In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Stammen Sie aus einer yogischen Familie?
Ich bin in keiner spirituellen Tradition aufgewachsen. Vielmehr wurde ich mit euren Leuten groß: Dostojewski, Kafka, Camus, Nietzsche … nicht mit Yogis und Heiligen (lacht). Also schüttelten mein skeptischer Geist und ich den Kopf und versuchten zu verstehen, was mit mir geschah, denn ich hatte Einheitserfahrungen, bei denen mir stundenlang die Tränen liefen. Einmal saß ich auf dem Chamundi Hill und spürte plötzlich, dass alles um mich herum zu mir selbst geworden war. Als ich wieder in mein normales Bewusstsein zurückkehrte, war es viereinhalb Stunden später, und mein T-Shirt war völlig durchnässt – ich, der erwachsene Mann, hatte wohl die ganze Zeit geweint. Wenn ich mit Freunden darüber sprechen wollte, fragten sie mich bloß: „Was hast du getrunken?“ oder „Was hast du geraucht?“, und ich begriff, dass mir niemand würde sagen können, was mit mir los ist. Ich wusste nur, dass ich auf eine Goldmine gestoßen war und sie nicht verlieren wollte. Einmal bekamen dann alle mit, was mit mir passierte. Ich saß mit meiner Familie am Abendbrotstisch und schloss die Augen. Ich dachte, es seien nur wenige Minuten vergangen, als ich sie wieder öffnete. Doch da saß eine große Gruppe Menschen um mich herum. Sie hatten mir Girlanden umgehängt, und Leute, die zu meinen Füßen saßen, begannen mir Fragen über ihre Zukunft zu stellen. Es waren dreizehn Tage vergangen.

Heute fragen die Menschen Sie z.B., welches Yogaprogramm für sie passend ist?
Yoga hat vier Dimensionen: Karma-Yoga, Jnana-Yoga, Bhakti-Yoga und Kriya-Yoga. Welche davon soll man wählen? Es geht immer um eine Kombination, die der eigenen einzigartigen Zusammensetzung entspricht. Denn jeder hat eine individuelle Verteilung der Elemente, denen diese Yogarichtungen zuzuordnen sind: Der eine ist sehr körperbetont, der andere hat einen ausgeprägten Intellekt, bei einem weiteren dominieren die Emotionen oder die Energien. Deshalb legten die alten Traditionen immer Wert darauf, dass ein Guru die richtige Mischung für den jeweiligen Schüler findet. Wenn ich einer Person das Programm gebe, das ich für eine andere gemacht habe, wird es nicht funktionieren. Darin liegt auch der Grund, warum heute so viele nach einiger Zeit nicht mehr weiterkommen. In den ersten Monaten fühlen sie sich toll, aber dann wird Yoga für sie eher zu einer Entmächtigung als zu einer Ermächtigung, weil sie einfach allgemeinen Richtlinien folgen, die sie aus einem Buch oder in einer großen Klasse lernen, statt eine individuelle Kombination zu praktizieren. Yoga wird dann zu einer Entfähigung, man wird quasi sozial inkompatibel – vielleicht wundern sich deshalb so viele, wenn ich z.B. selbst Auto fahre: Sie denken, als Yogi könne ich dazu nicht in der Lage sein (lacht).

Yoga als Entfähigung?
Eigentlich ist Yoga keine Entfähigung, sondern eine großartige Ermächtigung. Wenn es Sie unfähig macht, kann man es im Grunde gar nicht Yoga nennen. Wenn Sie Yoga allerdings in einem neurotischen Zustand praktizieren, dann wird die Neurose wachsen, denn Yoga nährt das, was da ist. Wenn Yoga in Ihr Leben gekommen ist, dann müssen Sie so beweglich sein – nicht nur im körperlichen Sinne, sondern auf jede erdenkliche Art – dass Sie quasi alles tun können, richtig? Sie können alles wahrnehmen, was in dieser Existenz wissenswert ist, wenn Sie nur diesen einen weisen Mechanismus entdecken, der den ganzen Kosmos enthalten kann. Und dazu hat jeder Mensch die gleiche Voraussetzung. Wir mögen hinsichtlich unserer äußeren Talente verschieden sein, wenn es jedoch um die inneren Realitäten geht, sind wir alle gleich.

