Alte Bindungen lösen – dazu muss man ersteinmal Zugang zum eigenen Unbewussten finden. Phyllis Krystal hat Wege entwickelt, die Menschen zunächst in Kontakt mit den Tiefen des Unbewussten zu bringen und dann in Kontakt mit dem Höheren Selbst.
Mit wachem Blick sitzt mir die 90-jährige Phyllis Krystal beim Interview gegenüber. Für ihr Alter ist die rüstige Dame ausgesprochen vital. Es ist bewundernswert, dass die gebürtige Engländerin, die heute in Kalifornien lebt und Seminare in aller Welt hält, immer noch so viel reist, um Menschen ihre Arbeit näher zu bringen. Dabei handelt es sich um eine besondere Form der Imaginationstechnik, durch die man mit bestimmten Symbolen und Visualisationstechniken mit dem eigenen Höheren Bewusstsein in Kontakt kommen kann.

Unter dem Höheren Bewusstsein versteht Phyllis Krystal die eigene wahre Identität, die hinter Konzepten, Vorstellungen und Verhaltensweisen verborgen ist. Aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß Phyllis Krystal allerdings, dass den meisten Menschen der Zugang zu ihrem Höheren Bewusstsein verschlossen ist, das sich durch vollkommenes Wissen und Erkennen vom tieferen Sinn und eigentlichen Ziel des persönlichen Lebens auszeichnet.. Zu sehr ist unser Verhalten von den prägenden Eindrücken und Erfahrungen aus der Kindheit und aus früheren Leben gesteuert, die im Unbewussten in Form von Bildern und Symbolen gespeichert sind. Zu sehr hindern uns diese Eindrücke daran, ganz präsent im Hier und Jetzt zu sein und zu tun, was zu tun ist. Einen bewussten Zugang zu ihrem Höheren Bewusstsein haben die meisten Menschen allerdings nicht. Dies hat zur Folge, dass man auch als Erwachsener oft noch unbewusst in alten, aus Kindheit und Pubertät herrührenden  Beziehungen verstrickt ist, von denen man sich längst gelöst zu haben glaubte. Genauso gut kann es aber auch im Erwachsenenalter noch unbewusst zu neuen Bindungen und Verstrickungen mit anderen Menschen kommen, die uns davon abhalten, sich selbst und anderen Menschen offen und frei zu begegnen. Selbst Menschen, die eine intensive Praxis wie Yoga oder Meditation ausüben und glauben, frei von Bindungen zu sein, können sich noch in solchen Verstrickungen befinden, ohne dies zu bemerken.

Phyllis Krystal arbeitet mit inneren Bildern und rituellen Handlungsabläufen, die den Übenden darin unterstützen, mit dem Unbewussten in Kontakt zu treten. Ist dieser Kontakt erst einmal hergestellt, werden dem Unbewussten in seiner eigenen Sprache, der Bildsprache, Mitteilungen gemacht, die eine große Hilfe darstellen, um sich von alten Verletzungen zu heilen und alte und überholte Muster aus der Kindheit zu löschen. Denn erst wenn diese alten Programmierungen aufgehoben sind, können wir unsere eigene Persönlichkeit entwickeln und zu dem werden, was wir in unserem tiefsten Innern sind. Welche Bilder bei bestimmten Problembereichen besonders wirkungsvoll sind, konnte Phyllis in ihrer Jahrzehnte langen Arbeit immer wieder überprüfen. So haben sich die von ihr entwickelten so genannten Pubertätsriten als besonders wirkungsvoll erwiesen. Hier werden einengende Bindungen zu den Eltern, zu Autoritätspersonen oder anderen Personen, die das eigene Leben beeinflussen, gelöst. Aber auch Schutzsymbole sowie Übungen, die eine Unterstützung darin darstellen, negative Emotionen oder einengende Rollen aufzulösen, wurden von Phyllis Klienten als befreiend empfunden. Ebenso die Übungen, die uns emotionale Nahrung zuführen und damit Defizite aus der Kindheit ausgleichen, spielen in der Arbeit mit dem Höheren Bewusstsein eine wichtige Rolle. Somit spannt die Methode von Phyllis Krystal einen weiten Bogen vom Unbewussten zum Höheren Bewusstsein, das sich in Bildern, spontanen Erkenntnissen oder plötzlichem Wissen ausdrückt und einem Menschen ein tiefes Vertrauen in den eigenen Weg vermitteln kann.

