Wahre Freiheit beginnt, wenn wir spirituelle Praktiken nicht dazu nutzen, uns von uns und dem Leben abzuspalten. Viel mehr stellen sie eine wundervolle Möglichkeit dar, im eigenen Körper und damit mitten im Leben anzukommen.

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In den letzten Jahren begegneten mir auf meinem spirituellen Weg immer wieder Menschen, die ihr Zuhause gerne auf jenen Wegen suchen, die Ekstase versprechen oder zum Ziel haben, das kleine Ich und die Anhaftung an den Körper möglichst schnell zu überwinden. Einige dieser Menschen wirkten auf mich so, als hätten sie keinen oder nur wenig Zugang zum eigenen Körper. Andere zeichneten sich durch einen sehr aktiven Intellekt aus. Irgendwie wirkten sie so, als wären sie in ihrem Kopf gefangen. Bewandert in vielen spirituellen Schriften gaben sie viele kluge Weisheiten von sich. Diese mit viel Herz ins Leben bringen konnten sie aber nicht wirklich. Sie betreiben somit eine Art Spiritual Bypassing.

Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass sie – mit Buddhas Worten gesprochen – viel Staub auf den Augen haben. Die gute Nachricht ist aber, ebenfalls mit Buddhas Worten gesprochen: Es ist für jedes menschliche Wesen möglich, innere Freiheit und Zufriedenheit zu erlangen. Der Weg dorthin ist allerdings kein leichter. Er bedeutet, keine Mühe zu scheuen und der eigenen Seele ganz langsam, mit viel Disziplin, einer Portion Mitgefühl und noch mehr Geduld ein neues Zuhause zu schenken. Und natürlich darf der Gleichmut nicht fehlen, denn nicht immer machen sich sofort Fortschritte bemerkbar. Früher oder später werden sie sich zeigen.

Viele Wege führen ans Ziel

Es gibt viele Wege, um im eigenen Körper anzukommen. Allerdings muss jeder Mensch seinen eigenen finden, denn jeder Mensch kann nur für sich selbst sagen und bestimmen, was gut für ihn ist. Gleichzeitig aber gibt es Übungen, die hier besonders hilfreich sind.

Wenn man nicht in seinem Körper ist, hat dies natürlich auch einen Grund. Da braucht es dann vielleicht doch noch etwas mehr als nur einen Yogalehrer. Mittlerweile gibt es zum Glück auch viele Psychotherapeuten, die sich für spirituelle Wege öffnen und umgekehrt immer mehr spirituelle Lehrer, die erkennen, dass Meditation und Yoga nicht alles heilt, und dass es manchmal neben der spirituellen Praxis auch noch eine psychotherapeutische Begleitung braucht, damit Bewusstheit und dadurch bedingt mehr Freiheit auf allen Ebenen entstehen kann, um Spiritual Bypassing zu vermeiden. Techniken wie Traumasensibles Yoga, die Gehmeditation und stilles Sitzen lenken die Achtsamkeit auf eine mitfühlende Weise nach innen und können einen therapeutischen Prozess unterstützen. Ohne etwas zu erzwingen wird der eigene Körper wohlwollend wahrgenommen und der Übenden dazu inspiriert, die eigene Entscheidungsfähigkeit bewusst wahrzunehmen, den eigenen Rhythmus zu finden und die eigenen Bedürfnisse zu beachten und ihnen zu folgen. Dadurch lernt man, nach innen zu schauen, anstatt aus sich herauszugehen. Man lernt, dem eigenen Körper zuzuhören und mehr und mehr zu erkennen, was ihm guttut und was ihm schadet.

Achtsamkeitsbasierte Techniken als hilfreiche Unterstützung

Oft sind es traumatische Erfahrungen, die sich zwischen uns und unseren Körper gestellt haben. Und weil Traumata sich auf die Physiologie des Körpers auswirken und traumatische Erinnerungen oft in somatischer Form gespeicherten werden, empfehlen Experten zunehmend, dem Körper mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ihn mehr einzubeziehen und auch bei der spirituellen Praxis auf die eigenen körperlichen und seelischen Grenzen zu achten sowie diese zu wahren. Lange Perioden des stillen Sitzens können somit für einen Betroffenen eher zur Qual werden. Wenn diese Schwierigkeit anhält, sollte man dem als Betroffener und auch als Lehrer Achtsamkeit schenken und dies würdigen, anstatt hier gegen sich selbst oder die Bedürfnisse des Schülers anzukämpfen.

