga-Expertise und Sozial-Expertise.

Und wie genau kann man sich diese Zusammenarbeit zwischen dem Verein und den sozialen/staatlichen Einrichtungen vorstellen?

Unsere Partner haben die fachliche Expertise für die therapeutische Betreuung von Menschen mit Magersucht, psychischen Erkrankungen, Trauer, für Opfer häuslicher Gewalt, für Geflüchtete oder eben Menschen in Altersarmut. Wir können soziales Yoga. Wenn sich soziale oder staatliche Organisationen an Yoga für alle e.V. wenden, finden wir gemeinsam einen Termin für soziales Yoga und Yoga für alle e.V. findet eine passende Yogalehrerin. Die Einrichtung empfiehlt ausgewählten Klienten, am sozialen Yoga teilzunehmen. Beispiel Magersucht: Die Yogalehrerin kann nicht entscheiden, ob und wann eine Magersucht-Patientin Yoga machen darf. Das entscheidet die Betreuerin/der Betreuer in der Beratungsstelle oder Klinik. Ebenso bei psychischen Erkrankungen. Nicht alle Klienten unserer Partner wären in der Lage, am sozialen Yoga teilzunehmen.
Ist Supervision im Einzelfall für Yogalehrende erforderlich, ist auch dafür der Partner zuständig.

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Was kann soziales Yoga therapiebegleitend bewirken?

Die Yogalehrenden sind für die TeilnehmerInnen beim sozialen Yoga oft die einzigen Menschen, die nicht diagnostizieren, Geld oder Maßnahmen bewilligen, Fortschritte abfragen. Sie vermitteln Yoga als Weg zu Selbstwirksamkeit. Gerade dass sie nicht wissen, welches Krankheitsbild sie haben oder welche Tat sie begangen haben (Strafvollzug), schafft einen Raum, in dem die Yoga-Übenden einfach die sein können, die sie sind. Allein das wirkt schon entspannend.

Wer unterrichtet diese Kurse? Werden alle Yogalehrer von euch gezielt auf spezifische Themen wie Essstörungen, Trauma, etc hin geschult?
Voraussetzung, um einen Kurs von Yoga für alle e.V. unterrichten zu können, sind mindestens 200 Stunden Yogalehrer-Ausbildung, mindestens zwei Jahre regelmäßige Unterrichtspraxis sowie eine Fortbildung in Yoga und Trauma, Yoga und Trauer oder OMY!-Yoga bei Altersarmut. Yoga für alle e.V. hat 2016 die erste Fortbildung – Yoga und Trauma – zusammen mit Nicole Witthoefft konzipiert und seitdem 300 Yogalehrende fortgebildet.
Einmal im Jahr findet eine verpflichtende Supervision für unsere Yogalehrer statt.

Wie viel Kurse „soziales Yoga“ habt ihr bisher gegeben?
Am Anfang haben wir nicht so genau gezählt. Das machen wir seit 2017. Und seitdem haben wir insgesamt 2.800 Stunden soziales Yoga gegeben.

Wie finanziert ihr Euch?

Wir haben ein tolles Fundraising-Event, das wir veranstalten, um Geld für soziales Yoga zu generieren. Inzwischen ist die LANGENACHTDESYOOOGA selbst ein superbeliebtes Sommer-Event.

Und wir sind auf Spenden angewiesen. 2018 hat die Yogi Tea Foundation uns mit einer sehr großzügigen Spende dabei unterstützt, Yoga bei Essstörungen bekannter zu machen und mehr Kurse anzubieten.

Was erwartet die Besucher der LANGENACHTDESYOOOGA?

Die Vielfalt des Yoga. Dieses Jahr im Live-Stream online aus rund 80 Yoga-Locations in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, München und auf Sylt. Von Anusara über Kundalini und Lachyoga bis zu Meditation und Yoga Nidra. Neu ist dieses Jahr der Stream Soziales Yoga mit Workshops zu Yoga und Trauma sowie OMY! – Yoga für Menschen 60plus. Und das alles für 20 Euro, die zu 100 Prozent in soziales Yoga (online) fließen. Denn auch unsere sozialen Kurse bieten wir seit vier Monaten bundesweit online an.

Wofür werden die Einnahmen, die durch die Charity-Yogastunden in der Yoganacht generiert werden, eingesetzt?

Für soziales Yoga in der jeweiligen Stadt. Normalerweise als Präsenzkurs, seit Corona auch online im Live-Stream für ausgewählte Teilnehmer. In München finanzieren wir Kurse bei Magersucht und Trauer. In Hamburg haben wir Kurse für Menschen mit psychischen Erkrankungen, bei Magersucht und Bulimie, bei Trauer, im Frauenhaus, für Menschen in Altersarmut und für Geflüchtete. Aus den Yoganächten in Berlin, Köln und Schwerin finanzieren wir noch Kurse im Strafvollzug, für pflegende Angehörige und bei Essstörungen. Bundesweit ermöglichen wir 30 Kurse soziales Yoga mit 25–45 Einheiten pro Jahr.

Worauf setzt der Verein 2020 seinen Schwerpunkt?

Unser Schwerpunkt ist OMY! – Yoga für Menschen in Altersarmut. Altersarmut ist ein gigantisches gesellschaftliches Problem. Es zwingt Menschen im Alter in Isolation und Einsamkeit. OMY! ist ein Yoga-Angebot für Alte und Hochaltrige. Unsere älteste Teilnehmerin ist 96. Viele der Teilnehmenden haben Yoga schon in den 70er-Jahren gemacht und sind megaglücklich, dass sie es jetzt wieder praktizieren können. Auf dem Stuhl und auch nach Schlaganfall oder bei beginnender Demenz. OMY! ist ein Gemeinschaftsprojekt von Yoga für alle e.V. und der Stiftung Generationen-Zusammenhalt.

Was braucht ihr, damit ihr in Zukunft noch mehr Menschen in belastenden und schwierigen Lebenssituationen mit sozialem Yoga helfen könnt?

Wir brauchen versierte, gut ausgebildete Yogalehrer, die bereit sind, sich fortzubilden und in sozialen Settings das Geschenk des Yoga weiterzugeben. Wir brauchen Fördermitglieder, die uns finanziell unterstützen. Aber vor allem braucht es Entscheider bei Krankenkassen, in Behörden und bei den großen Wohlfahrtsverbänden, die soziales Yoga als ergänzenden Baustein eines multimodularen Therapie-Angebotes kennenlernen wollen. Es gibt wohl nichts, worüber ich lieber spreche.

Vielen Dank für dieses Interview!

Event-Tipp: LANGENACHTDESYOOOGA

Erlebe die LANGENACHTDESYOOOGA ONLINE am Samstag, 20. Juni 2020. Werde LICHTSPENDER*IN! Mit einem Ticket für 20 Euro unterstützt Du soziales Yoga und kannst aus rund 150 Live-Streams Deine persönliche Yoganacht zusammenstellen. Alle Infos zu diesem Event findest du unter www.yogahilft.com.

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