© Robert Vente/Arkana
© Robert Vente/Arkana

Jack Kornfield gehört zu den wichtigsten spirituellen Lehrern der Gegenwart. Wie keinem anderen ist es ihm gelungen, Buddhismus und westliche Psychologie zu vereinen und unseren Ansprüchen entsprechend aufzubereiten. YOGA AKTUELL-Autorin Doris Iding hatte vor einigen Jahren die Gelegenheit, Jack Kornfield persönlich zu interviewen. Da seine Antworten kein bisschen an Aktualität verloren haben, wollten wir es euch nicht vorenthalten…

YOGA AKTUELL: Wie können wir in einer Zeit, in der Leistung und Funktionsfähigkeit im Vordergrund steht, liebevolle Gefühle für uns selbst entwickeln?
Jack Kornfield: Die Frage, wie wir Warmherzigkeit für uns selbst entwickeln können, ist für viele Menschen auf dem spirituellen Weg zur wichtigsten Frage überhaupt geworden ist. Menschen kommen zuerst häufig mit anderen Ideen, wie zum Beispiel dem Wunsch nach Erleuchtung oder dem Wunsch nach außergewöhnlichen Erfahrungen in meine Retreats. Aber wenn wir kein Wohlwollen für uns selbst empfinden, das die Basis auf dem spirituellen Weg bildet, werden auch all die anderen Dinge nicht erblühen.

Um Wohlwollen zu entwickeln, gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Es ist als ob man fragen würde: „Ich habe einen Garten. Wie kann ich ihn am besten pflegen?“ oder „Ich habe ein Kind. Wie kann ich lernen, mein Kind zu lieben? Wie kann ich es richtig ernähren? Wie kann ich mich im rechten Maß um es kümmern?“ oder „Wie kann ich meinem Kind Neugier dem Leben gegenüber vermitteln und wie Achtsamkeit?“ etc. Das heißt, diese liebevolle Zuwendung, die wir so dringend benötigen und die in unserer geschäftigen Gesellschaft verlorengegangen ist, braucht genauso viel Aufmerksamkeit wie die Zuwendung, die man seinem Kind schenkt – selbst wenn es manchmal in schwierigen Phasen ist.
Um liebevolle Güte zu erlangen, braucht man auch Ruhe, Entspannung, Zeit in der Natur – in den Bergen und in den Wäldern, Zeit, um Dinge zu lesen, die unsere Seele nähren und Zeit für Meditation und Gebete. In einer gewissen Weise kann man sagen, dass die spirituelle Praxis dafür da ist, um Liebe und Mitgefühl dorthin zurück zu bringen, wo sie verloren gegangen sind.

Welche Meditationspraxis würden Sie Menschen empfehlen, die sich auf den spirituellen Weg machen? Sollten sie mit einfacher Meditation beginnen oder sollten sie für mehrere Jahre ins Kloster gehen, so wie Sie es getan haben?
Womit man anfängt, hängt von der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Möglichkeiten ab. Einige Menschen beginnen damit, dass sie sich selbst gegenüber Wohlwollen entwickeln und Mitgefühl für andere Menschen praktizieren. Andere gehen zuerst einmal für ein bis zwei Wochen in ein Meditations-Retreat zu einem der vielen guten Lehrer. Wieder andere gehen für eine längere Zeit nach Indien oder nach Thailand in ein Kloster. Aber selbst wenn sie dies tun, müssen sie wieder zurück kommen und lernen, Wohlwollen und Warmherzigkeit im Supermarkt, beim Autofahren und in ihren Beziehungen zu praktizieren. Ich persönlich ermutige die Menschen immer dazu, mit einem „A“ anzufangen, d.h. das „A“ zu tönen.

Das hört sich ja sehr einfach an!
Ja, es ist einfach.

