Mut ist eine Grundvoraussetzung für ein erfülltes, spirituelles Leben. Denn: Mut fordert uns auf, an die Orte zu gehen, die wir fürchten und unser Herz zu öffnen, selbst dann, wenn es verletzt ist. Er fordert uns auch auf, unser Ich und unsere Vorstellungen über uns und über das Leben loszulassen. Gar nicht so leicht, aber eine Übung, an deren Ende tiefe innere Zufriedenheit wartet. Hier erfährst du, wie auch du deinen Mut stärken kannst.

Als Buddha unter dem Bodhibaum saß und im Begriff war, Erleuchtung zu erlangen, sandte Mara, der Gott des Bösen, seine Streitmacht. Er wollte verhindern, dass Siddhartha Gautama, wie Buddha vor seiner Erleuchtung hieß, das ultimative Verständnis über die Funktionsweise unseres Geistes und die Zusammenhänge in der Welt gewann. Diese Streitmächte bestanden sowohl aus einer Horde Monster als auch aus den schönsten Frauen. Sie alle versuchten, Buddha abzulenken. Dieser aber hielt allen stand und brachte unendlich viel Mut und Klarheit auf, um sich der Streitmacht zu widersetzen und den Verführungskünsten der Frauen zu widerstehen. Das führte ihn in die vollkommene Freiheit. Auf seinem Weg zur Erleuchtung hatte sich Buddha allem gestellt und ließ sich von keinem beeindrucken. Sein Mut hatte ihm geholfen zu erkennen, dass alles, selbst die schrecklichsten Dämonen und selbst die schönsten Frauen, nur in seinem eigenen Geist entstanden waren.

Die Welt entsteht in dir

Zu erkennen, dass alles, was entsteht, nur in unserem Geiste entsteht, ist wohl die schwerste Übung der spirituellen Praxis. Sie erfordert den Mut, alles loszulassen. Aber auch wirklich alles. Durch Meditation lernen wir, unseren Blick weg von den Inhalten unserer Körperempfindungen, unserer Gedanken und Gefühle hin zu unserem Bewusstsein selbst zu lenken und die Zustände, die sich im Laufe des Tages bemerkbar machen, klar zu benennen.

Öffnen wir uns für uns selbst, sehen wir, dass wir über den Tag hindurch von unterschiedlichsten Zuständen durchströmt werden: Freude, Neid, Glück, Liebe, Eifersucht, Angst, Enttäuschung, Entspannung, Anspannung, Gier etc. Gelingt es uns, die verschiedenen Zustände deutlicher zu erkennen und wahrzunehmen, dass sie „nur“ Zustände und Produkte unseres Geistes sind, erkennen wir, dass wir ihnen nicht hilflos ausgeliefert sind und uns nicht von ihnen in die Irre führen lassen müssen. Ja, zu erkennen, dass all das Illusion ist, erfordert Mut.

Nur so erlangen wir inneren Frieden. Wir machen uns nämlich sehr abhängig von den Inhalten eben dieser Zustände und machen diese wiederum abhängig von dem, was wir im Außen erleben. Dabei unterliegen wir dem Irrglauben, dass wir nur dann glücklich und zufrieden sind, wenn auch die äußeren Umstände gut sind und uns Gesundheit, Glück und Wohlstand bringen. Sind die äußeren Umstände hingegen schlecht, leiden wir und bekommen Angst. Erkennen wir aber die allem zugrunde liegende Wahrheit, nämlich dass äußere Umstände nicht relevant sind für unser Glück, sondern der Zustand unseres Geistes allein dafür verantwortlich ist, wie es uns geht, können wir unser Leben ändern. Eine solche Sichtweise erfordert ziemlich viel Mut, weil wir damit sämtliche Verantwortung zu uns nehmen müssen und keinen Menschen mehr für unser Glück oder Unglück verantwortlich machen können.

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Den Mut kultivieren

Aber nicht jeder ist von Geburt an mutig. Mutig zu werden und zu sein kann man jedoch lernen. Wir brauchen den Mut nur zu kultivieren – ähnlich wie Mitgefühl oder Geduld. Auf dem Weg dorthin spielt die Achtsamkeit eine wichtige Rolle, denn, so weiß auch Jack Kornfield: „Das mutige Herz ist jenes, das keine Angst hat, sich der Welt zu öffnen. Mitgefühl verleiht uns die Fähigkeit, uns ohne Panzer dem Leben zu stellen.“ Sind wir mutig und begegnen wir der Welt mit einem offenen Herz, realisieren wir, dass es letztendlich nichts gibt, vor dem wir Angst haben müssen, weil unser Herz nicht verletzt werden kann.

Übung: Schau in den Spiegel

Schau jeden Abend in den Spiegel und sei dir selbst gegenüber ehrlich. Hast du klar und ehrlich gehandelt? Hast du deine wahren Gefühle gezeigt? Bist du dir selbst treu geblieben? Oder hast du vor Angst einen Rückzieher gemacht, deine Meinung hinter dem Berg gehalten? Sich mit den eigenen Werten und dunklen Gefühlen auseinanderzusetzen erfordert Mut. Dies hilft dir aber auch, klarer zu werden und dafür zu sorgen, dass diese Gefühle nicht im Verborgenen wirken können.

Übung: Schau anderen in die Augen

Wenn du ein Problem mit anderen Menschen hast, dann stell dich ihnen in einer offenen Auseinandersetzung. Trage Probleme direkt mit ihnen persönlich aus. Verzichte auf WhatsApp- oder Sms-Nachrichten, um deinen Unmut, deine Verletztheit oder dein Gefühl, nicht verstanden worden zu sein, auszudrücken.

Übung: Übernimm Verantwortung für alles, was dir passiert

Mach dir bewusst, dass alles, was passiert, nur in deinem eigenen Geist entstanden ist. Du hast dir deine eigene Welt erschaffen. Es gibt niemanden außer dir, der Verantwortung dafür trägt.

Wenn du den Mut hast, zu deinen Licht- und Schattenseiten zu stehen, dann kannst du authentisch leben. Und wenn du authentisch lebst, kannst du alles loslassen. Alles. Dann wirst du einen Geschmack von wahrer inneren Freiheit bekommen.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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