Dennoch erreichen nur wenige diesen Zustand, von dem Sie sprechen.
Das einzige Problem ist, dass die meisten eher eine psychologische Existenz als eine existenzielle Existenz leben. Heute gab es einen wunderschönen Sonnenaufgang, und der Planet dreht sich völlig planmäßig um seine Achse. Ist das etwa eine Kleinigkeit? Nein, es ist eine ziemlich große Sache. Der Mond ist in seiner Umlaufbahn, alles in der ganzen Galaxie läuft toll, aber ein fieser, kleiner Gedanke in Ihrem Kopf wurmt Sie, und schon ist es ein schlechter Tag. Ihre eigene Kreation ist in Ihrer Wahrnehmung so bedeutsam geworden, dass die ganze Schöpfung des Schöpfers kurzerhand ignoriert wird, ja, völlig vergessen wird. Was in Ihrem Kopf passiert, ist wichtiger als das, was in der wirklichen Existenz geschieht, stimmt’s? Sie sind ja auch mit philosophischen Sätzen wie „Ich denke, also bin ich“ aufgewachsen. Aber nein! Weil Sie existieren, können Sie denken. So herum ist es doch! Ihre Existenz, Ihr Lebensprozess ist bei weitem größer als der psychologische Prozess, und dennoch bestimmt der psychologische Prozess, der da gerade abläuft, Ihr Leben. Eine kleine Geschichte dazu: Eines Nachts träumte eine Dame, dass ein Mann in ihr Schlafzimmer kam und sich ihr näherte. Zitternd fragte sie, was er tun würde. Der Mann antwortete: „Meine Dame, es ist Ihr Traum!“. Was in Ihrem Kopf passiert, ist eigentlich auch nichts weiter als bloß ein Traum, nicht wahr? Und dann sollte doch wenigstens Ihr Traum so verlaufen, wie Sie es möchten. Das Problem ist nämlich gar nicht, dass Ihr Leben nicht so läuft, wie Sie es gern hätten, sondern dass nicht mal Ihr Traum so läuft. Im Außen wird nie alles hunderprozentig so sein, wie Sie es sich wünschen, aber Sie selbst könnten es sein. Und das hieße sicherlich, dass Sie sich in einem freudvollen, angenehmen Zustand halten würden. Aber Ihr Körper, Ihr Geist, Ihre Emotionen und Energien nehmen von Ihnen keine Anweisungen entgegen. Sie sind eine fantastische Maschine, aber Sie haben keine Tastatur dafür, das ist alles.

Derzeit werden jede Menge Fragen rund um das Thema 2012 aufgeworfen. Viele rechnen mit einem großen Crash …
Sie meinen, dass die Leute denken, die Welt geht unter?

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Es gibt viele verschiedene Szenarien, positive wie negative …
Was meinen die Leute genau damit, wenn sie vom Ende der Welt sprechen?

Das ist wohl den meisten nicht so ganz klar …
(lacht) Sie reden einfach irgendwas daher. Das Ende der Welt bedeutet das Ende aller Existenz, richtig? Würden dann also alle Leute, die an das Ende der Welt im Jahr 2012 glauben, ihre sämtlichen Besitztümer mit Wirksamkeit ab 2013 der Isha Foundation überschreiben?

