Ulli Olvedi zählt zu den bekanntesten spirituellen Autorinnen im deutschsprachigem Raum. Ihr neuer Roman „Die Yogini“ erzählt eine Einweihungsgeschichte aus Tibet. Im YOGA-AKTUELL-Interview diskutieren wir mit ihr über weibliche Spiritualität und über die immerwährende menschliche Sehnsucht nach Liebe und Sinn

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Interview

YOGA AKTUELL: Ihr neues Buch „Die Yogini“ ist vor Kurzem erschienen. Können Sie kurz sagen, worum es Ihnen dabei geht?

Ulli Olvedi: Es ist nicht so, dass ich mir die Themen meiner Bücher aussuche. Es ist vielmehr so, dass die Geschichten und Personen zu mir kommen. Und dann sind sie auch sehr präsent und wollen geschrieben werden. Wenn sie einmal da sind, habe ich keine Chance, über etwas anderes zu schreiben. Einmal wurde mir nahegelegt, ein anderes Thema zu suchen, da mein Buch von einer Sterbenden handelte. Aber es wäre mir nicht möglich gewesen, über etwas anderes zu schreiben. Die Geschichte war da. Die Personen waren da. Sobald ein Roman zu Ende geht, kommt die nächste Geschichte. So geht das bereits seit allen meinen acht Romanen.

Wovon handelt das Buch?
Der Inhalt hat mich überrascht, als das Buch zu mir kam. Es spielt im 18. Jahrhundert des Alten Tibet. Die Geschichte beginnt mit zwei kleinen Mädchen, die gemeinsam aufwachsen. Eines der Mädchen wurde unter besonderen Glückszeichen geboren und ist deshalb ein besonderes Mädchen. Die andere ist die „Unbesondere“, so empfindet sie sich selbst. Aufgrund der Besonderheiten des einen Mädchens wird ein Lama geholt, und die beiden werden spirituell erzogen. Im Verlauf des Buches wird aber aus der Unbesonderen eine besondere Frau, die in die „Weisheitsmethoden der Töchter“ eingeweiht wird. Sie erlernt die überlieferten tantrischen Lehren der Yoginis und die Kontrolle über die subtilen Energien des Körpers. Es ist ihre teils sehr dramatische Lebensgeschichte von der Geburt bis zum Tod. Innerhalb dieser Geschichte gibt es verschiedene Spannungsebenen, die immer in Beziehung zueinander stehen – die äußeren Geschehnisse und die innere Entwicklung des Mädchens.

In dem Buch zeigen Sie auch auf, dass der weibliche spirituelle Weg dem männlichen spirituellen Weg ebenbürtig ist. Ist das auch tatsächlich so gewesen?
Ja, schon. Im Äußeren war er schwieriger, weil er von der bestehenden Gesellschaft nicht angeboten wurde. Aber inhaltlich gab es keine Unterschiede.

Ich persönlich finde es spannend, dass Sie dieses Thema auf das 18. Jahrhundert rückdatieren. Ist es momentan nicht auch gerade sehr aktuell, dass die Spiritualität noch sehr männlich und patriarchalisch geprägt ist und weibliche spirituelle Lehrerinnen erst langsam Gehör bekommen?
Es gibt menschliche Grundthemen, die sich nie ändern werden. Menschen sind Menschen. Und zu diesen menschlichen Themen gehört das Phänomen „männlich und weiblich“. Das Spannungsfeld, das sich daraus ergibt, ist natürlich ganz unterschiedlich und hängt von verschiedenen, vor allem kulturellen Faktoren ab. Wie sich die Sehnsucht nach spiritueller Entwicklung durchsetzt und wie sich ein persönlicher Weg dann entwickelt, ist ebenfalls ganz unterschiedlich. Vom buddhistischen Standpunkt sieht man das so, dass man im Allgemeinen als potenzieller Mensch geboren wird und die Möglichkeit hat, zu einem tatsächlichen Menschen zu reifen. Die Sehnsucht danach muss sich allerdings durchsetzen, sonst kommt man gar nicht auf die Idee, dies zu wollen.

War es in Tibet im 18. Jahrhundert leichter, dass sich diese Sehnsucht durchsetzen konnte?
In Tibet waren die Voraussetzungen deshalb so gut, weil es sozusagen ein sehr starkes spirituelles Energiefeld war, in dem es großartige spirituelle Lehrer und in geringem Maße auch Lehrerinnen gab. Unsere Situation ist ganz anders. Aber prinzipiell ist die grundlegende Sehnsucht der Menschen immer die gleiche – Sehnsucht nach Liebe und Sinn.

Im Moment ist das Interesse an Yoga und Buddhismus hierzulande sehr groß. Das heißt, dass die Sehnsucht der Menschen, sich spirituell weiterzuentwickeln, hier in den letzten Jahren ebenfalls durchkommen konnte, oder?
Wenn die menschlichen Grundbedürfnisse befriedigt sind – ein Dach über dem Kopf, Nahrung, eine sinnvolle Tätigkeit und vertraute Menschen –, kann ein geistiger Raum entstehen. Darin kann sich die Sehnsucht nach spiritueller Entwicklung manifestieren. Insofern haben wir eine recht privilegierte gesellschaftliche Situation, zumindest für Menschen, die ihre Lebenssituation schon gefestigt haben.

Ihre Protagonistin macht sich jedoch bereits in jungen Jahren auf den Weg. Sie beschreiben in im Buch sehr schön, wie schwer es für sie als Mädchen war, den spirituellen Weg zu gehen. Z.B. gibt es eine Stelle im Buch, wo Lenjam, die Protagonistin, spirituelle Texte lesen möchte und ein Lama dies verhindern will, weil sie ein Mädchen ist. Ich habe daraus gelesen, dass es für Jungen viel einfacher war, Zugang zum spirituellen Wissen zu bekommen …
Ja, das war in der tibetischen Gesellschaft auf jeden Fall so, nicht anders als bei uns in früherer Zeit. Mir scheint, dass heute mehr Frauen an ihrer Persönlichkeitsentwicklung und spirituellen Entwicklung interessiert sind als Männer. Es mag wohl jetzt eine Epoche sein, in der sich das lange unterdrückte weibliche Prinzip auch auf spiritueller Ebene befreien muss.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.