Wenn am 21. Juni rund um den Globus Menschen zusammenkommen, um gemeinsam Asanas, Pranayama und Meditation zu praktizieren, dann ist Weltyogatag.

Medien berichten zu diesem Anlass gerne über Großveranstaltungen vor bekannten Kulissen, etwa vor dem Opernhaus in Sydney, am Times Square in New York oder auf der Kölner Domplatte. Tenor der Berichterstattung: Das Jahrtausende alte Übungssystem Yoga fördert eine gesunde Lebensweise. Mit dem Internationalen Tag des Yoga hat die Weltgemeinschaft bestätigt, dass Handlungsbedarf in Sachen Gesundheit besteht. Und dass Yoga das Potenzial hat, dieser Aufgabe zu begegnen.

Dass der indische Exportschlager gesundheitsförderlich wirken kann, belegen mittlerweile zahlreiche Studien. Untersucht wurden etwa die Wirkung von Yoga auf das Herz-Kreislauf-System, den Magen-Darm-Trakt und den Gelenkapparat, bei Stress und Depressionen. Aus wissenschaftlicher Perspektive wird so versucht zu belegen, was Millionen Menschen erfahren, die regelmäßig Yoga praktizieren: ein Wohlbefinden, das nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele umfasst.

Der achtsame und eigenverantwortliche Umgang mit dem Körper ist oftmals der Einstieg in die altindische Philosophie. Darüber hinaus gilt Hatha-Yoga auch als Grundlage für weitere Stufen und Schritte auf dem Pfad des Yoga. So bereitet er auf Raja-Yoga vor, den Weg, der uns zum König (= Raja) unserer Gefühle und Gedanken werden lässt. Mit Yoga lernen wir, uns nicht von Wünschen und Wertungen, Erfahrungen und Erwartungen, Identifikationen und Glaubenssätzen steuern zu lassen. Wenn es uns gelingt, geschieht das, was Patanjali mit Yogas Chitta Vrtti Nirodha auf den Punkt bringt: Yoga ist das zur Ruhe bringen der Gedankenwellen im Geiste.

Yoga will jedoch nicht bloß Gebrauchsanweisung für Körper und Geist sein, sondern uns auch für seine spirituelle Dimension öffnen: Weil wir das individuelle und universelle Selbst sind, verlangt es uns danach, dieses wahre Selbst (wieder) zu erkennen. Spürbar ist diese Dimension als Suche, Streben und Sehnsucht nach Verbindung und Vereinigung, nach Heilung und Heimkehr. Nach Sat-Chit-Ananda, dem Wesen des Selbst: Sat (Sein), Chit (Wissen), Ananda (Glückseligkeit). Die Erfahrung der Einheit von allem mit jedem, unendlich, unbegrenzt, unteilbar. Das ist das Ziel des Yoga. Doch auch denjenigen, denen Moksha (Erlösung, Erleuchtung) nicht zuteil wird, schenkt die Yogapraxis Momente des Friedens, der Erkenntnis, der Verbundenheit. Momente, die sich mehr und mehr ausdehnen können, hin zu einem Bewusstseinszustand, in dem wir uns als individuellen Teil eines allumfassenden Ganzen begreifen können. Ein Zustand, der uns verhilft, Beziehungen, Abhängigkeiten, Einflüsse zwischen uns und der Welt wahrzunehmen und zu gestalten. Die Yogapraxis verdeutlicht uns, dass wir keine voneinander getrennten Inseln sind, sondern eingebettet und eingebunden in ein großes Geflecht.

Anzeige

Yoga greift gewissermaßen wie ein Mechanismus mit Dominoeffekt. Ein Schritt führt zum nächsten. Wir bewegen unseren Körper und begegnen dabei unserem Geist. Wir erforschen unseren Geist und entdecken dabei unsere Seele. Mit weitreichenden Folgen: Wenn wir uns ganz im Sinne des Yoga auf den Ebenen von Körper, Geist und Seele in Richtung harmonischer Einheit entwickeln, hat das Auswirkungen auf all unsere Verbindungen. Auf Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft. Auf Menschen, denen wir täglich begegnen, im Supermarkt, in der Straßenbahn, auf dem Spielplatz. Indem wir das Verbindende statt das Trennende zwischen uns und unseren Mitmenschen erkennen können, tragen wir zu gesunden, gelingenden Beziehungen bei. Und im nächsten Schritt blicken wir vielleicht über den eigenen Tellerrand hinaus und fragen uns: Wie harmonisch sind eigentlich die politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Beziehungen in unserer Stadt, unserem Land und rund um den Globus? Wie gesund und nachhaltig sind die Systeme, in denen wir leben?

