Die Yogalehrerin Christine Ranzinger hat den Lockdown in Indien verbracht und dort ihr neuestes Buch Innere Freiheit geschrieben. Es schenkt den Leserinnen und Lesern tiefe Einblicke in den Transformationsprozess, der uns auf dem Weg des Yoga begegnen kann – vorausgesetzt, wir lassen los, was nicht mehr zu uns gehört.

Interview

@ Nicolas Olonetzky

YOGA AKTUELL: Dein neues Buch „Innere Freiheit“ ist gerade erschienen. Darin öffnest du dich sehr. Was ist für dich die wichtigste Aussage deines Buches?

Christine Ranzinger: Freiheit ist immer möglich! Wir können uns, egal, an welchem Punkt unseres Weges wir uns gerade befinden, stets mit der uns innewohnenden Göttlichkeit verbinden. Dafür sind die Meditationen im Buch ein Weg, der sich als sehr effektiv herauskristallisiert hat. Der Lebenszyklus des Schmetterlings ist hier die Metapher für psychologische Befindlichkeit, die wir durch die Meditationen „durchlichten“ können, um bewusst mit unserem Wesenskern zu verschmelzen.


Du hast die Zeit während des Lockdowns in Indien verbracht und dort das Buch geschrieben. Was hat dir die Zeit dort besonders gebracht?
Indien birgt für mich eine Qualität, die mich sehr in meiner persönlichen Praxis unterstützt. Durch den Lockdown blieb ich länger als üblich und konnte mich durch das sehr mit der Natur verbundene Leben und die Reduktion auf das Wesentliche mehr als eins mit ihr erleben – zum Beispiel ernteten wir unsere Nahrung von den Feldern hinter dem Haus und wir hatten den langen Sandstrand quasi vor der Haustür. Ich hatte Zeit für Reflexion und Selbsterkenntnis.

Wie war es für dich, aus der Distanz auf Deutschland zu schauen?
So, als ob ich zwei Filme zur gleichen Zeit sehen würde! Ich war extrem dankbar, dass ich mich dafür entschieden hatte, dortzubleiben. Es war sehr entspannt dort, und ich konnte noch tiefer verinnerlichen, dass weder das äußere Umfeld noch meine emotionale Reaktion auf das, was geschieht, das ist, was ich wirklich bin. Mein Bewusstsein hatte Zeit, die Inhalte meines Denkens zu assimilieren, könnte man sagen.

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Du beschreibst in deinem Buch auch deine eigene Metamorphose. Wie genau hat diese ausgesehen?
Wie ein gelebtes Leben. Ich glaube, dass da fast jeder Mensch seine ganz eigene Metamorphose durchlebt. Bei mir war es ein als psychische Krankheit diagnostizierter Zustand, der mich in den individuellen Kokon zurückstieß, in anderen Kulturen wären vielleicht mithilfe eines Schamanen Tore in andere Welten geöffnet worden. Bei mir stand schon immer der Wunsch nach innerer Freiheit ganz obenan, das habe ich mir wohl als Lebensmotto gewählt. Zunächst einmal musste ich jedoch die Strukturen meiner Emotionen und Gefühle durchleuchten und mich selber besser kennenlernen, das geschah in meinem Fall z. B. auch durch körperbetonte Psychotherapie.

