Das Wissen um die Purusharthas kann uns helfen, ein ausgeglichenes Leben zu gestalten und unsere materiellen und spirituellen Bedürfnisse zu erfüllen – und hierdurch unser volles Potenzial zu entfalten.

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Wir alle haben sie: Bedürfnisse, Verlangen und Wünsche, die uns antreiben und durch den Alltag begleiten. Ob es der Wunsch nach einem sicheren Zuhause und finanzieller Unabhängigkeit ist, das Verlangen nach Nähe und Zuneigung oder das Bedürfnis nach spiritueller Entwicklung … sie sind in jedem Menschen verwurzelt und formen unseren Lebensweg.

Oft begegnet uns allerdings in spirituellen Kreisen die Ansicht, alles Verlangen wäre schlichtweg schlecht. Es ginge in der spirituellen Praxis darum, jegliche Wünsche abzulegen und zu überwinden. Auch das Missverständnis ist weit verbreitet, als Yogapraktizierender oder Yogalehrer dürfe man nicht an Geld oder beruflichem Erfolg interessiert sein. Die vedischen Schriften verweisen aber darauf, dass materieller Wohlstand und spiritueller Wohlstand sich keinesfalls ausschließen sondern eher bedingen, und stellen uns vier Bereiche vor, in denen wir im menschlichen Leben nach Verwirklichung streben: die Purusharthas.

Das Sanskritwort Purushartha setzt dich zusammen aus purusha, was hier „Mensch“ bedeutet und artha, „Ziel“; es beschreibt die vier Ziele menschlichen Strebens. Es sind natürliche Bedürfnisse, Wünsche oder Motivationen, nach denen wir handeln, die uns bewegen und unsere Seele antreiben. Dabei geht es um die Integration der verschiedenen Anteile unseres Menschseins. An einem einzigen Tag verspüren wir manchmal Verlangen aus allen vier Kategorien.

Die Purusharthas beziehen sich nicht nur auf den einzelnen Menschen, sondern sie basieren auf Prinzipien, die dem gesamten Kosmos inhärent sind. Denn Verlangen, Begehren oder Antriebe sind überall in der natürlichen Welt. Wie es Rod Stryker in seinem Buch The Four Desires so schön beschreibt: Wäre es nicht um das besondere Verlangen nach Verschmelzung dieses einen findigen Spermiums und dieser einen Eizelle unserer biologischen Eltern, wären wir heute nicht einmal hier.

Die vier Lebensziele lauten Artha, Kama, Dharma und Moksha:

Artha – Befriedigung unserer grundlegenden Bedürfnisse, materieller Wohlstand, Sicherheit: Zu diesem Bereich zählen unsere elementaren Bedürfnisse wie ein sicheres Zuhause, genug Essen und Trinken oder eine gute Gesundheit. Die Erfüllung dieser Bedürfnisse bildet eine Grundlage, um unser Dharma (siehe unten) erfüllen zu können, und es sichert unser menschliches Überleben.

Kama – Befriedigung der sinnlichen Bedürfnisse, Vergnügen: Das Wort Kama bedeutet übersetzt „Wunsch“ oder „Verlangen“; es ist nicht zu verwechseln mit Karma, was „Handlung“ oder „Tat“ bedeutet. Kama beschreibt den Wunsch in uns, uns an Dingen zu erfreuen, sei es gutes Essen, ein Spaziergang im Wald oder die Gemeinschaft mit geliebten Menschen. Wir nutzen unsere Sinnesorgane, um die vielfältigen sinnlichen Eindrücke aufzunehmen. Die hohe Kunst ist es, in rechtem Maße von ihnen Gebrauch zu machen.

Dharma – der eigenen Bestimmung gemäß leben, unseren Pflichten nachkommen:
Dharma ist der Drang in uns, zu werden, wer oder was wir wirklich sind – oder vielmehr zu realisieren, wer oder was wir wirklich sind. Wir alle kommen mit einer ganz eigenen Bestimmung auf diese Welt (Svadharma), und dessen Erfüllung spielt in die Erhaltung der kosmischen Ordnung (Rta) ein. Darum fühlt sich jedes Individuum auch zu ganz unterschiedlichen Dingen hingezogen, sei es z.B. das Verweilen in der Natur, sich künstlerisch zum Ausdruck zu bringen, eine große Familie zu gründen oder sich politisch zu engagieren.

Moksha – spirituelle Befreiung, Selbstrealisation: Moksha ist das höchste und letzte Ziel im Leben eines Menschen. Es beschreibt die Befreiung aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt und auch das Verlangen danach, uns von allen Fesseln zu befreien und ultimativen Frieden und Freiheit zu verspüren.