Fakt ist: Die Vorstellung, dass wir Menschen mit allem und jedem verwoben sind, kann eigentlich schon lange nicht mehr als Ausgeburt esoterischer Sinnsuche belächelt werden. Ein wissenschaftlich belegtes Beispiel für die Allverbundenheit ist die biochemische Beziehung von Mensch und Baum: Wir atmen Sauerstoff ein, den die Bäume ausgeatmet haben, und die Bäume atmen Kohlendioxid ein, das wir ausgeatmet haben. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Austausch und Abhängigkeit von Mensch und Natur sind auch ein Eckpfeiler der Tiefenökologie (deep ecology). Denn für die Vertreter dieser naturphilosophischen Bewegung ist die Erde ein sich selbst organisierendes System, in dem alle Teile miteinander verknüpft sind und einen eigenen unverzichtbaren Wert besitzen. Um ökologischen Missständen wie Ressourcenknappheit, Artensterben und Umweltverschmutzung nachhaltig begegnen zu können, setzen sich Tiefenökologen wie die Amerikanerin Joanna Macy deshalb für einen Bewusstseinswandel ein: Denn nur wenn sich Menschen nicht länger als getrennt von der Umwelt wahrnehmen, fühlen, denken und handeln sie zugunsten eines harmonischen Gleichgewichts, das die Lebensgrundlage für alle Organismen auf Erden ist.

Was wir indes bislang erleben, sind umweltpolitische Entscheidungen, die darauf beruhen, dass sich der Mensch als Krone der Schöpfung begreift, mit dem Recht, sich die Erde Untertan zu machen. Sie soll in so weit geschützt werden, dass wir Menschen weiterhin Nutzen und Vorteil aus ihr ziehen können. Nicht ihr Eigenwert, sondern der Profit, der sich mit ihr erzielen lässt, bestimmt die Gesetzgebung. Mit entsprechenden Konsequenzen wie Regenwaldrodung, Monokulturlandschaften oder gentechnisch verändertes Saatgut. Es wäre also an der Zeit, auch in den Bereichen Politik und Wirtschaft neu zu fühlen, zu denken und zu handeln. Bereiche, in denen es oftmals eher um Machtkämpfe, Lagerdenken und Partikularinteressen geht, nicht aber um das, was Wirtschaft und Politik eigentlich im Sinn haben sollten: das Wohl aller.

Einstweilen mehren sich die Stimmen, die einen Kurswechsel fordern. Und viele der Menschen, die ihre Stimme erheben, lassen sich keiner bestimmten Weltanschauung zuordnen. Statt Ideologien zu pflegen, folgen sie ihrem gesunden Menschenverstand. Ihnen gemeinsam ist der Wunsch nach Wandel in Systemen, die entweder überholt sind oder sich verselbstständigt haben, die Ungleichheit und Unfrieden fördern.

Um tätig zu werden, müssen wir jedoch nicht warten, bis unsere Volksvertreter neue Gesetze schreiben. Wir selbst können schon hier und heute verantwortlich handeln, etwa indem wir Produkte nutzen und Projekte unterstützen, die das Leben späterer Generationen im Blick haben. Beispiele dafür sind Tauschbörsen und Repair Cafés, Ökosaatzucht und solidarische Landwirtschaft, Ethik-Banken und Genossenschaftsbetriebe. Auch Yoga kann den Horizont weiten. Davon überzeugt zeigte sich auch der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der in seiner Botschaft zum Weltyogatag 2016 die Sanskrit-Bedeutung des Wortes Yoga nochmals hervorhob: sich verbinden, sich vereinigen. Die Einheit von Körper, Geist und Seele, die uns Yoga erfahren lässt, verhilft nicht nur einzelnen Menschen zu Gesundheit und Wohlbefinden, so der Koreaner. Sie fördert auch ein harmonisches Miteinander auf unserem Planeten: „On this International Day of Yoga, I urge everyone to embrace healthier choices and lifestyles and to commit to unity with our fellow human beings, regardless of ethnicity, faith, age, gender identity or sexual orientation. Let us celebrate this Day – and every day – as members of one human family sharing one common, precious home.“

Nicht nur der heutige Weltyogatag, sondern jeder Tag bietet uns die Gelegenheit, die heilsame Wahrheit des Yoga in die Welt zu tragen. Also: Auf die Matte und raus ins Leben, gemeinsam für eine globale Gesundheit.

Autor

Almut-Heyder-1Almut Heyder studierte Geisteswissenschaften und berichtete als Redakteurin über Trends, Tools und Trainingskonzepte in der Weiterbildungsbranche. Yoga ist seit 15 Jahren ihr steter Begleiter: in Aus- und Fortbildungen auf der Matte, aber vor allem in ihrer täglichen Lebensführung.

Kontakt: almut.heyder@mail.de

Anzeige