Gehörst du auch zu den Menschen, die sich das Leben schwer machen? Damit ist jetzt Schluss! Du bist gut so, wie du bist. Und du bist genau so, wie du bist, vom Leben gewollt. Lass die Selbstverurteilungen los und schau auf das Gute in dir! Du hast es verdient.

Vor ein paar Wochen habe ich mit Teilnehmern eines Kurses, den ich leitete eine Übung gemacht, die verdeutlichen sollte, wie sehr sich unsere Art des Denkens auf unsere Körperempfindung auswirkt – und umgekehrt. Ich habe sie also gebeten, so zu gehen wie ein „Verlierer“. Das fiel allen auf Anhieb sehr leicht. Ja, diese Haltung – gesenktes Haupt, zusammengekniffener Hintern, die Schultern nach vorne gezogen – schien einigen von ihnen sogar sehr vertraut zu sein. Danach bat ich sie, so zu gehen wie ein „Macker“, ein Egoist, dem alle egal sind. Keiner traute sich, diese Rolle aus ganzem Herzen zu spielen. Nur eine Frau traute sich und ihr gefiel es wirklich gut, mal rücksichtslos und nur auf die eigenen Bedürfnisse bedacht zu sein – und wie ein Gockel umherzustolzieren. Als nächstes ging es darum, eine würdevolle Haltung einzunehmen und sich wie ein Buddha zu fühlen oder wie jemand, den man bewundert. Diese Art zu gehen stand den Teilnehmern sehr gut. Und trotzdem fiel allen die Rolle des Verlierers am leichtesten.

Damit sind meine Kursteilnehmer nicht die einzigen. Es scheint besonders in unserer Kultur ein weit verbreitetes Phänomen zu sein, sich selbst gerne und regelmäßig runterzumachen und sich fröhlich die Fehler einzugestehen. Genauso großzügig sind wir auch, wenn es darum geht, die Fehler anderer aufzuzählen.

Auf der anderen Seite werden eigene Stärken, Erfolge und positive Leistungen gerne unter den Tisch gekehrt oder runtergespielt. Besonders auffällig finde ich es, wenn ich jemandem zum Beispiel für sein T-Shirt, seinen Pullover oder seine schöne Yogahose ein Kompliment mache. Unisono antworten die Leute darauf: „Ach, das T-Shirt ist schon alt“ oder „Die Hose war so billig“. Die wenigsten Menschen freuen sich über das Kompliment. Sie scheinen sich dafür entschuldigen zu müssen oder halten es nicht aus. Probier es doch gleich selbst einmal aus: Mach Menschen in deiner Umgebung Komplimente und achte darauf, wie sie reagieren.

Sich selbst nicht bedingungslos annehmen zu können scheint kein deutsches Phänomen zu sein. Auch in anderen Ländern tun sich Menschen schwer damit, sich selbst so anzunehmen, wie sie sind. In seinem Buch Schließe Frieden mit Dir Selbst beschreibt der Autor und Psychotherapeut Mark Coleman wie alarmierend die Statistiken der Gesundheitsbehörden sind. In den USA bringen sich jährlich ca. 40000 Menschen um. Auf Grund seiner langjährigen Arbeit mit Menschen geht Coleman davon aus, dass der Grund für die Suizide die eigenen inneren kritischen Stimmen sind, die uns das Leben schwer machen. Für ihn ist genau dieser innere Kritiker der Grund dafür, dass Menschen Depressionen haben, Angstzustände bekommen und Selbstmord begehen.

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Wir sind nicht allein

Auch in spirituellen Kreisen ist der innere Kritiker weit verbreitet. Ich kenne so viele wunderbare, einzigartige Yogalehrer, die darunter leiden, dass ihr Geist ihnen permanent negative Geschichten über sie erzählt, und sie dann entsprechend darunter leiden. Aber als wäre das nicht schon schlimm genug, überhaupt so destruktive Dinge über sich selbst zu glauben, bekommen sie dann bedingt durch Facebook auch noch das Gefühl, dass sie die einzigen „Verlierer“ sind. Denn auf Facebook präsentieren sich die meisten Menschen nur mit strahlenden Gesichtern.

