Dritter Teil der Serie: Bhakti-Yoga, der in der Gita als einer der spirituellen Hauptwege zur Selbsterkenntnis beschrieben wird, führt dich ins Herz und verbindet dich mit dem Göttlichen in dir.

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Das Wort „Bhakti“ hast du im Kontext des Yoga bestimmt schon oft gehört; es kann übersetzt werden mit Liebe, aber auch mit Verehrung und Anbetung. Bhakti-Yoga, dem das gesamte 12. Kapitel der Bhagavad-Gita gewidmet ist, ist der Weg der Liebe und Hingabe. Krishna vermittelt Arjuna in der Gita, wie ein Yogi sein ganzes Denken voller Glauben ganz auf Gott richten soll.
Vielleicht denkst du jetzt direkt: „Ich glaube nicht an einen Gott und bin nicht religiös. Bhakti-Yoga ist also nichts für mich.“ Dann lass mich dir sagen, dass du – genau wie jeder andere Mensch – im tiefsten Grunde ein Bhakti-Yogi bist.

Wir alle wollen lieben und geliebt werden. Liebe ist – ausnahmslos – in jedem von uns! Sie ist es, was uns menschlich macht und ist das, was die Welt im Kern zusammenhält. Doch der eine hat mehr Zugang zu ihr und lebt sie aktiver in der Welt, der andere weniger. Wen wundert letzteres? In einer Welt, die überwiegend vom Verstand regiert wird und in der wir unseren Ursprung und unsere Essenz vergessen zu haben scheinen …

Die Mission ist es, aus dem Kopf zurück ins Herz zu gelangen und von diesem hoch intelligenten Steuerzentrum aus – das uns zurück zum wahren Selbst leitet – zu leben. Wie Bhagawan Nityananda uns einlud: “The heart is the hub of all sacred places. Go there and roam”, zu Deutsch: „Das Herz ist das Drehkreuz aller heiligen Orte. Geh dort hin und streife umher.“

Die Verschmelzung mit dem Göttlichen in uns

Du musst also nicht an einen Gott im Himmeln glauben, zur Kirche gehen oder zu Krishna, Jehova oder Allah beten, um Bhakti-Yoga zu praktizieren. Dies sind Formen der Verehrung eines höheren Prinzips, die Menschen ins Herz führen können. Doch dieses höhere Prinzip – nenn es Gott, Krishna, Bewusstsein oder kosmische Intelligenz – liegt eigentlich jenseits der Worte und der Gestalt. Genau so, wie auch die Liebe und die Hingabe jenseits aller Worte sind und erfahren werden wollen.

Der Yoga lehrt uns und lässt uns erfahren, dass dieses göttliche Prinzip, diese kosmische Kraft, alles im Universum durchpulst, jeden Menschen, jede Blume, jeden Wassertropfen. Wer sein Herz für seine Mitwesen – völlig egal ob Mensch, Tier oder Pflanze – öffnet, der praktiziert demnach Bhakti-Yoga! Eine Mutter, die sich für ihr Kind aufopfert, praktiziert Bhakti-Yoga. Ein Junge, der einen hungrigen Straßenhund füttert, praktiziert Bhakti-Yoga. Eine Person, die Bäume pflanzt, praktiziert Bhakti-Yoga. Ein religiöser Mensch, der das Göttliche jenseits von Dogmen in einer speziellen Erscheinungsform anbetet, praktiziert Bhakti-Yoga.

Yoga in seiner reinsten Form findet so oft weit jenseits der Yogamatte statt. Meiner Meinung nach ist es eines der größten Irrtümer in der „Yogaszene“, dass man für Yoga eine rutschfeste Unterlage oder eine bunten Leggings bräuchte. Mit der grenzenlosen, bedingungslosen Liebe in uns in Kontakt zu kommen und zu allererst uns selbst (wieder) lieben zu lernen, ist Yoga. Asanas können dabei ein Zugang sein.

