In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Und gleichzeitig sind die Wege immer noch sehr männlich geprägt und entsprechend vorgegeben.
Das patriarchale System war tausende von Jahren lang selbstverständlich und wurde nicht infrage gestellt. Für Frauen stellt sich im Umgang mit den traditionellen spirituellen Systemen oft heraus, dass die Methoden männlich geprägt sind und an weibliche Voraussetzungen angepasst werden sollten. Hier besteht Nachholbedarf. Ich selbst beschäftige mich mit diesen Themen bereits seit 40 Jahren und empfinde es so, dass wir uns hier in einer sehr glücklichen Situation befinden. Es wird uns nicht übelgenommen, wenn wir Fragen stellen und gar hinterfragen. Wir lernen, zwischen Religion und Spiritualität zu unterscheiden. Die Religion ist sozusagen die kulturgebundene Verpackung, das Äußere, während die Spiritualität, der Kern, nicht an Kultur gebunden, sondern allgemeingültig ist.

Wenn wir mehr auf die Spiritualität schauen würden als auf die Religion, hätten wir wahrscheinlich weniger Kriege, oder?
Der Dalai Lama sagte sogar einmal, dass seine Zukunftsvision eine Spiritualität ohne Religion sei. Die Religion ist das Sekundäre, sie ist nicht das, worum es eigentlich geht. Das größte Extrem spiegelt sich meiner Meinung nach im Islam wieder. Da gibt es auf der einen Seite den Sufismus, die islamische Mystik, die wunderschön und hochentwickelt ist, und auf der anderen Seite einen Islam, der im Einhalten traditioneller Regeln schon die Vollendung der Religion sieht und keine Spiritualität mehr erkennen lässt.

Wie würden Sie Spiritualität definieren?
Ich definiere das vom buddhistischen Standpunkt aus so: Es geht darum, die große Kluft zwischen Ich und Anderen zu überwinden. Die Selbstumklammerung des Ich macht den einzelnen Menschen einsam und sperrt ihn in sich ein, in einer inneren Scheinwirklichkeit. Mitgefühl kann diese Barrieren durchbrechen. Deshalb ist die Entwicklung von klarsichtigem Mitgefühl eines der wichtigsten Mittel der spirituellen Entwicklung.

Ich würde gerne noch einmal auf Ihr Buch zurückkommen. Das Mädchen durchläuft einen Initiationsprozess. Gibt es einen Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Prozess?
Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Im Gesamtkontext der Richtung des tibetischen Buddhismus, die ich am besten kenne, bekommen alle Mönche, Nonnen und nichtklösterlichen Praktizierenden dieselben Einweihungen. Ich habe selbst kein 3-Jahres-Retreat absolviert, weiß aber, dass die Nonnen in diesen großen Retreats in eigenen Methoden unterwiesen werden. Diese Unterschiede sind sicherlich sehr sinnvoll, weil hier einerseits der männlich dominierten Energie entsprochen wird und andererseits der weiblich dominierten Energie. Vom Begründer des Tibetischen Buddhismus, Padmasambhava, ist die Aussage überliefert, dass Frauen leichteren Zugang zu Meditationen haben, weil sie dem Fühlen näher sind, während für die eher am konzeptuellen Denken orientierten Männer viel Studium nötig ist, um den Weg zu meditativen Erfahrungen zu ebnen.

Ich war erstaunt, dass in dem Buch viele sehr komplexe Belehrungen stehen …
Ja, wenn man sich damit auseinandersetzen will, dann findet man viele eingestreute Aspekte der buddhistischen Lehren. Wer sich auf die Feinstruktur der Geschichte einlässt, erkennt natürlich die Vielschichtigkeit, weil die Lehren unmittelbar mit den Erfahrungen der Protagonisten einhergehen. Andere lesen vielleicht einfach nur einen spannenden, historischen Schmöker aus dem Buch heraus. Das geht auch. (lacht)

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Vielen Dank für das Interview!

Infos

Ulli Olvedi Autorin des Buches Die Yogini (erschienen im Arkana Verlag) hat mehrere erfolgreiche Romane und Sachbücher geschrieben. Sie ist diplomierte Qigong-Lehrerin und ausgebildet in Atemarbeit, buddhistischer Philosophie und Psychologie sowie Meditation. Sie gründete eine Hochschule für traditionelle tibetische Medizin in Kathmandu, Nepal. Darüber hinaus leitet sie den Tashi Delek e.V. zur Unterstützung exiltibetischer Klöster und ist als Leiterin buddhistisch geprägter Seminare bekannt.
www.ulli-olvedi.de

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.