In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Pyar Troll-Rauch ist Ärztin, Autorin und spirituelle Lehrerin – und sie ist das, was als „erwacht“ bezeichnet wird. Mit YOGA AKTUELL sprach sie über verquere Vorstellungen von Erleuchtung, das heilsame Ent-Täuschen dieser Illusionen und die Herausforderungen einer Integration der Erleuchtung ins tägliche Leben
Was haben alte Geschichten über die Erleuchtung und Liebesfilme gemeinsam? Beiden hören immer am spannendsten Punkt auf. Das Paar hat sich nach vielen Schwierigkeiten endlich gefunden und heiratet. Wie es aber mit der ersten einsetzenden Routine, der ersten Krise oder einem Seitensprung umgeht, erfährt der Zuschauer nicht mehr. Bei Geschichten über die Erleuchtung verhält es sich ähnlich. Nach vielem Ringen hat der Schüler endlich die Erleuchtung – und dann hört die Geschichte auf. Wie aber integriert er die Erleuchtung in seine Arbeit, seine Liebesbeziehungen oder in seinen Alltag?

Geschichten und Anleitungen, die sich mit der Integration von spirituellen Erfahrungen beschäftigen, gibt es heute noch nicht allzu viele, dabei sind sie so wichtig. Denn was nützt uns die tiefste Erleuchtungserfahrung, wenn wir sie nicht in alle Bereiche unseres Lebens integrieren? Wie kann Erleuchtung oder Erwachen im Alltag gelebt werden? Und wer kann uns als Vorbild, als neues Modell dienen, um aufzuzeigen, wie spirituelle Erfahrungen in unseren Alltag integriert werden können? Pyar Troll-Rauch zum Beispiel. Vor 10 Jahren spirituell erwacht, liegt es der Münchner Ärztin, Autorin und spirituellen Lehrerin heute mehr denn je am Herzen, dass Spiritualität in den Köpfen der Menschen nicht etwas Abstraktes, Abgehobenes oder Weltfremdes bleibt, sondern in den Alltag integriert wird.

In ihrer natürlichen, intelligenten und zugleich einfachen Art zeigt Pyar in ihrem neuen Buch „Wir – Wege zur Verbundenheit“ auf, wie wichtig es ihr ist, dass wir das Bewusstsein entwickeln, dass wir persönlich alle miteinander verbunden sind. Für Pyar ist persönliches Erwachen nicht losgelöst von anderen Wesen zu betrachten, sondern das persönliche Erwachen und die kollektive Verantwortlichkeit müssen für sie Hand in Hand gehen. Ihrer Meinung nach sind wir auf spiritueller, geistiger, emotionaler und körperlicher Ebene miteinander verbunden – mehr als uns oftmals bewusst ist. Schließlich leben wir gemeinsam auf einem Planeten und unsere Gedanken, Worte und Taten haben Einfluss auf ein riesiges Netz der Interaktion, weil es letztendlich keine Grenzen zwischen allen Wesen gibt, sondern nur Verbindungen!

Interview

YOGA AKTUELL: Das Schwerpunktthema dieses Dossiers lautet spirituelle Erfahrungen. Du bist durch dein Buch »Die Reise ins Nichts« bekannt geworden, weil du darin eine tiefgreifende Erfahrung beschreibst. Kannst du diese Erfahrung noch einmal aus heutiger Sicht schildern?

Pyar: Aus heutiger Sicht erfuhr ich vor ca. 10 Jahren die tiefe Einheit aller Wesen und Dinge und die tiefe Einheit aller Wesen und Dinge mit dem Göttlichen. Ich erfuhr die Einheit von Form und Raum in aller Lebendigkeit. Das Wunder dabei ist für mich, dass mir diesmal – im Gegensatz zu früheren kurzen Momenten der Einsicht – dieses Gewahren zugänglich blieb. Daher verlangte es in den folgenden Jahren Integration und Umsetzung ins Leben.

In welchen Bereichen hast du die Integration als besonders große Herausforderung betrachtet?

Pyar: Eines der Themen, die in den letzten Jahren auf mich zukamen, war wie sich Beziehung im Raum der Einsicht praktisch gestaltet. Alte Gewohnheiten waren teilweise nicht mehr lebbar und neue noch nicht entwickelt. Hier musste ich viel lernen. Integration ist immer ein Prozess und man empfindet sie immer als Herausforderung – ich genauso wie alle anderen Menschen. Und ich habe den Eindruck, dass wir uns alle gerade jetzt dieser Herausforderung mehr als je zuvor stellen müssen in Anbetracht der ökologischen Probleme, die wir haben und die wir der Erde bereiten. Wir müssen alle lernen, uns wirklich als Wir zu begreifen. Wir müssen die Einsicht entwickeln, dass wir Menschen untereinander und wir Menschen mit allen anderen Wesen in einer tiefenwirksamen Verbindung und wechselseitigen Abhängigkeit stehen. Diese Verbindung trägt und fordert uns zugleich. Aus dieser Einsicht heraus ist es uns möglich, unser Denken nachhaltig zu verändern, und heilsamer für uns selbst, im Sinne unserer Mitmenschen und des Planeten zu handeln.
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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.