Ich hatte mich schon wieder daran gewöhnt, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun: einen Tee trinken, E-Mails checken und aus dem Augenwinkel beobachten, ob mein Hund noch eine Viertelstunde durchhält bis zum nächsten Gassi gehen. Schon wieder – weil ich nach einem Meditationsretreat im vergangene Jahr mehrere Monate dazu in der Lage war, entspannter und achtsamer zu arbeiten und zu leben. Aber irgendwann mitten in einem stressigen Projekt haben sie sich wieder eingeschlichen: die Ungeduld, die Unachtsamkeit, die Unruhe. Und nach und nach drängten sich wieder 1000 Kleinigkeiten zwischen das Meditationskissen und mich. Seitdem rast die Zeit wieder dahin – und ich ihr hinterher. Ich schaue auf den Kalender und frage mich voller Schrecken, wo die ersten Wochen des Jahres geblieben sind.

Zurück zur Achtsamkeit

Um wieder in den Augenblick zurückzufinden brauche ich Hilfe. Genau genommen: eine vorgegebene Struktur. Die brauche ich von Zeit zu Zeit, damit mir der (Wieder-)Einstieg in die Meditationspraxis und damit einhergehend mehr Achtsamkeit im Alltag gelingt. Kurz entschlossen melde ich mich Anfang Januar zu einem MBSR-Kurs an.  Hier lerne ich über acht Wochen die Basis der Achtsamkeit im Sinne von Jon Kabat-Zinn kennen: Body Scan, achtsames Yoga, achtsames Essen, achtsames Meditieren und achtsames Leben. Der Amerikaner machte das salonfähig, was für Buddha vor mehr als 2500 Jahren der Schlüssel der Erleuchtung wurde: die achtsame, wertfreie Wahrnehmung der eigenen Gedanken, Gefühle und Körperwahrnehmungen, ohne sich damit zu identifizieren.

Einen „ortskundigen“ Lehrer finden

Die Liste von autorisierten MBSR-Lehrern ist lang.  Wirklich gute und vor allen Dingen erfahrene Meditationslehrer sind allerdings rar. Bereits im letzten Jahr habe ich einen MBSR-Kurs angefangen – ihn aber nach 3 Wochen verärgert beendet. Der Seminarleiter vergaß jedes Mal die Zeit.  So viel zum Thema Achtsamkeit.

Dieses Mal habe ich Glück. Ich melde mich in München zu einem Kurs bei der Heilpraktikerin und MBSR-Lehrerin Lisa Grashey an. Sie ist eine umsichtige, fröhliche und sehr achtsame Meditationslehrerin. Mit viel Erfahrung, wie ich schnell am Telefon heraushöre, als wir ein Vorgespräch zum Seminar führen. MBSR bietet sie seit 2002 an. Persönliche Meditationserfahrung hat sie aber schon viel länger. Sie weiß um die Fallstricke des Geistes, um die Vorzüge der Achtsamkeit und darum, wie man den eigenen Geist sanft und liebevoll zu mehr Achtsamkeit erzieht. Auch hier schwingt viel persönliche Erfahrung mit, wenn sie darüber redet, wie wir mit Hilfe des Kurses lernen können, uns bei der Schulung unseres Geistes mit mehr Geduld zu begegnen.

Wechselnde Stimmungen

Auf dem Weg zum ersten Seminarabend gerate ich vollkommen überrascht in einen Schneesturm. Von einem Moment hat sich das Wetter geändert. Von hier auf jetzt bricht der Verkehr in der Münchner Innenstadt zusammen. Nichts geht mehr. Die Autos bewegen sich im Schneckentempo voran. Es schneit und gleichzeitig blitzt und donnert es. Ich bin fasziniert, welches Naturschauspiel mir der Himmel an diesem Abend Mitte Januar schenkt. In der kommenden Woche, als ich wieder zum Seminar fahre, ist das Wetter vollkommen anders: Ein riesiger Vollmond erscheint am klaren Nachthimmel.  Atemberaubend schön. Ich bin begeistert, wie unterschiedlich schön Winternächte sein können.