Die meisten wohl eher nicht.
Nicht nur die meisten – niemand würde das tun (lacht), weil nämlich diese Szenarien nur der Unterhaltung dienen. All diese nutzlosen Hirne, die nicht zu etwas anderem in der Lage sind, sagen ständig das Jüngste Gericht voraus, um für sich selbst und andere Menschen für etwas Aufregung und Abwechslung zu sorgen. Wenn sie wirklich hunderprozentig daran glauben, sollen sie mir auf den 01. Januar 2013 einen Scheck über ihren gesamten Besitz ausstellen. Aber nein, sie mögen es lediglich, mit solchen Gedanken zu spielen. 2012, 2013, einfach jede Jahreszahl, existiert nur im menschlichen Geist. Wir haben irgendwann angefangen zu zählen, die Erde aber kennt kein 2012. Die Zahl 2012 bedeutet für den Planeten absolut gar nichts. Auch für das Sonnensystem oder die Galaxie hat sie keine Bedeutung. Aber die Menschen sind größenwahnsinnig genug, zu denken, was sich in ihrem Geist abspielt, sei alles im Universum. Doch in Wirklichkeit ist das eine sehr naive Vorstellung. Bevor Galileo und so weiter kamen, glaubten die Menschen, die Erde sei eine Scheibe. Sie glauben auch, sie seien ein Abbild Gottes, und das macht sie ignorant und aufgeblasen. Man sollte verstehen, dass man ein Wesen wie jedes andere auf diesem Planeten ist. Wenn ein Dinosaurier vorbeikäme und Sie anschauen würde, hielte er Sie für einen Wurm, richtig?
Vielleicht brechen einige Banken zusammen, weil sich das ihrer Struktur nach nicht vermeiden lässt. Das könnte schon vor 2012 passieren (lacht).

Das hatten wir ja auch schon mal …
Im Jahr 2008 war ich zum Wirtschaftsforum in Davos eingeladen. Genau zu der Zeit kam es dann zur Wirtschaftskrise, und jeder war deprimiert: all diese 2000 Menschen dort – 2000 seltsame Leute, die zusammen fast 80 % der Weltwirtschaft kontrollieren. Es sind Multimilliardäre, und sie waren alle extrem niedergeschlagen und sahen sehr verdrießlich aus, wegen ein paar Milliarden weniger. Sie baten mich, eine Sitzung unter dem Titel „Rezession und Depression“ zu leiten (lacht). Ich sagte: „Rezession ist schlimm genug, wozu braucht ihr da noch eine Depression?“ (lacht) Eine Wirtschaftsrezession ist übel genug, ein deprimierter Geist ist nicht notwendig. Und vor allen Dingen gibt es momentan nur zwei Alternativen: Wenn die Wirtschaft funktioniert (falls sie funktioniert, so wie sie aufgebaut ist – und zwar für alle sieben Milliarden Menschen), sind wir wirklich am Ende. Stellen Sie sich vor, alle sieben Milliarden Menschen auf der Welt würden so leben wie die Menschen in Deutschland – der Planet würde dann höchstens noch zehn oder zwölf Jahre überstehen. Wenn jeder einen Mercedes fährt, können wir bald einpacken, nicht wahr? Der einzige Weg, die Wirtschaft so fortzuführen, ist also, dass die Hälfte der Menschheit in Armut lebt. Wenn es uns gelingen sollte, dass die Wirtschaft so gut funktioniert, dass alle reich werden, sind wir somit wirklich am Ende. Wenn die Wirtschaft hingegen nicht funktioniert, sind die Leute deprimiert, wobei ich diese Variante bevorzuge (lacht). Mehr Alternativen gibt es nicht.

Sie halten Ihre Kurse in der Regel in Indien …
… Und in den Vereinigten Staaten, dort sogar oft. In Indien haben wir über 600 Lehrer, die verschiedene Programme durchführen.
Wir bieten jetzt auch ein Online-Programm an. Wenn in Deutschland genügend Leute daran teilnehmen, werde ich kommen, um sie einzuweihen. Wir unterrichten niemals einen yogischen Prozess ohne direkte Anwesenheit eines Lehrers, aber vorbereitende Schritte können online vermittelt werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Infos

Internet: www.ishafoundation.org

 

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