Yogi Cameron gehörte zu den bekanntesten männlichen Models weltweit, als er beschloss, sich auf den Weg nach innen zu begeben. Seitdem hat er intensiv Yoga, Meditation und Ayurveda studiert. Wir haben ihn bei seinem letzten Aufenthalt in Deutschland zum Interview gebeten

Anzeige

In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

YOGA AKTUELL: Kannst du bitte erklären, welche Rolle die Atmung im Ayurveda spielt?
Yogi Cameron:
Die Atmung ist Teil des Yogasystems und der Praxis. Im Ayurveda benutzen wir die gleichen Techniken, um Erkrankungen zu heilen und z.B. den Puls, den Kreislauf, den Blutdruck und das Nervensystem zu regulieren. Wir verwenden die Atmung im Grunde für jede Art von Heilung – auf der physischen wie auf der geistigen Ebene. Ich bin der Überzeugung, dass auch alle psychischen Probleme durch Atemübungen geheilt werden können.

Ich finde es gefährlich, zu sagen, dass alle psychischen Probleme durch Atemübungen geheilt werden können. Da habe ich in meinem Umfeld andere Erfahrungen gemacht. Eine Yogalehrerin, die dachte, dass sie eine Depression überwinden kann, indem sie die Bhagavad-Gita liest, Asanas praktiziert und Pranayama macht, war irgendwann ziemlich frustriert, dass sie nicht in der Lage war, sich selbst zu heilen. Können auch Schizophrenie, eine biopolare Störung oder eine schwere Depression durch Pranayama geheilt werden?
Die yogische Philosophie lehrt, dass die Kontrolle von Prana auf der physischen Ebene zu Heilung auf der mentalen Ebene führt. Wenn der Körper zu schwach geworden ist, kann es sein, dass er nicht in der Lage ist, zu heilen – aber der Geist kann immer heilen. Die Erkrankungen, die du erwähnt hast, haben ihre Wurzeln im Geist. Es ist möglich, zu heilen – aber wir wissen nicht, wer von uns geheilt wird. Die Menschen sollen sich frei fühlen, ob sie es ausprobieren möchten, und dann selbst entscheiden.

Im Ayurveda spielen die drei Doshas eine wichtige Rolle. Gibt es für die verschiedenen Doshas bestimmt Atemtechniken?
Pranayama wird praktiziert, um die Doshas im Gleichgewicht zu halten oder sie auszugleichen, wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten sind. Alle Pranayama-Praktiken können von jedem Menschen durchgeführt werden. Allerdings sollten die Zahl der Wiederholungen und die Intensität, mit der sie geübt werden, immer an den Übenden angepasst werden.

Gibt es eine spezielle Pranayama-Übung, die du den Lesern empfehlen kannst, deren Vata zu hoch ist? Da die Menschen hier im Westen diese Disbalance häufig haben, würden sich bestimmt viele über einen Tipp freuen!
yc13
Um Vata im Körper und Geist zu steuern, sollte die Pranayama-Übung langsam durchgeführt werden. Die Atemzüge sollten tief und so lang wie möglich sein. Wenn du also zum Beispiel die vollständige Yogaatmung (Dirgha Pranayama) durchführst, dann atmest du tief ein und lang und langsam durch die Nase aus. Kapalabhati sollte vermieden werden, wenn Vata zu hoch ist – oder aber nicht so schnell und stark durchgeführt werden.

Was können diejenigen tun, deren Pitta zu hoch ist? Also diejenigen, die schon mal leicht an die Decke gehen?
Da Pitta bzw. das Feuerelement heiß ist und Leute, die zu viel Feuer haben, dieses herunterkühlen müssen, ist eine langsame Atemtechnik empfehlenswert. Übungen wie die dreiteilige Atmung oder Ujjayi sind hier besonders wirksam.

Jetzt dürfen natürlich die Kapha-Leute nicht vergessen werden. Was können sie über den Atem erreichen?
Da Kapha das schwerste Element ist, brauchen wir mehr Bewegung, um diese dichte Energie zu bewegen. Hierfür eignen sich Kapalabhati, Surya-Atmung und Uddiyana-Bandha am besten.