YOGA AKTUELL: Es geht in Ihrer Arbeit ja immer wieder um die Loslösung von alten Bindungen. Haben Sie selbst das Gefühl, frei von allen Bindungen zu sein, wo Sie sich ja nun schon über so viele Jahre mit dieser Methode beschäftigen?

Phyllis Krystal: Ich fühle mich viel freier. Aber ich denke, ich bekomme auch immer wieder neue Einsichten. Ich selbst kann nicht sagen, ob irgendeiner von uns jemals vollkommen frei sein wird. Wenn wir jedoch vollkommen frei sind, dann bedeutet das meiner Meinung nach Erleuchtung. Ich glaube nicht, dass ich dem schon ganz nahe bin. (Phyllis lacht).  

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Mit wie vielen Menschen haben Sie schon gearbeitet?

(lacht): Ich habe keine Ahnung. Mit Tausenden, ja wahrscheinlich mit vielen Tausenden von Menschen.

Ist Ihnen in all den Jahren ein Mensch begegnet, der ganz frei von Bindungen war?

Nein.

Haben Sie andererseits ein Beispiel für einen Menschen, der total verstrickt ist?

Ich erinnere mich dabei an Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, die so verstrickt in ihren Bindungen waren, dass sie diese nicht selbst durchtrennen konnten. Ich musste sie um ihre Erlaubnis bitten, es für sie tun zu dürfen. Und manchmal zeigt sich das dadurch, dass diese Person in einem Netz gefangen ist. Ich sehe das ziemlich oft, dass Menschen wirklich kämpfen, um frei zu werden. Oft hat dann einer der Eltern ein Netz um das Kind gesponnen.  

Können Sie mir ein konkretes Beispiel für eine starke Mutter-Kind-Bindung geben?

Ich habe einmal eine so starke Bindung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn erlebt, dass es dem Sohn unmöglich war, sich alleine von seiner Mutter zu lösen. Es war für ihn sogar schwierig zu sehen, wo, an welchen Körperstellen die Bindungen waren. Er war wie paralysiert, wie gelähmt. Und so bat ich ihn um Erlaubnis, für ihn die Bindungen  prüfen zu dürfen, die er mir auch gab. Ich stellte fest, dass seine Mutter ihn veranlasst hatte, sich so schuldig zu fühlen, das er einen dicken schwarzen Taucheranzug trug. Er war unfähig zu atmen, oder sich zu bewegen und war nicht nur eingeschlossen in diesen Taucheranzug, sondern seine Arme waren auch gebunden. Es war ein schreckliches Bild. Auf diese Weise hatte die Mutter ihren Sohn total unter Kontrolle, indem sie über ihn bestimmte oder ihn über Schuldgefühle kontrollierte.

Und können Sie mir auch ein Beispiel für eine Partnerschaft nennen, bei der eine starke Bindung besteht?

Oft hat der Mann in der Partnerschaft eine so starke  Kontrolle über seine Frau, ein Jahrtausende altes Muster, dass die Frau oft unfähig ist, die Bindungen zu durchtrennen. Auch dann muss ich es prüfen. Diese Situation kann sich in vielen verschiedenen Bildern zeigen. Manchmal sind die Frauen in einem Fischernetz gefangen, andere wiederum in einem Turm. Es kann auch eine Ritterrüstung sein, oder aber die Frau ist total fest in ein Seil geschnürt. Letztendlich ist es aber für jede Person anders.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass gerade Frauen sich nach intimen Beziehungen reinigen sollten. Ist das nicht für Männer in einer anderen Form ähnlich?

Das ist eine sehr individuelle Situation. Diese Reinigung veranlasse ich manchmal, wenn eine Person behauptet, dass sie sich beschmutzt oder schmutzig fühlt. Es hängt von der Person ab. Aber nach einem Ablösungsritual führen wir die Person immer durch ein rituelles Bad. Männer sowohl als auch Frauen, da gibt es keinen Unterschied. Das rituelle Bad entfernt die Überreste des alten Musters, der alten Verhaltensweisen, die wir loslassen sollen, denn wir werden diese Verhaltensformen aufgeben, sobald wir die Bindungen gelöst haben, da wir sie nicht mehr benötigen.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.