Meistens sehen wir nur unsere Fehler. Und die häufig mit einem Vergrößerungsglas. Aber was ist mit all den guten Eigenschaften, die uns ausmachen? Die werden allzu gerne unter den Teppich bzw. die Yogamatte gekehrt. Damit ist jetzt Schluss! Steh zu dir und all dem, was dich ausmacht.Anzeige

Es gibt ein Gedicht von Marianne Williamson, das mich immer wieder tief berührt. Es lautet folgendermaßen:

Unsere tiefste Angst ist nicht,
dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist,
dass wir unermesslich machtvoll sind.
Es ist unser Licht, das wir fürchten,
nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns: „Wer bin ich eigentlich,
dass ich leuchtend, begnadet,
phantastisch sein darf?“
Wer bist du denn, es nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Wenn du dich klein machst,
dient das der Welt nicht.
Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun,
wenn du schrumpfst,
damit andere um dich herum,
sich nicht verunsichert fühlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit
Gottes zu verwirklichen, die in uns ist.
Sie ist nicht nur in einigen von uns,
sie ist in jedem Menschen.
Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen,
geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.
Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreit haben,
wird unsere Gegenwart
ohne unser Zutun andere befreien.

(Marianne Williamson in Rückkehr zur Liebe)

Dieses Gedicht habe ich in einem mehrtätigen Seminar vorgelesen. In den darauffolgenden Tagen habe ich die Teilnehmer gebeten, jedes Mal, wenn wir morgens und abends zur Yoga- und Meditationspraxis zusammenkamen, in einer kurzen Runde etwas von sich preiszugeben, was sie besonders gerne an sich mögen.

Die meisten von ihnen waren sehr erstaunt und manch einer damit sogar überfordert. Etwas Gutes von sich laut auszusprechen, war für sie vollkommen ungewohnt. Aber bereits im Verlauf des ersten Tages machte sich jeder seine Gedanken über sich selbst – und zwar im positiven Sinne! Welch eine Freude! Und nach und nach bereitete es jedem Einzelnen sogar großes Vergnügen, den anderen etwas Gutes über sich selbst zu berichten.

Was zeichnet dich aus?

Wie steht es mit dir? Hast du dir heute schon einmal Gedanken darüber gemacht, was dich auszeichnet? Dein Humor? Deine Gastfreundschaft? Deine Zuverlässigkeit? Deine Klarheit? Mach dir Gedanken darüber und genieß diese Eigenschaft. Und zwar so, dass jede Zelle deines Körpers dieses Gefühl wahrnimmt und sich mit dir mitfreuen kann!

Mach diese Übung eine ganze Woche lang. Besser noch: einen ganzen Monat lang!
Mach sie am besten morgens nach dem Aufwachen und abends vor dem Einschlafen.

Du wirst sehen, dass sich nicht nur dein Selbstwertgefühl verbessern wird, sondern du auch deine Mitmenschen anders, also positiver wahrnehmen wirst.

Was ist dir gut gelungen?

Du kannst diese Übung auch noch fortsetzen und dir am Ende des Tages immer wieder überlegen, was dir GUT gelungen ist.

Diese Übungen sind besonders gut und auch wichtig für all jene Menschen, die einen sehr starken inneren Kritiker haben. Denn dieser hat die Tendenz, immer nur das Schlechte zu sehen. So bat ich zum Beispiel eine Kursteilnehmerin in einem MBSR-Kurs davon zu berichten, ob und wie sie die Achtsamkeit in ihren Alltag integrieren würde. „Viel zu wenig!“, antwortete sie. Auf meine Bitte zu erzählen, wann sie mal einen kleinen Moment achtsam sei und zum Beispiel einen achtsamen Atemzug nehmen würde, achtsam einen Schluck Tee trinken würde etc., sprudelte es plötzlich aus ihr heraus und es reihten sich zahlreiche Momente der Achtsamkeit aneinander – zu ihrem Erstaunen.

So wie dieser Teilnehmerin geht es übrigens einigen. Sie sehen immer nur das, was sie gerne erreichen möchten: ein in sich ruhender Buddha zu sein. Aber das ist ein Ideal und ziemlich weit von dem entfernt, was wir tagtäglich im Alltag bewältigen müssen.

Hier kommt eine dritte Übung, die du ebenfalls am Ende deines Tages machen kannst. Frage dich: Wann war ich heute besonders achtsam? Beim Tee trinken? Beim Gehen? Beim Atmen? Beim Zuhören? Beim Essen?

Kleine Schritte gehen und wertschätzen

Es sind besonders die kleinen Momente der Achtsamkeit, die die Praxis ausmachen. Und es sind die kleinen guten Eigenschaften, die dich zu dem machen, der du bist.

Lass das Licht in dir strahlen. Werde zu der Person, die du bist.

Besser noch ist es, auszusprechen, was dir gut an dir gefällt. Denn nur dann, wenn du dich mit eigenen Ohren hörst, wirst du auch glauben, was du bist.Anzeige

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Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.