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Viele Menschen können bei einem Ihrer Retreats ihr Herz öffnen und tiefe Liebe empfinden. Aber dann ruft man in dieser Stimmung zu Hause an und wenn man vielleicht gerade in einer Beziehungskrise steckt, ist das Gefühl der tiefen Liebe allem gegenüber mit einem Mal wieder weg. Man fühlt sich unverstanden oder verletzt. Oder man fährt glücklich, erfüllt und voller Liebe am Ende des Aufenthalts nach Hause zurück – und schon am ersten Abend gibt es Streit mit dem Ehemann oder der Partnerin. In so einem Moment verschließt man sein Herz wieder und es entsteht das Gefühl, nicht sehr viel von dem umsetzen zu können, was man in Ihren Vorträgen gehört hat. Dann ist es aber doch nicht so einfach, oder?
So etwas passiert sehr vielen Menschen. Unsere intimsten Beziehungen sind auch gleichzeitig unsere schwierigsten. Hier ist der Ort, wo wir am offensten und gleichzeitig am verletzlichsten sind. In meinem Buch „Tor des Erwachens“ habe ich einige Geschichten darüber geschrieben, wie es dem Buddha nach seiner Erleuchtung erging. Als er nach seiner Erleuchtung nach Hause zurückkehrte, hat sein Vater ihn nicht akzeptiert. Ja, er war sogar sehr wütend darüber, dass sein Sohn mit einer Schale umherlief und um Essen bettelte. Buddha versuchte, seine Eltern zu überzeugen, aber sie hörten ihm nicht zu. Das gleiche passierte Jesus. Er hatte ebenfalls große Schwierigkeiten und sagte: „Ein Prophet gilt im eigenen Land nichts.“ Also wenn sogar der Buddha und Jesus Schwierigkeiten hatten, ist es verständlich, dass jeder andere Mensch diesen Schwierigkeiten ebenfalls begegnet. Wenn man die Praxis dort beginnt, wo die Beziehungen am schwierigsten sind, dann kann der Versuch schief gehen und man ist enttäuscht.
Deshalb sollte man zuerst dort üben, wo es einfach ist. Viele Menschen praktizieren Warmherzigkeit indem sie ihr Herz für einen spirituellen Lehrer öffnen, den sie lieben. Aber ich kenne auch Menschen, denen selbst dies schwer fällt. Sie praktizieren Warmherzigkeit zuerst einmal mit ihrem Hund, denn schließlich liebt er sie mehr als irgendjemand sonst auf der Welt – egal welche Laune sie haben. Diese bedingungslose Liebe, die ihr Hund auf sie ausstrahlt, ermöglicht es ihnen, Warmherzigkeit und Wohlwollen zu praktizieren. Dann beginnen sie mit der Praxis, indem sie zuerst ihren Hund bei der Meditation visualisieren. Nach und nach stellen sie sich dann Menschen bei der Meditation vor, die sie gerne haben und die sie leicht visualisieren können. Als nächstes stellen sie sich Menschen vor, zu denen sie keine Beziehung haben, um sich dann Menschen zu visualisieren, mit denen sie in einer engen Beziehung leben – selbst in schwierigen Zeiten.

Eine letzte Frage: Wenn Sie drei Wünsche offen hätten, was würden Sie sich wünschen?
Natürlich würde ich mir wünschen, dass alle Menschen erwachen, dass alle Menschen in ihrem Leid und ihrer Sorge Mitgefühl und Verständnis erleben. Ja, ich möchte, dass alle Wesen glücklich sind! (lacht herzlich und strahlt).

Herzlichen Dank für das Interview!

 

Weiterlesen:


Erleuchtung finden in einer lauten Welt von Jack KornfieldJack Kornfield:
Erleuchtung finden in einer lauten Welt – Buddhas Botschaft für den Westen,
Arkana Verlag 2013

 

 

 

 

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Doris Iding
Doris Iding ist Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin. „Selbstbewusstsein statt Selbstoptimierung“ spielen für sie die zentrale Rolle. Sie vermittelt, wie wir spielerisch und mit einem Augenzwinkern zu uns selbst finden können, ohne uns dabei in Oberflächlichkeiten zu verlieren. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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