Urmila Devi ist spirituelle Lehrerin in der Tradition des Inders Sri Sri Ravi Shankar sowie Sängerin und Poetin. Mit YOGA AKTUELL sprach die hochrangige Autorität der „Art of Living Foundation“ über die Geheimnisse von Sudarshan Kriya Yoga, die Unterschiede zwischen Yoga im Westen und in Indien und die Einfachheit spirituellen Wissens
YOGA AKTUELL: Was ist Yoga für Sie?

Urmila Devi
: Yoga heißt, in Einklang zu sein mit dem Selbst, sich in jedem Augenblick im Leben dessen gewahr zu sein und in der Gegenwart zu leben. Wenn man in der Gegenwart lebt, ist man im Einklang mit dem Selbst. Yoga heißt nicht nur, im Einklang mit dem eigenen Wesen zu sein, sondern mit der gesamten Schöpfung – nicht getrennt zu sein, sondern die Einheit mit allen anderen zu fühlen.

YA: Die „Kunst des Lebens Kurse“ nach Sri Sri Ravi Shankar sind populär und werden weltweit angeboten. Welche Techniken und Methoden werden in den Kursen gelehrt?

U.D.: In unseren Kursen lernt man ein dynamisches Annehmen, ein dynamisches Geschehenlassen. Nur wenn man eine Situation annimmt, kann man dafür etwas unternehmen. Wenn man eine Situation nicht annimmt, dann ist der gesamte Organismus gestresst; man ist nicht ruhig und kann deshalb nichts in der Gegenwart dafür unternehmen. Das Leben läuft immer in der Gegenwart ab. Die Vergangenheit ist durch die Gegenwart gegangen, die Zukunft wird immer in der Gegenwart geplant. Es gibt nichts, was nicht durch die Gegenwart geht. Das Geheimnis des Lebens liegt im gegenwärtigen Augenblick.

Wir gehen davon aus, dass es verschiedene Ebenen des Daseins gibt. Die Gefühlsebene, die Gedankenebene, die physische Ebene und die seelische Ebene. In unseren Kursen praktizieren wir Asanas und Pranayamas, sowie eine intensive Atemtechnik, die Sudarshan Kriya heißt. Mit dieser Technik wird Stress auf allen Ebenen reduziert, die Schlacken in den Zellen werden abgebaut und der Körper lädt sich mit Prana auf.

YA: Können Sie beschreiben, wie Sudarshan Kriya funktioniert?

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U.D.: Das ist schwierig zu beschreiben. Es ist genauso, als wollte ich jemandem beschreiben, wie eine Mango schmeckt, der noch nie eine Mango gegessen hat. Im gesamten Universum gibt es einen Rhythmus, das Leben hat einen Rhythmus: Kindheit, Jugend, Alter und Tod. Genau so hat jeder Mensch, haben der Körper, die Gefühle, die Gedanken und die Seele einen Rhythmus. Wenn das alles nicht im Einklang miteinander ist, dann gibt es Stress und Krankheiten. Wenn es jedoch in Einklang miteinander ist, dann ist das Leben wie Musik. Sudarshan Kriya bringt die verschiedenen Ebenen und Rhythmen des Daseins miteinander in Einklang, in Harmonie. Sudarshan Kriya neutralisiert die zellschädigende Wirkung von freien Radikalen und ist damit ein natürliches Antioxidans, ein Verjüngungsmittel.

YA: Welche Techniken helfen bei Stress?

U.D.: Wenn man jeden Tag Pranayamas und Sudarshan Kriya praktiziert, kann man seinen täglichen Stress bewältigen. Wir haben für Zuhause ein ca. 25-minütiges Programm entwickelt, mit dem man sich jeden Morgen in einen Zustand der Frische voller Prana bringen kann, so dass die Tagesherausforderungen leichter zu bewältigen sind.

YA: Was ist die Mission der „Art of Living Foundation“?

U.D.: Svastha (Natürliches Sein) und Vasudhaiv Kutumbakam (Die ganze Welt ist deine Familie.). Das kann man nur dann fühlen und leben, wenn man selbst in einem ruhigen Geisteszustand ist, wenn man aus seinem Selbst heraus lebt. Solange man nicht sein Selbst erlebt hat – also das ‚Unsterbliche Selbst’ mit dem großen ‚S’ – ist es schwierig, das alles zu verstehen. Die Mission von „Art of Living“ ist: Licht, Liebe, Leichtigkeit, Natürlichkeit und Lächeln ins Leben zu bringen, damit man das Leben nicht so schwer trägt, sondern mit Freude lebt. Und das Leben ehrt.

YA: Sehen Sie einen Unterschied zwischen Yoga, wie er im Westen praktiziert wird, und Yoga in Indien?

U.D.: Wir in Indien sagen, der Westen ist körperbetont und der Osten ist seelebetont. Dieser Unterschied ist oft da. Mein erster Eindruck von den hiesigen Yogaschulen war, dass Yoga als Körperübungen verstanden wird, vielleicht ist es jetzt anders. Ich fand, dass der spirituelle Aspekt wenig darin enthalten war. In Indien ist das geistige Wissen ein wesentlicher Teil von Yoga. Die Menschen, die dort Yoga praktizieren, bemühen sich, nach dem yogischen Wissen zu leben.   

YA: Sie haben Philosophie studiert und sind Musikerin und Poetin. Viele Ihrer selbst verfassten rund 100 Gedichte basieren auf yogischem Wissen und sind als Ragas vertont. Worum geht es in Ihren Liedern?

U.D.: Ich bin in einer sehr spirituellen Umgebung aufgewachsen. In unserer Familie haben die Frauen traditionell Musik gelernt. Wir haben „Devotional Songs“ und Ragas gelernt. Die Gedichte, die ich selbst schreibe, sind voll von tiefem Wissen, Erkenntnissen und Sehnsucht. Ich bin nicht eine Sängerin im klassischen Sinne, sondern ich bin eine begnadete Sängerin. Die Musik ist schon in mir drin, und dann setze ich mich mit den Musikern zusammen. Ich höre die Musik in mir, bevor ich eine CD aufnehme. Das ist ein Geschenk. In meinen Satsangs geht es um eine Erfahrung. Die Menschen erfahren dieses SAT, Sat-Sangha; die Erfahrung vom Selbst. Da geschieht etwas.

So lautet z.B. der Text eines meiner Lieder:

»What a wonderful and strange game?
On the other side
That I observe from this shore
Where everything did subside.«

( Was für ein wunderbares und merkwürdiges Spiel ist das, das ich beobachte hier von diesem Ufer aus, wo alles aufgelöst ist in die Unendlichkeit )

Die Bedeutung von diesem Gedicht ist: Solange du diesen Fluss des Lebens nicht überquert hast, bist du in diesem Spiel der drei Gunas verfangen. Das andere Ufer ist die Glückseligkeit vom wahren Selbst, der Beobachter. Das alles ist ein Spiel der drei Gunas, zusammen mit Maya, und das ergibt diese Illusion oder die Vorstellung, dass das alles wahr sei. Das einzige Wahre ist aber das Selbst, das nicht geboren ist und nicht stirbt – das andere Ufer.

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