Anna Röcker über alchemistische Transformation, bewusste und beschleunigte Entwicklung durch Yoga und den verantwortungsvollen Umgang mit Macht und Magie
Seit vielen Jahren geht die Münchner Yogalehrerin und Heilpraktikerin Anna Röcker den Yogaweg. Neben Yogakursen und Ausbildungen für Yogalehrer/innen leitet sie eine Praxis für Therapie und Heilung. Hier hilft sie Menschen, mit ihren eigenen inneren Kräften in Kontakt zu kommen und ihre Talente und Fähigkeiten zu stärken und gleichzeitig Frieden mit eigenen Schattenseiten zu schließen. Besonders wichtig ist Anna Röcker dabei die innere Transformation, die in ihren Augen einem alchemistischem Prozess gleicht. Ein für sie spannender und gleichzeitig ungeheuer notwendiger Prozess, um den Yogaweg von ganzem Herzen gehen zu können, damit er nicht sinnentleert ist.

Doris Iding: Können Sie sich selbst in ein paar Sätzen charakterisieren?

Anna Röcker: Das Charakteristische an meiner Arbeit ist, dass ich den Menschen bewusst machen möchte, welch große innere Kräfte in ihnen vorhanden sind. Ich unterstütze sie darin, ihre eigenen Talente und Fähigkeiten zu entdecken, um so der Meister oder die Meisterin des eigenen Entwicklungsprozesses zu werden. Dies ist zum einen das Wesentliche an meiner Arbeit, zum anderen ist es mir auch gleichzeitig ein sehr großes Anliegen.

Meine Arbeit ist auch ein Spiegel meines eigenen Entwicklungsweges. Durch meine erste Ausbildung, die Ausbildung zur Yogalehrerin, habe ich mich sehr mit mir selbst und meiner Vorstellung vom Leben beschäftigt. Danach kam meine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Hier ging es um eine noch intensivere Auseinandersetzung mit dem Körper. Während der Musiktherapieausbildung ging es dann mehr um die Auseinandersetzung mit seelischen Prozessen, wobei man ja in Wirklichkeit Körper, Seele und Geist nicht trennen kann. Diesen Entwicklungsweg, vom Körperlichen zum Seelischen, vom Grobstofflichen zum Feinstofflichen, den ich als alchemistischen Prozess bezeichnen würde, kann man im Yoga-Weg sehr gut erkennen.  

D.I.: Wie genau definieren Sie den Begriff „alchemistischer Prozess“?

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Anna Röcker: Unter alchemistischen Prozessen verstehe ich Wandlungs- und Entwicklungsprozesse, die zu komplexeren Formen des Lebens führen. Das einfachste Beispiel eines solchen Prozesses ist das Kuchenbacken: zunächst haben Sie Eier, Mehl, Wasser oder Milch und Butter getrennt, nachdem alles im richtigen Verhältnis vermischt und im Feuer gebacken wird, haben wir einen Kuchen, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Auch im menschlichen Körper finden unentwegt Wandlungs- und Umbauprozesse statt, im Laufe der Zeit erneuern sich fast alle Zellen. Aber auch unsere seelischen Einstellungen und unser Bewusstsein verändern und entwickeln sich. Yoga ist für mich der optimale Weg, um diese Wandlungsprozesse zu beschleunigen und immer mehr zu verfeinern.

Reshad Feild beschreibt in seinem Buch „Die Alchemie des Herzens“ den alchemistischen Prozess als eine vollständige Transformation unseres Inneren, als einen Wandlungsprozess von niederen zu höheren Schwingungen. Das scheint zunächst abstrakt, aber wenn wir diese Aussage auf Yoga beziehen, dann bedeutet dies, dass wir uns durch Yoga auf allen Ebenen verändern. Wir beschleunigen den normalen Entwicklungsprozess, den jeder Mensch durchläuft – ob mit oder ohne Meister oder Selbsterfahrungskurse. Vor allem erleben wir durch Yoga diesen Entwicklungsprozess bewusst und unterstützen ihn durch entsprechende Übungen, wie sie der Achtstufige Pfad des Patanjali aufzeigt. Wir entwickeln uns aus meiner Erfahrung stets weniger durch Schicksalsschläge und Probleme, sondern mehr durch freudvolle Erfahrungen, wie sie die Atemübungen oder vor allem die Meditation bringen.   

D.I.: Das klingt, als wäre die Verbindung von Yoga und Alchemie für Sie etwas ganz Besonderes?

