Wenn wir nicht in Beziehung mit uns selbst und anderen sind, übersehen wir möglicherweise wichtige Botschaften. Deshalb achte gut auf das, was tatsächlich geschieht und lass deine Vorstellungen über „sollte“, „könnte“ und „müsste“ einfach los.

In der Achtsamkeitspraxis geht es darum, dass wir uns mehr und mehr für den gegenwärtigen Moment öffnen und versuchen, wertfrei und offen wahrzunehmen, was gerade passiert. Tun wir dies, dann sehen wir die Dinge so wie sie sind und nicht so, wie sie unserer Meinung nach sein sollten. Dann sind wir nicht im Widerstand und kämpfen auch nicht gegen das Leben – und auch nicht gegen die Menschen und Geschöpfe, mit denen wir gerade in diesem Moment zusammen sind. Sind wir ganz präsent, dann verstehen wir auch die Sprache der Tiere, mit denen wir gerade zusammen sind. Halten wir aber an Vorstellungen fest, wie sich jemand zu verhalten oder zu sein hat, dann kann uns dies vom Leben selbst abschneiden.

Das Thema „Beziehungen“ spielt in meinen Achtsamkeitskursen eine große Rolle. Und wenn man sich mit einem Thema intensiv beschäftigt, dann hört man auch die entsprechenden Geschichten. Wie es aussieht, wenn wir nicht in Beziehung sind, mache ich am Beispiel der folgenden Geschichte fest, die aus der Feder von Paulo Coelho stammt und die hier frei nacherzählt wird:

Dschingis Khan und sein Falke

Dschingis Khan war den ganzen Tag mit seinem Lieblingsfalken und seinen Gefährten auf der Jagd. Den ganzen Tag hatten sie keinen Erfolg und Dschingis Khan war wütend und enttäuscht. Um seinen Ärger nicht an seinen Freunden auszulassen, wollte er mit seinem Falken alleine sein. Der Tag war lang und Dschingis Khan hatte großen Durst. Es dauerte lange, bis sie an einem Felsen vorbeikamen und er dort ein kleines Wasserrinnsal ausmachte.

Der Mann holte einen Becher aus seiner Tasche. Es dauerte sehr lange, bis der Becher voll war. In dem Moment aber, als er ihn durstig an die Lippen führte, flog sein Vogel hoch und schlug ihm den Becher aus der Hand. Diese Szene wiederholte sich und Dschingis Khan wurde sehr ärgerlich. Aus Angst, dass ihn jemand beobachten würde und er so seine Würde verlieren würde, weil er in den Augen der Anderen nicht in der Lage sei, seinen Falken zu zähmen, schwor Dschingis Khan sich, den Falken zu töten, falls dieser beim dritten Versuch, das Wasser zu trinken, genauso handeln würde.

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Genauso geschah es: Der Falke schlug seinem Herrn beim dritten Versuch, aus dem Becher zu trinken, das Gefäß aus der Hand. Der Mann tötete das Tier mit einem einzigen Messerstich.

Jetzt aber war nicht nur der Falke tot, sondern auch das Rinnsal war versiegt. Dschingis Khan stieg auf den Felsen, um die Quelle zu suchen. Dabei entdeckte er, dass dort eine tote Schlange lag. Hätte er das Wasser getrunken, wäre er daran gestorben.

In Beziehung sein

Mich hat diese Geschichte tief berührt, weil sie auf so wunderschöne Weise verdeutlicht, was passiert, wenn wir nicht in Beziehung sind und die Botschaft, die ein anderes Wesen uns mitteilen möchte, nicht verstehen und wenn wir uns nicht die Mühe machen, aufmerksam zu sein.

Als ich sie in den darauffolgenden Tagen in meinem Achtsamkeitskurs erzählen wollte, kam mir eine Teilnehmerin in der Austauschrunde zuvor und erzählte uns, dass sie mit ihrem Pferd, das immer sehr scheu und entsprechend unruhig war, im Wald unterwegs war. Durch die Praxis der Achtsamkeit war diese Frau mittlerweile bewusster geworden und hatte erkannt, dass sie selbst immer sehr ungeduldig war, ihr Pferd in Gedanken häufig verurteilte und es antrieb, anstatt sich auf es einzustellen. Als sie an einem Morgen mit dem Pferd unterwegs war, wollte sie es anders machen als bisher. Anstatt das Pferd anzutreiben, ließ sie sich Zeit, öffnete ihre Augen und achtete zum ersten Mal darauf, warum das Pferd so scheu war. Als das Pferd beim nächsten Mal erschrak, sah diese Frau, wie eine kleine graue Maus vor ihnen den verschneiten Weg überquerte. In diesem Moment war die Frau zutiefst berührt darüber, dass ihr großes Pferd vor so einer kleinen Maus Angst hatte.

Auch diese Geschichte berührte mich und zeigt was passiert, wenn wir in Beziehung gehen. Wenn wir uns von ganzem Herzen für ein anderes Wesen öffnen und seine Wahrnehmung akzeptieren – und ihm nicht unsere Sicht auf das Leben aufdrängen –, dann können wir wirklich in Beziehung sein.

Übungen im Loslassen

Versuch beim nächsten (Streit)Gespräch oder in der nächsten Diskussion einmal ganz offen für die Meinung eines anderen Menschen zu sein, auch wenn diese mit deiner eigenen Sicht auf eine Situation überhaupt nicht konform geht. Versuch dich in den anderen Menschen vollkommen hineinzuversetzen, in seine Geschichte, die ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist; wenn du diese nicht kennst, dann versetze dich in seine Situation, die dazu geführt hat, dass er diese Meinung vertritt oder sich sein Verhalten auf eine ganz bestimmte Weise äußert.

Wenn du mit Tieren zusammenlebst, so versuche auch hier einmal, das Leben oder die Situation aus ihrer Sicht zu sehen – ohne sie zu vermenschlichen. Sei einfach offen, neugierig, präsent.

Lass dir Zeit, dich in den anderen hineinzuversetzen und hinzufühlen. Frag nach, wenn du etwas nicht genau verstehst. Erforsche, wie der andere Mensch zu dieser Haltung kommt.

Nur dann, wenn wir einen anderen Menschen so akzeptieren, wie er ist und das Verhalten eines anderen Wesens nicht über den Intellekt beurteilen, sondern aus dem Herzen betrachten, werden wir verstehen, warum jemand so handelt, wie er handelt. Dann brauchen wir ihn weder zu verlassen noch zu töten, sondern können einfach zusammen SEIN.

Infos

Die Geschichte zu Dschingis Khan und seinem Falken stammt aus Sei wie ein Fluß, der still die Nacht durchströmt: Geschichten und Gedanken von Paulo Coelho, Diogenes 2008

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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