Manchmal macht es auch die Mischung: Bewegung und Sitzen im Wechsel. Körperbasierte Traumatherapien arbeiten hier ganz bewusst mit einer Sequenz von Yogahaltungen und Atemübungen, dann folgen wieder kurze Sequenzen der Stille, um das Gefühl, mit sich selbst verbunden zu sein, zu stärken. Dies kann die Fähigkeit fördern, in der Gegenwart präsent zu sein, innere Erlebnisse zu registrieren und zu ertragen und eine neue Beziehung zum eigenen Körper zu entwickeln. Diese körperbasierte Form der Übung wirkt dann allmählich auf die emotionale und psychische Gesundheit, auf die Beziehungen des Klienten und auf sein Empfinden des Lebens in der Welt. Hier entsteht wahre Freiheit.

Frei sein, Entscheidungen zu fällen

Sowohl im Yoga als auch bei der Meditation sollte man selbst entscheiden dürfen, in welcher Haltung man zum Beispiel sitzt. Zu lernen, auf den eigenen Körper zu hören und angemessen auf seine Signale zu reagieren, wird dann später zu einem festen Bestandteil der Praxis und eine Vorbereitung darauf, sich im Leben so zu verhalten. Dann kannst du erfahren, was Siddha Saraha sagt: „Es gibt keine Pilgerstätte, die wunderbarer und offener wäre als mein Körper, kein Ort, der es mehr wert wäre, erkundet zu werden.“

Sich diese Freiheit zu nehmen, nur die Übungen zu machen, die gut tun und nur so lange in Stille zu verweilen, wie es nicht gegen die eigenen Grenzen geht, gilt in meinen Augen aber nicht nur für traumatisierte Menschen. Viele Menschen geben ihre Selbstverantwortung am Eingang eines Meditationszentrums ab und begeben sich – manchmal leider sehr unreflektiert – vollkommen in die Hände eines Lehrers. Dem Rat Buddhas zu folgen, alle Lehren (und auch alle Lehrer) zu überprüfen und zu hinterfragen, stände jedem Wahrheitssuchenden gut. Denn nur so erkennen wir, was für uns persönlich gut ist und welcher Weg der richtige ist. Auch hier liegt eine große Freiheit. Je mehr wir im Körper ankommen, desto mehr wird er zum Instrument und kann uns mitteilen, was und wer uns guttut und was und wer uns schadet.

Mut entwickeln

Diese Freiheit in Anspruch zu nehmen erfordert allerdings auch viel Mut. Mut, zu sich selbst zu stehen. Mut, für sich selbst zu denken. Und Mut, sich den Vorgaben eines Lehrers zu widersetzen. Mut, den Lehrer nicht als absolute Autoritätsperson zu akzeptieren. Besonders dann nicht, wenn er übergriffig wird. Allerdings wird Mut den meisten Menschen leider nicht mit in die Wiege gelegt.

Es erfordert auch Mut, im eigenen Körper und auch im eigenen Herzen anzukommen und wahrzunehmen, was in ihm gespeichert ist, um eben das Spiritual Bypassing zu vermeiden. Jack Kornfield sagt hierzu: „Es erfordert Mut, sich der ganzen Bandbreite unserer Gefühle und Emotionen zu stellen, ohne darauf zu reagieren oder sie abzuschneiden.“ Und es erfordert Größe, nicht in den Verletzungen hängenzubleiben, sondern sie loszulassen und weiterzugehen. Der Dalai Lama hat einmal gesagt: „Wir können die Welt als fehlerhaft oder als wunderbar betrachten: Alles liegt in unserem Denken.“ Wir können uns Zeit unseres Lebens als Opfer betrachten oder aber die Vergangenheit hinter uns lassen und optimistisch auf die Zukunft schauen.

Auch wenn es kein leichtes Unterfangen und der Weg ein langer ist, lohnt sich aus meiner Erfahrung das Ankommen im eigenen Körper sehr. Auf dem Weg dorthin wird man bescheidender und demütiger. Im eigenen Körper angekommen erfährt man nicht mehr das Gefühl von Trennung, sondern erlebt, dass wir alle auf einer tiefen Ebene miteinander verbunden und aus der gleichen Essenz sind.Anzeige

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.