In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Und wie gestaltet sich das Leben mit dieser bewussten Wahl? Wie fühlt sich Ihr Leben denn so an?
Was ich eigentlich gerade zu vermitteln versuche, ist, dass mein Leben im Sinne von „mein Handeln, meine Arbeit“ usw. lediglich ein Prozent meiner Realität ausmacht (ich sage jetzt mal „ein Prozent“, weil das die kleinste greifbare Größe ist und ich das Ganze nicht durch Bruchteile verkomplizieren möchte). Man empfindet das vielleicht als ein großes Ding, aber in Wirklichkeit ist es nur so geringfügig. Was sind nun die anderen 99 Prozent? Die sind nicht physischer Natur, deshalb kann man nicht darüber reden. Man kann schließlich nur das definieren und beschreiben, was physischer Natur ist, stimmt’s? Eine Dimension jenseits des Physischen kann man nicht in Worte fassen. Sie zeigt sich auf so vielfältige Weise. Diejenigen, die die erforderliche Aufmerksamkeit dafür haben, werden das zur Kenntnis nehmen. Wobei ich betonen möchte, dass ich absolut gewöhnlich bin, so normal wie jeder andere auch.

Wenn es um die Definition von Yoga geht, wird immer wieder Patanjali zitiert. Sie haben erwähnt, dass es vor seiner Zeit 3600 verschiedene Yogapfade gab und er sie in ihrer Essenz zusammengefasst hat, so dass aus seinem Sutra eine Art Bibel wurde.
Es ist ganz falsch, es wie eine Bibel zu verwenden. Das ist eine westliche Idee! Man will aus allem eine Bibel machen. Die Menschen denken, dass sie dessen habhaft werden, wenn sie es lesen. Man macht es sich aber nicht durch Lesen zu eigen. Wenn man in einem gewissen Zustand ist, hat ein bestimmtes Sutra eine Bedeutung für einen. Das Yoga-Sutra ist kein Buch zum Lesen, es ist eine Formel, ein Sutra eben. Nur weil jemand das Alphabet beherrscht, versteht er ja auch noch lange nicht, was z.B. E = mc² bedeutet.

Was bedeutet es denn?
Vieles. Man muss schon ein Einstein sein, um das zu kapieren, oder? So ähnlich ist es auch mit Patanjalis Sutra. „Sutra“ bedeutet Formel oder Leitfaden, aber wenn man bloß einen Faden um den Hals trägt, hat das keinen Sinn. Man macht eine Kette daraus. Niemand trägt die Kette wegen ihres Fadens, andererseits gibt es ohne Faden keine Kette. Patanjali hat uns also nur den Faden gegeben. Um daraus eine Kette zu machen, muss man die entsprechende Erfahrung haben. Jeder Meister gestaltet aus seiner eigenen Erfahrung seine eigene Kette, um im Bild zu bleiben.

Und haben Sie es dann einfach nur erforscht?
Nein. Das würde bedeuten, dass ich versucht hätte, es verstandesmäßig zu erfassen.

Erforschen im Sinne von dem, was die Wissenschaft tut …
Die Wissenschaft erforscht nicht. Wissenschaft experimentiert und beobachtet. Ich habe also nur beobachtet, gewissermaßen tatsächlich wie ein Wissenschaftler. Da ich keine Instrumente außer mir selbst zur Verfügung habe, habe ich nur mit Hilfe meiner selbst beobachtet. Und sogar ein Wissenschaftler hat letztlich nur dieses eine Instrument, was sonst hat er schon? Man verfügt zwar z.B. über ein Telefon, das unglaubliche Dinge tun kann, aber für sich allein ist es nichts wert. Es ist ein iPhone, aber das „i“ kommt abhanden, wenn man sich zu sehr an das Telefon klammert. Ist das ‚i‘ oder das „phone“ wichtiger?