Erkennen sie hingegen, dass auch andere unter ihrem eigenen urteilenden und destruktiven Denken leiden, so ist dies eine Erleichterung. Und wenn ich hinter die eine oder andere Fassade schaue, dann sehe ich, dass auch diejenigen, die sich auf Facebook strahlend präsentieren, häufig nicht nur vergnügte Zeiten erleben, sondern sich auch alleine und isoliert fühlen können.

Machen wir uns also bewusst, dass wir alle ähnliche Selbsturteile und negative mentale Muster haben. Das soll nicht heißen, dass wir uns dann in unserem Leid suhlen sollten, aber wir können zumindest aufhören, uns gegenseitig etwas vorzumachen und stattdessen ehrlich zueinander sein.

Übung: Entdecke den Kritiker

Damit du erkennen kannst, dass du nicht alleine mit deinem inneren Kritiker bist, achte einmal darauf, wie der innere Kritiker in anderen Menschen operiert. Achte einmal darauf, wie häufig und unbewusst sich die Menschen schlecht machen. Vielleicht kommen deine Yogaschüler in deinen Unterricht und erzählen dir, wie doof sie heute wieder aussehen, wie wenig Ahnung sie von Yoga haben oder wie schlecht sie auf dem Selfie aussehen, das du am Ende der letzten Kursstunde gemacht hast. Beobachte, was passiert, wenn du ein solches Verhalten bemerkst. Überleg dir dann, wie du selbst über dich sprichst. Mach dir bewusst, wann auch du selbst wieder in dieses Muster verfällst und versuch dich auch einmal für das Gute in dir zu öffnen.

Je feiner deine Wahrnehmung wird und je mehr du dich dafür öffnest, dass auch andere Menschen diesen inneren Kritiker haben, desto weniger wird das Gefühl des Getrenntseins und das der Einsamkeit Besitz von dir ergreifen. Ja, dann kannst du den Menschen in deinem Umfeld sogar mit mehr Mitgefühl begegnen. Dadurch fängst du vielleicht sogar an, ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen zu entwickeln, anstatt dich immer getrennt von ihnen zu fühlen.

Lass das Gefühl entstehen, dass auch du Teil an den menschlichen Bemühungen hast, inmitten all deiner Konditionierungen und Gedankenkonstrukte einen Weg zum inneren Frieden zu finden. Und öffne dich dafür, dass auch du so vom Leben gewollt bist, wie du bist. Du bist bereits vollkommen.

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Doris Iding
Doris leitet Seminare, Fort- und Ausbildungen zum Thema Yoga, Meditation und Achtsamkeit. Nach dem Motto „Alles was ist, darf sein. Es gibt kein Richtig und Falsch, sondern immer nur die eigene subjektive Erfahrung des gegenwärtigen Moments“ ist es ihr sowohl in ihren Kursen als auch in ihren Artikeln und Büchern ein großes Anliegen, den Menschen zu vermitteln, dass es in der Praxis um Selbsterkenntnis geht, nicht aber um Selbstoptimierung. Begegnen wir uns also mit viel Selbstmitgefühl, Wohlwollen und Geduld, wird das Leben leichter und die Achtsamkeits- und Meditationspraxis erfüllender. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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Maren
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Sehr interessanter Artikel! In einer Welt, in der viele Menschen immer schneller, höher & weiter sein möchten, ist oft kein Platz, innezuhalten, in sich hineinzuspüren und sich selbst zu loben. In einer Innenschau, eine innere „Inventur“ bzw. Bestandsaufnahme zu machen – sich z.B. zu fragen, was macht mich als Person besonders, was mag ich an mir, was kann bzw, was mach ich gut, wofür werde ich geschätzt? Sich der eigenen Werte bewusst werden und sich genauso lieben & akzeptieren wie man/frau ist. Im Hier & im Jetzt, ohne wenn & aber! An der Eigenliebe und dem Inneren Kind zu arbeiten,… Weiterlesen »