Im Herbst erschien das neue Buch von Patrick Broome, Yoga für dich. Darin stellt er viele schöne Yogasequenzen und Meditationen vor. Was aber, wenn der innere Schweinehund so groß ist, dass man es gar nicht auf die Matte schafft oder nach fünf Minuten gleich wieder aufspringt? Patrick beantwortet diese Fragen in einem Interview.

Interview

YOGA AKTUELL: In deinem neuen Buch beschreibst du sehr schöne Yogasequenzen und Meditationen. Du erklärst, wie gut es tut, sie zu praktizieren. Was mir persönlich fehlt, ist eine Einbeziehung der Hindernisse, die uns davon abhalten können, täglich zu praktizieren. Vielleicht bin ich da eine Ausnahme, aber ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich täglich aufs Meditationskissen und auf die Matte gefunden habe. Ziemlich viele Jahre sogar. Anna Trökes erzählte in einem Interview zum Thema Meditation, dass 80% der Leute, die anfangen, wieder aufhören. Das ist ganz schön viel! Kennst du keine Hindernisse?

Patrick Broome: Natürlich gibt es und kenne ich aus eigener Erfahrung diese Hindernisse auf dem Weg. Sie werden in allen großen spirituellen Disziplinen beschrieben. Runtergebrochen lassen sich diese Hindernisse als Schmerz, Unruhe, Trägheit und Zweifel identifizieren. Schmerzen oder gesundheitliche Probleme können uns genauso wie innere Unruhe oder Trägheit (Faulheit) von der Praxis abhalten. Mit Vertrauen in die Wirksamkeit der eigenen Praxis können aber alle Zweifel, und damit auch die anderen zwei inneren Faktoren (Unruhe und Trägheit), in den Griff bekommen werden. Und wenn ich krank oder verletzt bin, dann kann ich meine körperliche Praxis entsprechend modifizieren. Ich finde es völlig in Ordnung und nur menschlich, wenn man entsprechend seiner aktuellen körperlichen und mentalen Verfassung übt. Zu häufig wird die Praxis immer noch als eine Art „Drill“ verstanden, dem man sich zu unterwerfen hat. Ich sehe das komplett anders: Die Praxis ist für mich, und ich passe sie meinen Bedürfnissen an – ich passe mich nicht einer Praxis an. Ich weiß, dass viele jetzt hier aufschreien, aber bitte: Leute, macht das, von dem ihr glaubt, dass es euch guttut. Ich mache mittlerweile nur noch das, was mir guttut.

Besonders gut gefällt mir deine Aussage, dass Veränderungen nur dann deutlich werden, wenn man ausdauernd und beständig über Jahre hinweg übt. Dieses Buch bietet keine schnellen Lösungen, keine Garantie. Das finde ich sehr schön und sehr wichtig. Dieser Aspekt geht meiner Ansicht nach häufig unter. Yoga wird immer noch gerne als schnelles Allheilmittel verkauft, so als bräuchte es nur einen Acht-Wochen-Kurs, um ganz bei sich anzukommen. Für mich persönlich lautet das Motto: Achtsamkeit beginnt dort, wo Bequemlichkeit aufhört. Denn wenn wir echte Transformation erfahren wollen, kann es ja mitunter ganz schön unbequem werden. Wie ist deine Meinung dazu?
Damit sind wir mitten in der gerade angesprochenen Thematik. Unbequem vielleicht, aber warum sollten wir nur an der Qual wachsen können. Persönlich glaube ich mittlerweile, dass das Gegenteil der Fall ist. Ich denke, wir wachsen nur oder kommen uns nur dann wirklich näher, wenn wir gut mit unserem Körper und Geist umgehen. Wenn wir endlich damit aufhören, jemand oder etwas anderes zu sein zu wollen, und uns dafür schätzen lernen, wer wir bereits sind. Mark Whitwell beispielsweise betont das immer wieder. Es geht nicht darum, irgendwo anzukommen, wo wir noch nicht sind, sondern endlich dort anzukommen, wo wir bereits sind. Transformation heißt für mich immer mehr, mich mit dem, was ist, auszusöhnen und nicht mehr irgendeinem Idealbild von mir, den anderen oder davon, wie die Welt zu sein hat, hinterherzurennen.