Was ist für dich das ideale Verhältnis in einer Yogastunde zwischen Asana, Pranayama und Meditation?
Die Asanas sollten in der Regel den geringsten Anteil ausmachen – es sei denn, die Teilnehmer brauchen mehr Dehnung, weil ihr Körper steif ist. Pranayama sollte den zweitlängsten Teil ausmachen und die Meditation den größten Teil.

Was ist deine persönliche Lieblingsübung?
Ich mache eine Variante der Wechselatmung. Sie wird nicht mit der Hand ausgeführt, sondern geistig gemacht. Dabei atme ich die Luft mental jeweils durch eine Seite ein. Dann nehme ich noch Kumbhaka hinzu, d.h. dass ich den Atem anhalte. Dadurch wird der Geist noch etwas fokussierter.

Hattest du selbst einmal eine außergewöhnliche Erfahrung während deiner Pranayama-Praxis?
Manchmal löst sich der Verstand im Atem auf, und die beiden werden eins. Dann ist dort kein Gedanke oder keine Bewegung mehr. Das ist ein sehr heiterer Ort.

Empfiehlt Ayurveda Frauen andere Übungen als Männern?
Ayurveda balanciert die Energien durch die Elemente – unabhängig davon, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Es geht eher darum, die männlichen / weiblichen oder kalten / heißen Energien auszugleichen. Abhängig von einer Person und davon, ob sie eher zu viel Hitze oder Kälte im Körper hat, geht es darum, die Praktiken entsprechend zu ändern.

Du bist als ein Yogalehrer bekannt, der sehr viele Prominente unterrichtet. Welche Yogapraxis empfiehlst du Menschen, die im Rampenlicht stehen, viel unterwegs sind und mit viel Bewunderung ihrer Person zu tun haben?
Ich bin kein Yogalehrer, bei dem die Asana-Praxis im Vordergrund steht. Ich bin eher ein Yogalehrer im traditionellen Sinne. Die Asana-Praxis nimmt bei mir nur 10 Prozent ein. Der Rest sind viele Praktiken des yogischen Pfades und des ayurvedischen Medizinsystems. Wenn jemand viel unterwegs ist, dann sind die Elemente Luft und Feuer normalerweise unausgeglichen. Deshalb empfehlen sich Praktiken, um diese wieder in Balance zu bringen. So wie die Atemübungen, die ich für Vata und Pitta empfohlen habe. Die Praxis soll langsam und stetig gemacht werden. Die Asanas müssen langsam durchgeführt werden, die Atmung hierfür sollte tief und lang sein. Dadurch beruhigt sich das Nervensystem. Für Pranayama gilt das Gleiche. Die vollständige Yogaatmung und Nadi-Shodhana sind ideal.

Kannst du noch abschließend eine Empfehlung an Yogalehrer geben, die viel reisen und oftmals umgeben sind von Schülern, die sie bewundern? Kannst du ihnen noch einen Tipp geben, damit sie nicht aus ihrer Mitte herausfallen?
Das, was du jetzt ansprichst, hat mehr mit der Kontrolle der Sinne und des Egos bzw. des Geistes zu tun. Hier geht es dann mehr um eine solide tägliche spirituelle Praxis und die Hingabe zum yogischen Weg. Als Yogalehrer sollte man als Vorbild dienen. Die Sadhana wird mit anderen längeren Praktiken wie Maha-Bandha und Wechselatmung mit Kumbhaka gemacht. Diese Praktiken kontrollieren und erden die Sinne und den Geist, so dass der Lehrer weniger Verlangen entwickelt. Für den Lehrer, der seinen Schülern als „Reiseführer“ dient, sollte die eigene Reise nach innen führen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Infos

Yogi Cameron begann mit Yoga im Jahr 1987 im Sivananda-Ashram in Paris und absolvierte seine Yogalehrer-Ausbildung am Integral Institute in New York und im Sri Satchidananda Ashram. Er ließ sich im indischen Kerala von Sri Vasudevan sowie in Puna an der internationalen Ayurveda-Schule in ayurvedischer Medizin, Yoga und Meditation ausbilden. Seither unterrichtet Yogi Cameron diese alten Heilmethoden weltweit.

www.yogicameron.comAnzeige

Teilen
Vorheriger ArtikelYoga – ein Schutz in bewegten Zeiten
Nächster ArtikelHappy End für den Tag
Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.