Du lässt den Leser auch teilhaben an deiner eigenen psychischen Entwicklung. Warum war es dir so wichtig, das zu teilen?
In erster Linie, weil ich glaube, dass es für Menschen, die von unserer Medizin als „psychisch krank“ diagnostiziert werden, hilfreich sein kann, wenn sie von meinen Erfahrungen lesen und davon, dass auch dann ein spiritueller Weg möglich ist. Und weißt du, die Metapher des Schmetterlings und die Idee zu diesem Buch hat mich ja sieben Jahre lang begleitet, und ich wusste nie genau, warum ich das Projekt nicht abschließen konnte. Als ich dann irgendwann auf dem Rücken im Meer trieb, – das war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen dort, – kam es mir einfach in den Sinn, dass ich meine Autobiografie mit in den Lebenszyklus des Schmetterlings einweben musste, geistige Gesundheit in Zeiten des Wandels bzw. durch den Wandel der Zeit. Ich habe lange damit gezögert, denn ich bin als Mensch eher etwas scheu, und ich habe es immer vermieden, mich damit zu zeigen. Ich hatte Bedenken bezüglich eventueller Vorurteile und dergleichen. Aber nachdem in diesem Leben ohnehin nichts von Dauer ist, habe ich mich über diese Bedenken und auch die Bequemlichkeit des Stillschweigens hinweggesetzt.

Wie genau haben Yoga und Meditation dir geholfen, mit deiner bipolaren Störung klarzukommen? Was würdest du Menschen raten, die betroffen sind?
Für mich hat sich in diesem Kontext eine auf Asana und Achtsamkeit (Bewusstsein für den natürlichen Atem) ausgerichtete Praxis von Yoga und Meditation als hilfreich erwiesen. Das würde ich auch Menschen mit einer ähnlichen Indikation empfehlen, also weniger grenzerweiternd als körperbetont und zentrierend arbeiten. Zudem empfiehlt sich aus meiner Sicht in vielen Fällen eine Begleitung, etwa durch eine Psychotherapie bei einem Menschen seines Vertrauens. Für mich hat es auch bedeutet, dass ich die Sehnsucht nach der Auflösung im Göttlichen – im Selbst, nenne es, wie du magst, den Wunsch nach Erleuchtung für einige Jahre hintenan stellen musste. Es war mir wichtiger, körperlich und geistig gesund zu werden, als erleuchtet. Später durfte ich dann erleben, dass beides möglich ist, auch davon schreibe ich ja im Buch… Nicht zu unterschätzen ist gnadenlose Ehrlichkeit, auch und gerade sich selbst gegenüber und darauf zu achten, dass das Wachstum der Emotionen im Einklang mit den gedanklichen Prozessen und Visionen stattfindet.

Welche drei Tipps kannst du den YOGA AKTUELL Leserinnen und Lesern geben, um jetzt gesund durch diesen Herbst und Winter zu kommen – oder anders ausgedrückt durch diese Pandemie?
Erstens: Entspannt bleiben, ganz gleich was passiert.

Zweitens: das Immunsystem stärken, Nahrungsergänzung, den Körper fit halten, die Atemübungen des Yoga in den Alltag einbauen. Sich zentrieren und das Element der Mitte – die Erde – stärken.

Drittens: Vertrauen, dass es eine Intelligenz hinter meinem oder deinem Denken gibt, die weiß, was passiert. Und das bedeutet für mich nicht, den äußeren Film nicht wahrzunehmen. Aber, und: Ich nehme mir den Freiraum, mich nicht damit zu identifizieren. Vielleicht sind wir ja an der Schnittstelle ins Goldene Zeitalter. Um im Bild des Schmetterlings zu bleiben: im Kokon, in dem sich die Raupe verpuppt und in dem die Informationen des Neuen bereits vorhanden sind. 

Und schlussendlich kommt mir in letzter Zeit immer wieder der Gelassenheitsspruch in den Sinn: Gott gebe mir das Vertrauen, die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden …

Herzlichen Dank für das Interview!

(c) Christine Ranzinger

Zum Weiterlesen:
Christine Ranzinger. Innere Freiheit. Synergia Verlag 2020

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Doris Iding
Doris Iding ist Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin. „Selbstbewusstsein statt Selbstoptimierung“ spielen für sie die zentrale Rolle. Sie vermittelt, wie wir spielerisch und mit einem Augenzwinkern zu uns selbst finden können, ohne uns dabei in Oberflächlichkeiten zu verlieren. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.
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