Wie hilft Yoga dir dabei?
Yoga gibt mir ganz klar die Kraft, diesen Versöhnungsprozess täglich zu unterstützen. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse über die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu regenerieren und neu zu strukturieren, unterstützen meine Erfahrung. Dieses adaptative Potenzial unseres Nervensystems erlaubt es dem Gehirn, sich nach einer Störung oder Verletzung wieder zu erholen. Und das nicht nur physiologisch, sondern auch in Bezug auf unsere emotionalen Reaktionen auf frühkindliche oder spätere traumatische Erfahrungen. Durch gezieltes Training (Konzentration, Meditation etc.) können wir unsere Gehirnstruktur und unser Denken und Fühlen verändern. Und das auf ganz undramatische, liebevolle und versöhnliche Art und Weise. Aber – und ich denke da sind wir beide uns absolut einig – wir müssen beständig dranbleiben, wenn wir selbstschädigende Muster wirklich langfristig auflösen wollen.

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Du sprichst auch das Karma an, dahingehend, dass jede Handlung eine Konsequenz hat. Irgendwann wurde mir bewusst, dass nicht nur jede Handlung, sondern auch jeder Gedanke Konsequenzen hat, ebenso auch jedes Nicht-Handeln. Das hat bei mir einen inneren Wandel vollzogen und noch mal zu mehr Bewusstheit geführt, wirklich auf alle Gedanken und auf alle Taten zu achten. Aber manchmal – oder auch immer noch oft – bin ich unbewusst und tue etwas, das nicht gut ist… Wie damit umgehen?! Hast du eine Empfehlung für mich? Und wie gehst du mit deinen Handlungen um, von denen du weißt, dass sie nicht okay sind?
Natürlich verstehe ich die Yogaphilosophie, die hinter diesem Ansatz steckt. Und es freut mich, wenn du da für dich einen Schritt weitergekommen bist. Mir persönlich geht das aber zu weit. Achtsam mit meinen Gedanken ja, aber ich halte es da lieber mit dem Sprichwort „Die Gedanken sind frei“. Ich mag es nicht, wenn spirituelle Praxis zu einer Art Gedankenkontrolle wird. Wenn das moralische Über-Ich mich mit all meinen Wünschen, Aggressionen und Ängsten zensiert. Ich möchte meinen Gedanken freien Lauf lassen, und dann bewusst aussortieren, welchen Impulsen oder Gedanken ich folge oder eben nicht. Mir bewusst und achtsam überlegen, ob das Ausleben dieser Fantasien anderen vielleicht Schaden zufügt oder nicht. Aber in meinem Kopfkino möchte ich mich nicht einschränken lassen. Mein großartiger Meditationslehrer Godfrey Devereux hat mal auf einem Retreat gesagt, dass wir in der Meditation niemals unsere Gedanken einschränken sollten. Jede Fantasie ist erlaubt: „Wir sollten uns dafür feiern lassen, das Tor zur WM zu schießen, oder großartigen Sex mit Brigitte Bardot genießen. Alles sollte möglich sein. Zensur führt uns niemals in die Freiheit“. Und wenn ich dann daraus resultierend auch mal was Dummes mache, dann heißt es für mich Kopf hinhalten und dafür geradestehen. 

Abschließend noch eine Frage: Wenn du drei Wünsche hättest, welche wäre das?
„Was ist dein Motto?“, „Welche Weisheit willst du mit den Lesern teilen?“, „Welche drei Wünsche hast du?“ – das sind genau die Fragen, auf die ich immer wieder in Interviews oder Fragebögen stoße, und die ich ganz ehrlich überhaupt nicht mag. Ich erlebe immer, wie mir das Druck macht, schlagfertig, lustig, intelligent und moralisch einwandfrei zu antworten. Also, mein Wunsch ist es, diese genannten Fragen nie mehr gestellt zu bekommen. Und natürlich wünsche ich mir und meiner Familie Gesundheit, ein Leben frei von Sorgen sowie Weltfrieden, aber wer tut das nicht?

Herzlichen Dank für das Interview!

www.patrickbroome.de

Zum Weiterlesen:
Patrick Broome: Yoga für dich. So einfach ist es, täglich Yoga zu üben, Knaur Balance

Ein ausführliches Interview mit Patrick Broome, in dem er u.a. über seine persönliche Praxis spricht, findest du in YOGA AKTUELL Heft 125!

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