In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Sri Dharma Mittra ist eine Ikone unter den weltweit bekannten Yogalehrern. In YOGA AKTUELL spricht er über die Yamas und Niyamas, die erfrischenden Wirkungen des Kopfstands und die Unterschiede beim Yoga-Unterricht in verschiedenen Ländern

Sri Dharma Mittra stellt sich bei jeder Gelegenheit auf den Kopf. Kein Wunder, dass der 73-jährige Yogalehrer immer noch geistig wach und topfit ist. Yoga bedeutet für den gebürtigen Brasilianer jedoch viel mehr als nur körperliche Praxis. Sein Wissen über Yoga gibt er seit 1967 an Schüler auf der ganzen Welt weiter. Auf der Asia Yoga Conference in Hongkong sprach er im Interview mit YOGA AKTUELL über ethische Regeln, kulturelle Unterschiede und die wichtigsten Haltungen im Yoga.

YOGA AKTUELL: Sie beschäftigen sich seit mehr als sechzig Jahren mit Yoga. Was bedeutet Yoga für Sie?

Sri Dharma Mittra: Yoga ist eine uralte Tradition, die uns Techniken zur Stärkung der Gesundheit und der mentalen Kraft bietet. Wenn richtig praktiziert, werden uns vor allem Asanas und Pranayama in kurzer Zeit viel Kraft spenden. Die Grundlage im Yoga sind die Yamas und Niyamas. Das sind ethische Regeln, die keiner Religion angehören. Wenn wir diese beherzigen, dann entwickeln wir eine enorme Willenskraft und den Eifer, auf viele Fragen im Leben Antworten finden zu wollen. Sie helfen uns dabei, Erfolg im Leben zu haben.

Die Yamas und die Niyamas sind also besonders wichtig für den Yogi?
Sie sind das Fundament im Yoga. Wer sie nicht praktiziert, wird das Ziel im Yoga nie erreichen. Er wird niemals den Durst nach Erleuchtung und nach Befreiung haben. Wenn wir nach den Yamas und Niyamas leben, entwickeln wir Harmonie, und unser Geist wird ruhiger. Mit einem ruhigen Geist können wir unsere Praxis beibehalten. Eine kontinuierliche Praxis führt automatisch zum Erfolg. Daraufhin erreichen wir das Ziel im Yoga: den Geist zur Ruhe zu bringen.

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Wie interpretieren Sie die Niyamas?
Niyama ist die Aufgabe des Egos und die Hingabe an den Allmächtigen. Nicht jeder von uns glaubt an Gott, aber es gibt diese riesige Intelligenz, die alles kontrolliert. Dieser müssen wir uns hingeben und uns auf ihre Hilfe verlassen. Niyama beinhaltet außerdem Wissen, mit dem wir unseren Körper verstehen können. Das ist so, als würden wir ihn in einem Labor auseinandernehmen. Unser Körper besteht ja nicht nur aus Fleisch und Knochen. Er hat mehrere Hüllen und besteht aus Energie. Wenn unser Geist nach langer Reflexion die Bedeutung des Körpers verstanden hat, erfahren wir Glückseligkeit.

Sprechen wir über die Asanas im Yoga. Welche Haltungen sollten wir regelmäßig praktizieren?
Padmasana (Lotussitz) ist eine der wichtigsten Stellungen. Doch viele Leute können sie nicht ausführen. Selbst nach 60 Jahren Yoga schmerzen mir immer noch die Knie. Aber zum Glück gibt es einfache Sitzhaltungen. Ganz wichtig sind außerdem der Kopfstand, der Schulterstand, Mayurasana (Pfau), Bhujangasana (Kobra), jede Art von Drehungen sowie Shavasana. Außerdem sollte man Maha-Mudra, das Versiegeln der Öffnungen im Rumpf, regelmäßig üben.

Es gibt sehr viele Fotos von Ihnen im Kopfstand. Warum ist dieser so wichtig?
Der Kopfstand ist der König aller Asanas. Er ist außerdem eine Mudra. Wenn man in der Position ist, sollte man zuerst für 20 Sekunden die Sonne visualisieren. Danach konzentriert man sich auf den Nabel und stellt sich den Mond vor. Die Haltung ist einfach wunderbar. Regelmäßiges Üben erfrischt die Gehirnzellen und stoppt den Alterungsprozess. Die Blutzufuhr in die Hypophyse und die Zirbeldrüse wird unterstützt. Ich nutze jede Gelegenheit, um mich auf den Kopf zu stellen.

