Es ist eine große Kunst, im Hier und Jetzt zu sein. Wie schwierig dies ist, konnte ich auf meiner Indienreise beobachten.

Ich liebe Indien. Und ganz besonders liebe ich Südindien. Die alte Gewürzstadt Cochin, die malerischen Backwaters, die traumhaften Strände im Bundesstaat Kerala, der Duft von Räucherstäbchen, der Gesang der Priester und und und. Die Natur dort ist so unbeschreiblich beeindruckend. Die Menschen sind so schön. Kein Land zieht mich mit seinen sinnlichen Eindrücken immer so unmittelbar in den Bann wie Indien.

Obwohl ich schon viele Male in Indien war, so ist jede Reise dorthin für mich wie eine Reise in ein Land, das ich zum ersten Mal erlebe. Natürlich gibt es dort auch Orte, auf die ich mich immer wieder freue, aber die sinnlichen Erfahrungen sind dort so unmittelbar, dass sie mich immer wieder automatisch ins Hier und Jetzt ziehen.

So erging es mir auch vor einigen Wochen, als ich wieder einmal nach Indien reiste. Dieses Mal besuchte ich das Land, um dort eine Gruppe zu leiten. Unter ihnen waren auch „Neulinge“, die sich noch nicht viel mit Yoga oder Achtsamkeit beschäftigt hatten. Dies war auch schnell zu merken, denn die ganze Zeit waren sie damit beschäftigt, diese Reise mit ihren vorhergehenden Erfahrungen in Thailand, Vietnam, auf Bali etc. zu vergleichen. Während wir durch traumhafte Landschaften fuhren, tauchten sie in diese nicht ein, sondern konzentrierten sich auf ihre Nachbarin im Bus und erzählten sich gegenseitig von ihren Reisen.

Während dieser Tage wurde mir somit die menschliche Tendenz, im Gestern und Morgen zu verweilen, wieder einmal sehr bewusst. Ja, so funktioniert unser Geist: Er vergleicht, bewertet und pendelt die ganze Zeit zwischen den verschiedensten Erfahrungen hin und her. Im Moment zu sein fällt ihm hingegen sehr schwer. Wird uns dieser Mechanismus nicht bewusst, dann sind wir nie wirklich da, wo wir eigentlich sind.

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Vielleicht kennst du selbst dieses Phänomen, an den schönsten Orten der Welt zu vergleichen und zu bewerten. Dieses Phänomen ist ganz natürlich. Es ist die Natur unseres Geistes. Es ist eine hohe Kunst, sich immer wieder in den Moment zurückzuholen, in dem wir uns gerade befinden. Aber es ist möglich!

Und dann beginnt die eigentliche Reise. Dann können wir mit allen Sinnen vollkommen eintauchen in die unmittelbare Erfahrung dessen, was uns umgibt. Der Duft der Gewürze, die Schönheit der indischen Frauen, das Singen der Vögel oder das Rauschen des Meeres. Wenn wir uns wirklich einlassen auf diesen einen Moment, dann erkennen wir, dass dies der allerschönste Moment unseres Lebens ist.

Es ist keine leichte Übung, ganz im Moment zu sein. Indien bietet sich als ein solcher Übungsort besonders an. Schließlich ist Indien auch das Geburtsland des Yoga und in keinem anderen Land ist die Seele des Yoga so präsent wie in Indien. Wenn man in Indien ganz ruhig ist, still wird und vollkommen eintaucht in den gegenwärtigen Moment, dann erfährt man Yoga: das vollkommene zur Ruhe kommen des Geistes.

Welch schöne Erfahrung!

Übung: Sei einfach da!

Schließ JETZT die Augen und mach dir bewusst, wo du gerade sitzt. Wie ist die Unterlage beschaffen, auf der du sitzt? Wie fühlt sie sich an? Ist sie weich? Oder hart? Wie fühlt sich das Material an? Kalt oder warm? Wie riecht der Raum, in dem du dich jetzt gerade befindest? Kannst du ganz bestimmte Gerüche identifizieren? Wie ist die Temperatur? Steh nun auf und betrachte den Stuhl, auf dem du gerade noch gesessen hast. Schau ihn dir ganz genau an: die Form, die Farbe, die Umrisse. Betrachte auch andere Gegenstände in dem Raum ganz genau. Wann hast du das letzte Mal die Bilder wahrgenommen, die in diesem Raum an der Wand hängen? Wann hast du den Boden das letzte Mal ganz bewusst wahrgenommen? Du kannst dir beliebig viel Zeit für diese Übung nehmen.

Mach diese Übung „Sei einfach da“ ruhig mehrmals am Tag. Nach Möglichkeit in verschiedenen Räumen und an verschiedenen Orten, aber besonders gerne an solchen Orten, an denen du häufig bist. Entdecke sie immer wieder neu!

Übung: Lass alles los – egal, wo du bist!

Wenn du das nächste Mal auf Reisen bist, versuch alle Erinnerungen an frühere Reisen loszulassen. Sobald du bemerkst, dass du Städte, Hotels, Strände etc. mit Erfahrungen aus der Vergangenheit vergleichst, holst du dich wieder zurück, dorthin, wo du gerade bist.

Diese Übung kannst du natürlich auch auf alle Lebensbereiche ausdehnen. Der Yogaunterricht bietet sich auch an. Achte darauf, ob du einen neuen Yogalehrer vergleichst oder bewertest. Versuch, dich für sie oder ihn so zu öffnen, als hättest du nie zuvor bei einem anderen Lehrer Yoga geübt.

Dies ist keine leichte Übung, aber eine spannende!

Viel Freude dabei!

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.