Eine Frage der Balance

Alle diese vier Ebenen gehören zum menschlichen Leben dazu. Ein Verlangen aus der Kategorie Artha ist kein „niederes“ Verlangen, auch wenn es schlussendlich darum geht, immer weiter in Richtung Moksha voranzuschreiten. Wenn wir unsere grundlegenden Bedürfnisse ignorieren, verteufeln oder sogar leugnen, leugnen wir schlussendlich uns selbst und kreieren ein inneres Ungleichgewicht, das uns früher oder später aus der Bahn wirft. Vielmehr geht es darum, das sogenannte „Weltliche“ zu heiligen. Rod Stryker drückt es wie folgt aus: „Wenn es im Yoga um das Leben geht, bedeutet das es geht um das ganze Leben, und nicht nur um einen Teil davon. Zusammen bilden das Spirituelle und das Materielle das ganze Du, die Ganzheit der Erfahrung des Menschseins, und die Natur des Universums, in welchem du lebst.“

Die Purusharthas sind also intrinsischer Aspekt unserer Essenz. Indem wir gemäß unseren ureigenen Bedürfnissen handeln, kann sich unsere Seele hier auf Erden ausdrücken und wir können unser wahres Potenzial entfalten. Dabei sind die Purusharthas ständig präsent; in manchen Lebensphasen oder Situationen steht dabei ein gewisses Ziel im Vordergrund, dann wieder ein anderes.

Wie immer im Yoga ist es eine Frage der Balance.

Frage dich: Welche Stellung nehmen die jeweiligen Purusharthas gerade in meinem Leben ein? Sind sie in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander? Sind manche meiner Bedürfnisse unbefriedigt? Wenn ja, wie kann ich wieder in Balance kommen und meine Bedürfnisse auf heilsame Weise erfüllen? Und besonders: Nach welchem Ziel will ich mich ausrichten? Dann geh bewusst in diese Richtung.
Jeder Mensch muss bei der Beantwortung dieser Fragen seinen eigenen Weg finden, und Vergleiche mit anderen sind selten gut. Spüre hierbei in dich hinein, anstatt mit dem Kopf feste Vorsätze zu fassen. Lass dich von deiner inneren Weisheit leiten und versuch dich von äußeren Konditionierungen frei zu machen.

Strebst du vielleicht gerade stark nach materiellem Wohlstande, lässt dabei aber deine spirituelle Praxis aus den Augen und fühlst dich unausgeglichen? Vielleicht ist es dann an der Zeit, Dharma und Moksha mehr Achtsamkeit zu schenken. Oder meditierst du den halben Tag, kannst aber deine Rechnungen nicht bezahlen und zerbrichst dir daher regelmäßig am Monatsende den Kopf? Dann ist es vielleicht heilsam, deine Bedürfnisse aus dem Bereich Artha bewusst zu reflektieren.

Der kleine aber feine Unterschied

Doch nun kommt der entscheidender Punkt: Nicht jedes Verlangen ist heilsam und bringt uns auf unserem Weg zur Verwirklichung unserer Potenziale weiter. Verlangen blind nachzugehen, ist oft ein Garant für Frustration und Schmerz. Daher ist es bei der Auseinandersetzung mit den Purusharthas von grundlegender Bedeutung, Achtsamkeit walten zu lassen und sich von Anhaftungen frei zu machen. Denn nicht das Verlangen selbst ist das Problem, sondern die Anhaftung daran. So kann es aufgrund von Anhaftung zu Frustration kommen, wenn wir eines unserer Bedürfnisse nicht befriedigen können. Es kann aber ebenfalls zu Frustration führen, wenn wir ein Verlangen erfüllen, dann aber Angst haben, dass wir das, was wir erreicht haben, wieder verlieren.

Im kosmischen Spiel ist darüber hinaus von höchster Bedeutung, ob unser Verlangen in einem übergeordneten Kontext dazu beiträgt, dass wir unsere Bestimmung hier auf der Erde erfüllen. Die Frage lautet: Kommt ein Verlangen von meinem höheren Selbst? Und gerade in unserer heutigen Gesellschaft dienen so viele unserer scheinbar so dringenden Bedürfnisse eigentlich nur dazu, unser Ego zu füttern, während unsere Seele verhungert. Wenn wir den eigentlichen Sinn und Zweck des menschlichen Daseins nicht kennen und uns somit nicht danach ausrichten, kann uns in der heutigen Konsum- und Informationsgesellschaft schnell schwindelig werden. Wir können aber das Wissen darüber entwickeln, welche Wünsche uns antreiben und wie wir diese Erkenntnisse heilsam nutzen können.

Durch diesen Prozess erschließt sich uns nach und nach unsere Bestimmung in diesem Leben und auf dieser Erde. Mit ihr in Einklang zu Leben und unser Handeln danach auszurichten – oder besser, unser Handeln danach ausrichten zu lassen und mit dem Fluss des Lebens zu fließen – führt zu echter Freude und Erfüllung. Um uns hierauf einzulassen, ist neben Vertrauen in das Leben aktives Handeln nötig.

Darum dreht es sich schlussendlich im Yoga: finde, gestalte und lebe dein einzigartiges Sadhana, das dich erkennen lässt, wer du im tiefsten Kern bist.

 

Buch-Tipp

Rod Stryker: The Four Desires: Creating a Life of Purpose, Happiness, Prosperity and Freedom (Englisch), Hay House Uk 2012Anzeige