Anna Röcker: Was mir persönlich so gut am Yoga gefällt ist, dass der Körper in den alchemistischen Prozess mit einbezogen wird. Dabei spielt die wichtigste Rolle für mich der Atem, indem ich die Yogaatmung vertiefe und die Atmung bewusster erlebe. Durch dieses bewusste Erleben wird die Atmung – und damit einhergehend der ganze Körper –  zum Schlüssel der eigenen Transformation. Und die Materie stellt einfach die Basis für diesen Verwandlungsprozess da. Dies sagt übrigens auch Paracelsus. Paracelsus hat aus dem großen alchemistischen Wissen den speziellen medizinischen Weg gewählt. Dabei hat ihn besonders der Wandlungsprozess der Pflanzen und Metalle beschäftigt, durch den sie zu ganz besonderen Heilmitteln werden, die auf allen drei Ebenen wirken, der körperlichen, seelischen und geistigen.  

D.I.: Können Sie auch noch etwas zu den Konzepten der Alchemie sagen?

Anna Röcker: Einmal geht die Alchemie ganz klar zurück auf das Alte Ägypten. Das arabische Wort „Al-Kymiya“ entspricht dem Namen als Alten Ägypten selbst, man könnte sagen Alchemie bezeichnet die „Kunst der Alten Ägypter“. Die Alchemie, d.h. die dort beschriebenen Verfahren, die in gewisser Weise den Boden für die heutige Chemie bereiteten, kannte man fast überall, in China genauso wie in Indien oder z.B. in Griechenland. Ich beziehe mich hier eher auf die ägyptische oder griechische bzw. auf die indische Alchemie. In Ägypten begann es damit, dass man die Pharaonen mumifizierte, um die Körper dieser Gott-Könige unsterblich zu machen. In Griechenland kannte man die Metallveredelung mittels alchemistischer Prozesse, aber man beschäftigte sich auch schon sehr früh mit dem philosophischen Aspekt der Alchemie, mit den seelisch-geistigen Wandlungsprozessen des Menschen. Die Metallalchemie mit ihrem Vorhaben, Blei in Gold zu verwandeln, ist wohl auch der allgemein bekannte Aspekt dieser uralten Weisheitslehre. Es ging hierbei um Veredelung der niederen Metalle in höhere, in der Pflanzenalchemie geht es um die Veredelung der Pflanze zu einem Heilmittel. Aber nie war nur die Wandlung eines Stoffes, einer äußeren Substanz das Ziel, sondern immer auch die Wandlung und Entwicklung des Alchemisten selbst. Es gibt alte Darstellungen, die den Alchemisten in seiner Werkstatt vor einem Altar kniend zeigen. Er betet um den Segen für seine Arbeit und bittet um geistige Inspiration. Mit diesen Bildern wird verdeutlicht, dass die Alchemie nur dann gelingt, wenn der Alchemist selbst den Prozess mitmacht.

D.I.: Sind Ihnen auch alte alchemistische Traditionen aus Indien bekannt?

Anna Röcker: Indien hat in allen Bereichen eine sehr große alchemistische Tradition. Die  Metallalchemie spielte keine so große Rolle. Offensichtlich ging es hier nicht so sehr ums Gold. Am meisten vertreten ist die Pflanzenalchemie, die immer noch in der Ayurveda-Medizin weiterlebt. Manfred Junius, ein berühmter Alchemist, der vor einigen Jahren starb, hat dies in seinem Buch über die Pflanzenalchemie dargelegt. Junius, der als Chemieprofessor lange Jahre in Indien und in Australien gelebt hatte, war vielleicht einer der letzten Alchemisten, die auch Laboralchemie betrieben. Ich habe bei ihm einen Stein aus Rosmarin gesehen – ein wundervolles Gebilde! Wie ein Smaragd. Er hatte sich besonders mit indischer Alchemie beschäftigt und ihre Spuren deutlich im Ayurveda wiedergefunden. Für ihn war das die Fortführung der alten indischen Alchemie. Junius hat sich aber sehr intensiv mit indischer Musik beschäftigt, die ein Teil der indischen Alchemie war und von deren Wirkung bereits in den Upanishaden die Rede ist. Die Veränderung der Schwingungen durch Musik ist für uns heute leicht verständlich. Ich habe Junius selbst ein paar Mal spielen gehört und im wahrsten Sinne am eigenen Leib erlebt, wie die Musik auf Körper, Seele und Geist wirkt.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.