Folge dem Ruf deines Herzens

Es geht also um Verbindung. Wer präsent ist, im Herzen verankert, der verbindet sich mit dem Kosmos, mit dem jetzigen Moment, in dem Liebe natürlich fließt. Hierfür ist Hingabe nötig, und wir können Hingabe nicht erzwingen. Wir können uns nicht vornehmen, uns hinzugeben. Hingabe geschieht ohne unser willentliches Zutun. Aber es gibt Zutaten, die die natürliche Kapazität zur Hingabe in uns fördern, wie Offenheit, Mut, Achtsamkeit, Geduld oder Dankbarkeit. Auf das Leben zu vertrauen, nicht krampfhaft gegen das, was ist, anzukämpfen, ist Hingabe. Wir verlieren uns dabei nicht in dieser Hingabe, sondern wir finden uns in ihr.

Es gibt viele verschiedene Dinge, die uns in die hohe Vibration der Liebe führen. Doch genauso, wie wir Menschen uns z.B. in der Persönlichkeit, den Vorlieben und Abneigungen oder dem Aussehen unterscheiden, führen uns auch unterschiedliche Dinge zurück ins Herz. Deine Bhakti-Yogapraxis beginnt also damit, herauszufinden, was dein Herz erfüllt. Wenn du es gefunden hast, lebe deinen einzigartigen Ausdruck von Bhakti! Dies mag als eine Praxis beginnen, die du machst, aber mit der Zeit wirst du in dem Gefühl, das durch die Praxis in dir entsteht, zu Bhakti werden. Denn tatsächlich ist Bhakti-Yoga ein Seins-Zustand, eine Erfahrung der Grenzenlosigkeit.

Die folgenden Praktiken haben sich als besonders herzerfüllend erwiesen:

Singen, Musizieren, Tanzen, Malen
Nicht ohne Grund sind Kirtan und das Singen von Mantras als der Weg des Herzens bekannt. Diese Ausdrucksformen versetzen uns in höhere Schwingungen und locken uns aus dem Kopf heraus. Das Gleiche gilt für das Tanzen oder künstlerische Betätigungen, bei denen wir unsere Kreativität ausleben.

In der Natur sein
Das Göttliche durchpulst alles um uns herum. Wenn du einen feuerroten Sonnenuntergang betrachtest, leuchtende Sterne zählst oder einen prächtigen Baum umarmst, kannst du die kosmische Intelligenz förmlich schmecken. Die Natur lehrt uns Erfurcht, sie zeigt uns, dass wir eingebettet sind in ein viel größeres Ganzes.

Hatha-Yoga
Das Einnehmen einer Asana kann als eine rituelle Körperhaltung, als ein Gebet mit dem ganzen Körper, zelebriert werden.
Denk außerdem an die Herzöffnung, die durch die Weitung des Brustraumes z.B. in der Haltung des Fisches (Matsyasana) stattfinden kann; oder an die Hingabe und das Loslassen, das in einer achtsamen Vorbeuge wie der Kopf-zum-Knie-Haltung (Janu-Sirsasana) geschieht.

Liebevolle Beziehungen pflegen
In Kontakt mit unseren Mitmenschen schaffen wir Verbindung. Verbindung ist dabei nur ein anderes Wort für die Brücke, über die Liebe von Herz zu Herz strömen kann. Gib Energie in liebevolle Beziehungen! Nimm dir Zeit für den Austausch mit deinem Gegenüber, teile Zuneigung, erlaube Intimität.

Rituale
Um Gottesliebe – oder auch die Liebe zum Guru oder zu Mutter Natur – zum Ausdruck zu bringen, sind Rituale wie Pujas oder das Beten kraftvolle Werkzeuge. Du kannst dir dabei dein ganz eigenes Ritual gestalten, bei dem du dich voll hingeben kannst. Wichtig ist dabei weniger eine bestimmte Ausführung als viel mehr deine Intention.

Was bringt dich ins Herz? Wie sieht deine Bhakti-Yogapraxis aus? Wir freuen uns, wenn du uns in den Kommentaren an deinen Erfahrungen teilhaben lässt!

Teil 1 der Serie: Die zeitlosen Weisheiten der Bhaghavad-Gita im modernen Alltag
Teil 2 der Serie: Karma-Yoga – mach jede Handlung zur Yogapraxis

Zum Weiterlesen:

Jack Hawley: Bhagavadgita – Der Gesang Gottes. Eine zeitgemäße Version für westliche Leser, Goldmann Verlag 2002. Ins Deutsche übersetzt von Peter KobbeAnzeige

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