Dich selbst zu erforschen, neugierig, offen und ohne Leistungsdruck – diese Erfahrung kann dich auf ganz neue Weise mit dir selbst in Kontakt bringen. Sie kann dich erkennen lassen, dass du so, wie du bist, bereits vollkommen bist.

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Im Yoga heißt es, dass wir Yoga um seiner selbst willen praktizieren sollen. Einfach so. Kein Ziel. Kein Leistungsdenken. Puh! Keine leichte Übung, oder?!

Ich finde es spannend. Denn wenn wir ein Asana besonders gut – oder wenn möglich sogar perfekt – ausführen wollen, kann es passieren, dass wir uns selbst vor lauter Machen und Tun gar nicht mitbekommen. Diese Erfahrung habe ich immer wieder an mir selbst gemacht. Bei manchen Praktiken hatte ich ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen; und war so auf das Ziel fixiert, dass ich die Übung selbst, mich selbst, in dem Moment der Übung gar nicht mitbekommen habe. Vielleicht kennst du so ein Verhalten?!

Neugierig und offen bleiben

Durch die Beschäftigung mit Achtsamkeit habe ich gelernt, dass es vielmehr darum geht, mich selbst offen und neugierig von Moment zu Moment zu beobachten. Und dabei immer wieder zu fragen: Was passiert gerade in meinem Körper und was passiert gerade in meinem Geist? Wie fühlt er sich an, wenn ich den Leistungsdruck weglasse? Was passiert, wenn ich einfach loslasse, mich hingebe, ein Asana einnehme und versuche, es mit Leichtigkeit und Neugier der Erfahrung gegenüber auszuführen? Ich habe gemerkt, dass sich mein Körper dann jedes Mal noch viel mehr in die Haltung hinein entspannen kann. Das war jedes Mal eine wunderschöne Erfahrung. Und „plink“, mir ging ein Licht auf. Nach dem Motto: Aha! Darum geht es!

Das Gleiche gilt auch für die Meditation. Wenn ich in die Meditation gehe – neugierig und offen – und mich selbst wohlwollend unter die Lupe nehme, dann kann ich meine Denkmuster erkennen und mit dieser Haltung auch immer wieder über mich selbst lachen. Anstatt – wie es so schnell passiert – mich dafür zu verurteilen, dass ich immer noch nicht in der Stille verweile oder ich immer noch Gedanken habe. Oder ich mich selbst immer noch nach drei bewussten Atemzügen in irgendeiner Geschichte verwickle, die aus einem einzigen Gedanken entsteht. Durch dieses neugierige, offene Annehmen kommt es dann auch hin und wieder zur Stille in meinem Geist. Hmmmm. So schön ruhig ist es dann in mir.

Den inneren Kritiker erkennen

Die Tendenz sich zu verurteilen, anstatt sich wohlwollend anzunehmen, erkenne ich auch bei vielen Teilnehmern meiner Kurse. Viele sind verärgert, wenn sich nach mehrmonatiger Meditationspraxis immer noch keine Stille in ihrem Kopf einstellt. Dann kommt eine innere Stimme, die sie dafür verurteilt. Und das häufig ziemlich gnadenlos und selbstablehnend. Wenn Menschen mir von ihren inneren urteilenden und oft destruktiven Stimmen erzählen, tut es mir immer im Herzen weh. Es sind so wundervolle Menschen, die oft ihr Bestes tun.

Zu erkennen, dass diese Stimme in uns selbst ist, ist ein wichtiger Schritt weg von der Selbstoptimierung und hin zur Selbstannahme. Da spielt der wohlwollende innere Beobachter natürlich eine wichtige Rolle.

Nach innen schauen

Ein weiterer wichtiger Schritt weg von der Selbstoptimierung besteht auch darin, sich mal freizumachen von äußeren Vorbildern. Immer wieder treffe ich Menschen, die gerne Eckhart Tolle zitieren oder Weisheiten bekannter Yogis von sich geben. Sie möchten so beweglich werden wie Dr. Ronald Steiner oder eine gute Figur machen wie Helga Baumgartner. Dabei vergessen sie aber ihre eigenen anatomischen Gegebenheiten und ihre eigene Einmaligkeit. Wer dann noch regelmäßig Frauenmagazine liest, in denen nur die schönsten weiblichen Wesen abgebildet werden, der wird sich vielleicht manchmal noch schwerer tun, sich selbst anzunehmen und zu lieben. Ich selbst tröste mich immer mit dem Satz: Man kann aus einer Ameise keinen Adler machen.

Machen wir uns dann auch noch frei von den äußeren Idealen und Vorbildern, die von der Marktwirtschaft als Köder für Produkte in sämtlichen Lebensbereichen erscheinen, können wir erkennen, dass wir so, wie wir sind, einzigartig und besonders sind.

Und mehr noch: Dann können wir uns in uns selbst hinein entspannen und sehen, dass es in uns darüber hinaus auch etwas gibt, was vollkommen ist, so wie es jetzt gerade in diesem Moment ist!

Übung: Ich bin gut, so wie ich bin

  • Komm in eine aufrechte Sitzhaltung.
  • Schließ die Augen und entspann deinen Körper.
  • Richte dich innerlich noch einmal auf und komm bewusst in eine würdevolle Haltung.
  • Lächle dir selbst innerlich zu.
  • Lass dich nieder und entspann dich innerlich.
  • Sag dir: „Ich bin vollkommen ok so, wie ich jetzt in diesem Moment bin.“
  • Wiederhole den Satz einige Male.
  • Nimm dieses Gefühl, dass du so, wie du bist, gut bist, mit jeder Zelle deines Körpers in dir auf.
  • Sag dir als nächstes: „So, wie ich die Übung jetzt mache, ist es genau zu diesem Zeitpunkt auch gut.“
  • Wiederhole auch diesen Satz einige Male.
  • Und nimm auch hier das positive, entspannende Gefühl in deinem Körper wahr.
  • Bleibe so lange bei dieser Übung, wie es dir gefällt und kehre dann gestärkt in den Alltag zurück.

Wenn du den inneren Leistungsdruck loslässt, ein besonders guter, weiser, beweglicher und spiritueller Yogi sein zu müssen, kannst du dich innerlich entspannen. Dann erst entsteht ein Raum einer Selbsterfahrung. Einer Erfahrung, dass dein Selbst, so wie es ist, vollkommen ist.Anzeige

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Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.