Gemeinsames weibliches Erwachen: Netzwerkgründerin Chameli Gad Ardagh spricht im Interview mit YOGA AKTUELL über gelebte weibliche Kraft, die u.a. ein vollständiges Ankommen im eigenen Körper bedeutet
Viele männliche spirituelle Lehrer wie Eckhart Tolle haben es prophezeit: Immer mehr Frauen erleben ein tiefes spirituelles Erwachen. Es sind jene Frauen, die sich neugierig dem Geheimnis des gegenwärtigen Moments öffnen – und ihn zärtlich umarmen. Es sind junge und ältere Frauen, alleinstehende Frauen und Frauen in Beziehungen, die einen neuen spirituellen Weg aufzeigen, der kraftvoll, natürlich, weiblich und dadurch zutiefst heilsam ist. Chameli Gad Ardagh ist eine dieser Frauen. Nach einer langen spirituellen Suche ist sie angekommen in sich selbst und damit in einer weiblichen Spiritualität, die erfüllt ist von tiefer Liebe und Klarheit, sich selbst und allen Wesen gegenüber. Als eine der führenden Frauen im Bereich der spirituellen weiblichen Netzwerke unterstützt sie heute mit ihrer Arbeit weltweit Frauen darin, sich von alten patriarchalen Konzepten zu verabschieden und zurückzufinden zu einer basalen inneren Zufriedenheit, in der es keinen Kampf mehr gibt, sondern eine tiefe, alles umarmende Liebe.

YOGA AKTUELL: Erwachen Frauen auf eine andere Weise als Männer?

Chameli Gad Ardagh: Spirituelles Erwachen ist frei von Geschlechtern. Es geht vor allem um die Anerkennung der Tatsache, dass in der Essenz keine Teilung existiert, weil wir alle aus derselben Quelle gespeist werden. Aber die Art, wie sich ein erwachendes Bewusstsein ausdrückt, ist bei Frauen anders als bei Männern. Ich würde sagen, dass Frauen eine frischere Herangehensweise an spirituelles Erwachen haben und ihr Blick darauf ein anderer ist. In weiblichen Praktiken erfahren wir Spiritualität fernab von verstaubten Dogmen und fernen Zielen in der Zukunft. Frauen sehen die Entwicklung als einen sich entfaltenden endlosen Prozess, in dem sich in jedem Moment die Möglichkeit auftut, in tieferen Ebenen der Einfachheit und Wahrheit zu erwachen. Frauen sind nicht damit zufrieden, eine innere spirituelle Erfahrung zu haben. Ihre Körper verzehren sich danach, Erwachen aufzunehmen, ein Instrument der Liebe und des Bewusstsein in einer Beziehung, in der Arbeit, in der Erziehung und in einer kreativen Welt zu sein. Weibliches Erwachen ist die umfassende Verkörperung von Freiheit und Liebe, einzigartig erfahren und individuell ausgedrückt.

Bei Ihnen spielt die Körperarbeit eine zentrale Rolle. Wie wichtig ist es, dass Frauen ihren eigenen Körper gut kennen, vor allem während ihres eigenen spirituellen Erwachens?

Über tausende von Jahren hat sich ein Ungleichgewicht zugunsten alles Maskulinen entwickelt. Dies äußert sich in der überstarken linken Hirnhälfte, aufgrund derer Frauen sich heute oft in einem Zustand umfassender Unausgeglichenheit und innerer Spannung widerfinden. Wir mögen zwar Erfolge in unserem Leben erfahren, aber der Preis, den wir dafür zahlen, ist, dass wir mit einem großen kalten Schutzschild durch unseren Alltag gehen und unsere Beziehungen und sogar unsere Verbindung zu allem Heiligen gefährden.

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Viele von uns haben sich an verschiedene spirituelle Traditionen gewandt, um den Durst unserer Seelen zu stillen. Allerdings werden wir auch hier wieder mit einer Betonung maskuliner Werte konfrontiert. Der Körper ist die Erde. 100% Erde. Und Erde ist erwachendes Bewusstsein. In den spirituellen Übungen, die ich mit den Frauen mache, erfahren wir den Körper als einen Lehrer des Erwachens. Der Körper gibt fortwährend Signale, in welche Richtung man sich als Nächstes hinbewegen soll. Der Körper kennt keine Trennung, er ist zu jeder Zeit in einem intimen Austausch mit den Dingen, die ihn umgeben. Der erwachende weibliche Körper erkennt das Leben als sinnliche Erfahrung, als Gegensatz zu allem Analytischen, den Lebenserfahrungen der linken Gehirnhälfte, die wir in unserer Gesellschaft so gewohnt sind. Viele haben das Gefühl, dass wir noch nicht ganz erwacht oder dass wir nicht komplett in unseren Körpern präsent sind. Wir fühlen uns angespannt oder taub. Es fühlt sich an, als wäre ein Instrument nicht gestimmt. Unsere straff gespannten, verlassenen Körper erklingen wie eine überspannte Saite. Das wiederum erzeugt Spannung um uns herum. Dadurch nehmen wir unsere Umwelt und die ganze Welt als sehr viel angespannter wahr, als sie sein könnte. Indem wir uns in die weiblichen Praktiken vertiefen, wird unser Körper wieder sanft und geschmeidig. Langsam beginnt er wieder, mit unserer Umwelt in sensibler und empfänglicher Weise in Resonanz zu gehen. Dann werden die Farben prächtiger, und die Klänge erscheinen klarer. Sie werden sehen, wie der Wind durch die Bäume streift, und es wird sich anfühlen, als streife er auch durch Ihr Herz. Alles, was Ihre Sinne berührt, lässt Sie mit sinnlicher Energie erbeben.

Wie kann uns Yoga dabei helfen, unsere weibliche Spiritualität zum Erwachen zu bringen?

Vor allem die Yin-Richtungen des Yoga helfen uns dabei, komplett in den Körper einzudringen. Wir lernen, in unseren Körpern von innen nach außen zu leben. Die Yang-Richtungen des Yoga geben uns Stärke und ein Gefühl von Mitte. Sie lehren uns Konzentration und Ausdauer. Wenn wir es schaffen, diese Fähigkeiten zu kultivieren, und Vertrauen in sie schöpfen, wird das erwachende Maskuline in uns den Weg bereiten, die flüssigeren, wilderen und unvorhersehbaren Aspekte des Weiblichen zuzulassen.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.