Sie haben vor vielen Jahren ein Poster mit 908 und ein Buch mit 608 Asanas kreiert. Viele davon sind sehr kompliziert.
Oh, die muss man nicht alle ausführen können. Viele Haltungen sind reine Zeitverschwendung. Die wichtigste Haltung ist ein aufrechter Sitz. So wie ich jetzt gerade hier im Sessel sitze (ägyptischer Sitz). So meditiere ich immer, denn anders kann ich nicht sitzen. Die Hare Krshnas üben nie irgendwelche Asanas. Sie praktizieren Bhakti-Yoga, singen und studieren die heiligen Schriften. Wenn man dazu in der Lage ist, hilft es aber, die wichtigsten Asanas zu üben. Wenn man fit ist und die Beine hinter dem Kopf kreuzen kann, macht das enorm viel Spaß und ist gesund.

Sie unterrichten weltweit Yoga. Welche kulturellen Unterschiede stellen Sie fest?
Egal wo ich unterrichte, überall finde ich diese unglaubliche Begeisterung für Yoga. Doch wie ich unterrichte, ist überall etwas anders. So sind manche Nationalitäten, wie zum Beispiel die Spanier, empfänglicher für Bhakti-Yoga und weniger interessiert an Ahimsa (Gewaltlosigkeit), weil sie gern Fleisch essen. In diesem Fall unterrichte ich hauptsächlich Asanas. In China hat mir vorher jemand gesagt, ich solle nicht so viel über Gott sprechen. Daraufhin habe ich meine Worte angepasst und vom Allmächtigen gesprochen. In Japan verneigen sich die Schüler und zeigen enorm viel Respekt. In Brasilien urarmen sich alle und halten Hände. Diese Unterschiede sind etwas Wunderbares.

Erinnern Sie sich noch an Ihren Unterricht in Deutschland?
Oh ja, das waren gute Schüler. Sie waren sehr ernst und korrekt, was die Ausrichtung der Asanas betrifft. Sie haben mich gefragt, warum ich dazu kaum Anweisungen gebe und warum ich nichts über den Atem in den Sonnengrüßen sage. Der Atem wird jedoch ganz von selbst arbeiten. Mein Guru sagte mir: Mach dir keine Gedanken über den Atem und die Ausrichtung. Das wird sich von selbst regeln. Meistens nimmt man ganz intuitiv die richtige Haltung ein. Natürlich sollte der Lehrer bei seinen Schülern immer darauf achten.

Sie haben neun Jahre mit Ihrem Guru Sri Swami Kailashananda in einem Ashram gelebt. Wie wichtig ist es, seinen richtigen Lehrer oder Guru zu finden?
Das hängt ganz von den Umständen des Schülers ab. Es gibt für jedes Bedürfnis und jeden Level den richtigen Lehrer. Oft fühlt sich der Schüler zu seinem Lehrer hingezogen. Es gibt viele Schüler, die es noch nicht so ernst meinen und Zweifel haben. Automatisch finden sie in dieser Phase den richtigen Lehrer, der ihnen die Asanas und Pranayama beibringt. Wer bereits viel Yoga praktiziert hat, diszipliniert ist, die Schriften studiert und Mitgefühl für andere hat, kultiviert ein großes Verlangen nach Befreiung. Derjenige braucht nicht mehr viel Hilfe von außen.

Was ist mit denjenigen, die sich spirituell weiterentwickeln wollen?
Es ist ziemlich schwierig, einen Lehrer zu finden, der vollkommen befreit und erleuchtet ist. Der Schüler sollte wissen, wie sich ein erleuchteter Lehrer verhält. Dieser sollte der Menschheit helfen, frei von Besitztümern und schlechten Angewohnheiten sein, losgelöst von allem. In der Bhagavad-Gita gibt es ein Kapitel, in dem steht, dass man einen Erleuchteten daran erkennt, dass er Mitgefühl für alle hat. Das ist sehr selten zu finden.

Infos im Internet: www.dharmayogacenter.com

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Katrin Knauth
Katrin Knauth, geboren 1977 in Dresden, arbeitet als freie Redakteurin und Yogalehrerin in Berlin. Zum Yoga fand sie 2002 während eines längeren Aufenthaltes in Vietnam. Katrin unterrichtet einen vom Vinyasa Flow geprägten Yogastil an verschiedenen Berliner Yogaschulen und Fitness-Studios. Ihr Fokus liegt auf Pre- und Postnatal Yoga sowie Kinderyoga.