Kennst du dieses Gefühl, wenn du plötzlich einen Satz aus einem Yogabuch, eine Meditationsanleitung deines Lehrers oder eine Weisheit auf einer Postkarte unmittelbar mit jeder Faser deines Seins erfährst, obwohl du diesen Satz bereits unzählige Male gelesen oder gehört hast? Mir erging es vor einigen Wochen so …

Wenn ich eine Meditation anleite, dann sage ich gerne folgende Sätze: „Lass alles los, bis auf diesen einen Moment. Komm in dir an. Komm in diesem Moment an. Lass alles los, bis auf diesen einen Moment.“ Ich hatte diese Anleitung zum ersten Mal während meiner MBSR-Lehrerausbildung gehört und war schon damals tief berührt von der Einfachheit dieser Aussage.

Als ich vor einigen Wochen wieder einmal eine Meditation mit diesen Worten anleitete und den Satz sagte: „Lass alles los, bis auf diesen einen Moment“, war es, als würden die Buchstaben dieses Satzes in meinem Kopf explodieren und sämtliche Gedanken auflösen, die sich auf die Vergangenheit oder die Zukunft bezogen. Es entstand eine von Frieden erfüllte Leere in meinem Kopf und es war nichts mehr da, an dem ich mich in diesem Moment festhalten konnte. Ja, die Anleitung, die ich so viele Male selbst gelesen und dann später selbst ausgesprochen hatte, war zur Wirklichkeit geworden. Nur noch dieser eine Moment war da. In seiner ganzen Präsenz. Wow! Und dann der nächste Moment. Nur dieser eine Moment. Von Atemzug zu Atemzug. Von Moment zu Moment.

Pure Präsenz

Es dauerte eine ganze Weile, bis mein Verstand realisierte, was geschehen war. Etwas in mir konnte jetzt beobachten, wie mein Verstand plötzlich bildlich gesprochen händeringend nach einem Gedanken, einem Gefühl oder einer Körperempfindung suchte, um sich wieder daran festklammern zu können. Das tat er dann auch. Seine Angst, sich selbst zu verlieren, durchfuhr meinen ganzen Körper und brachte mich wieder raus aus diesem einen Moment.

Mit dieser Erfahrung wurde mir erstmals in der Tiefe bewusst, was es heißt, alles loszulassen. Aber auch wirklich alles. Meinen Namen. Mein Geschlecht. Meine Herkunft. Meine Geschichte. Meine Haut und meine Haare. Meinen Intellekt. Meine Vorstellungen vom „Loslassen“. Mein Ich.

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Mauern aus Gedanken

Am nächsten Tag wollte ich diese Erfahrung wieder haben. Ich hatte Verlangen danach. Großes Verlangen. War doch so ein tiefer Frieden in mir, nachdem ich alles losgelassen hatte. Aber wer hatte da eigentlich alles losgelassen? Ich? Hatte mein Ich es wirklich bewusst losgelassen? Eigentlich nicht. Es war passiert. „Ich“ hatte es nicht „gemacht“, sondern es war geschehen. In einem Moment, in dem Ich auch das machen losgelassen hatte.

Ich setzte mich also auf mein Kissen, begann mit der Meditationsanleitung und sagte mir immer wieder: „Lass alles los, bis auf diesen Moment.“ Es gelang mir gut, einigermaßen im Moment anzukommen. Aber nur einigermaßen. Aber alles loszulassen, gelang mir an diesem Morgen nicht. Ich fing an, es zu wollen. Und je mehr ich wollte, desto größer wurde eine Mauer aus diesen sieben Wörtern, die sich zwischen mich und die pure Präsenz stellte. Jedes Mal, wenn ich kurz davor war, in die Präsenz einzutauchen, griff mein Verstand nach einem Gedanken, klammerte sich fest daran und verhakte sich in ihm.

Ich gab das Wollen auf! Und genau in diesem Moment war sie wieder da: die pure Präsenz. Ich musste schmunzeln, weil mir bewusst wurde, dass ich dieses Loslassen nicht machen kann.

Alles, was ich tun kann, ist bereit zu sein, alles, aber auch wirklich alles loszulassen in diesem einen Moment. Und wenn es dann geschieht, ist es Gnade.

Meditationsanleitung

Nimm auf dem Kissen Platz.
Lass alles da sein, so wie es ist.
Komm in diesem Moment an.
Lass alles los, bis auf diesen Moment.
Komm in dir an.
Komm in diesem Moment an.
Und lass alles los, bis auf diesen einen Moment.

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Sophie Prana Letzte Kommentartoren
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sophieprana
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Schöner Artikel, danke. Etwas Vertiefung in der Anleitung hätte mich gefreut.
Herzensergüsse