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Stattdessen ist das Telefon für viele Menschen wichtiger geworden. Wussten Sie übrigens, dass es Beweise dafür gibt, dass Affen eine evolutionäre Entwicklung durchlaufen, dasselbe aber für den modernen Menschen nicht bewiesen ist? Ob Sie sich entwickeln oder nicht, hat die Natur Ihnen überlassen. Wenn Sie möchten, können Sie bewusst eine Entwicklung vollziehen. Innerhalb von Minuten, Tagen, Monaten … Sie können in Ihrem Leben einen großen Sinn für Evolution zeigen oder aber stagnieren – oder sogar rückwärts gehen, bis Ihnen ein Schwanz wächst, auch das ist möglich.

Soll ich Ihnen meine Geschichte erzählen? Als ich drei oder vier Jahre alt war, stellte ich fest, dass ich nichts weiß. Wenn mir z.B. jemand ein Glas Wasser gab, saß ich da und starrte das Wasser an, weil ich einfach nicht wusste, was es ist. Natürlich wusste ich, dass es meinen Durst löschen würde, wenn ich es tränke. Ich wusste also, wie ich es verwenden kann, aber ich wusste nicht, was es ist. Wissen Sie, was Wasser wirklich ist?

Nicht wirklich …
Auch was ein Atom ist, haben wir noch nicht gänzlich begriffen. Wir wissen, wie man es benutzt, aber nicht, was es ist. Kein Wissenschaftler hat das je herausgefunden. Oft saß ich stundenlang da und starrte die Dinge an. In der Schule brachte ich dem Lehrer absolute Aufmerksamkeit entgegen, die Art von Aufmerksamkeit, die er wohl selten bekommt. Ich hörte, was er sagte, und verstand es auch. Dann wurde mir allerdings klar, dass er nur Laute äußerte und ich die Bedeutung in meinem Kopf erschuf. Auch bei meinen Talks mache ich ja aus Sicht derjenigen, die kein Englisch können, nur Geräusche. Die Leute, die Englisch gelernt haben, machen sich Bedeutungen daraus – der Rest sitzt einfach nur glücklich da. Nachdem ich also festgestellt hatte, dass ich selbst die Bedeutungen zu den Geräuschen der Lehrer erzeugte, hörte ich damit auf, und es wurde ziemlich amüsant. Ich hatte immer ein großes Lächeln auf dem Gesicht. Die Lehrer fanden das allerdings weniger lustig. Als ich dann weiter so lächelnd vor mich hin starrte, hörte ich nicht mal mehr die Geräusche, sondern sah nur noch Muster aus ihrem Mund kommen. Als ich noch weiter starrte, sah ich schließlich auch die Lehrer nicht mehr, sondern nur noch alle möglichen Formen.

Was hatte das für Konsequenzen?
Das ganze Schuljahr hindurch gab ich stets in allen Prüfungen nur leere Blätter ab und erhielt als Note die erstrebenswerteste aller Zahlen, die Null. Lediglich am Ende des Jahres tat ich, was ich tun musste, um versetzt zu werden. Letztes Jahr feierte die Schule ein Jubiläum und lud alle berühmten Alumni ein. Ich sagte: „Ich war kein guter Schüler, ich sollte nicht kommen.“ Sie antworteten: „Unsere Schule hat Cricketstars, Filmstars, Minister usw. hervorgebracht, aber Sie sind der einzige Mystiker.“ Also ging ich hin, und es tauchten viele Erinnerungen auf. Einmal hatte ein Lehrer eine halbe Stunde lang versucht, eine Antwort aus mir herauszubekommen. Dann verlor er die Geduld und schüttelte mich. Er sagte: „Du musst entweder göttlich oder der Teufel sein“. Bis dahin war mein Problem gewesen, dass ich nicht wusste, was dieses ist und was jenes ist. Aber es gab eine Konstante: mich selbst. Nun geriet ich jedoch in Verwirrung: Was war ich denn eigentlich? Der Teufel oder göttlich? Also starrte ich nun mit geschlossenen Augen mich selbst an, Stunde um Stunde, Tag für Tag. Die Leute, die, als ich sie zuvor angestarrt hatte, gesagt haben: „Er braucht psychiatrische Hilfe!“, sagten plötzlich: „Oh, er wird ein Yogi.“ Das ist der Trick: Starren Sie nicht andere an, sondern sich selbst …

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