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Im Verlaufe der nächsten Wochen erlebe ich mit zunehmender Achtsamkeit, dass es sich mit unserem Geist genauso verhält wie mit dem Wetter: Die Stimmungen ändern sich permanent. Mal gleicht die Flut der Gedanken einem Unwetter, mal ist der Gedankenhimmel klar. Aber kein Zustand ist für immer.  Genau darum geht es auch im MBSR Kurs: zu sehen, dass nichts ewig währt. Dies ist besonders hilfreich bei negativen Gedanken wie Angst, Wut oder Verzweiflung.  Es geht darum, nicht zu versuchen, die Gedanken anzuhalten oder zu ändern,  sondern ihnen Raum in unserem Geist zu geben, sie zu beobachten – und wieder loszulassen.  Je besser uns dies nämlich gelingt, desto eher vergehen sie.

Gemeinsam achtsam

Zusammen mit zwölf anderen Menschen mitten im Alltag Achtsamkeit zu üben gefällt mir. Die Gründe, warum es uns hierher geführt hat, sind unterschiedlich: Eine Krebserkrankung, der Wunsch sich Zeit zu schenken, eine Zeit der Neuorientierung. Aber allen gemeinsam ist, dass wir das Leben mitbekommen wollen. Und zwar jetzt. Und so sinnvoll wie möglich.

Dies lernen wir tatsächlich: Die Kostbarkeit der eigenen Sinne wieder neu zu erleben. Dabei helfen uns die kleinen Hausaufgaben, die Lisa uns bei den einzelnen Treffen mit auf den Weg gibt. Dadurch erfahre ich wieder, was für Geschenke Hören, Sehen, Sprechen, Atmen und Denken doch sind. Und noch eins: Ich erlebe wieder einmal, wie unterstützend eine Gruppe sein kann. In jeder Woche sprechen wir über unsere Erfahrungen: achtsam zu essen,  achtsam zu meditieren, angenehme Erfahrungen zu sammeln und aufzuschreiben, wie sie sich auf uns auswirken. Und eben dieser Austausch hilft mir noch einmal mehr, dranzubleiben.  

Ein solch zeitlich begrenzter Kurs unterstützt mich darin, den roten Faden für mehr Achtsamkeit wieder in meinem Leben aufzunehmen und dort in die vielen kleinen Alltagshandlungen hineinzuweben. Er hat mich auch dazu inspiriert, wieder regelmäßig aufs Meditationskissen zu gehen – um mich wieder von der Gewohnheit zu lösen, alles zu bewerten und in Kategorien zu ordnen. Er hat mir auch dabei geholfen, den Autopiloten wieder auszuschalten, der wie von selbst anspringt, wenn wir ihn nicht im Auge behalten. Denn immer wieder passiert es mir, dass ich wieder unachtsamer werde. Ehrlich gesagt: nicht nur in stressigen Zeiten, sondern auch dann, wenn die Sonne scheint und das Leben leicht ist.  

Achtsamkeit lohnt sich also. Wir entspannen uns und bleiben offen für das, was dieser Moment uns zu sagen hat. Und: Sie lässt sich überall und immer praktizieren! Ja, genau: auch hier und jetzt!
Such Dir einfach eine der u.a. Übungen aus und probiere es selbst:

Achtsamkeitsübungen:

  1. Suche Dir eine Aktivität aus, die Du täglich machst und führe sie achtsam aus. D.h.: versuche mit Deiner ganzen Aufmerksamkeit vollkommen wertfrei und präsent bei dem zu sein, was Du gerade machst. Z.B. während Du einen Apfel isst oder eine Yogaasana ausführst.
  2. Nimm Dir 10 Minuten Zeit, um achtsam Deinen Atem wahrzunehmen. Nimm ihn einfach nur wahr, wie er in den Körper ein- und wieder ausströmt. Verändere ihn nicht. Beobachte ihn einfach nur.
  3. Versuche, einmal am Tag einem anderen Menschen achtsam zu begegnen: ohne ihn, oder das was er sagt oder tut, zu bewerten. Sei ganz präsent bei ihm und schenke ihm deine ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit.
  4. Lerne deinen wertenden Geist besser kennen! Mach Dir bewusst, wann Du bewertest und wie häufig das vorkommt. Wenn Dein Geist Urteile fällt, geht es nicht darum, ihn daran zu hindern. Du musst Dir nur bewusst werden, dass Du es tust!
  5. Versuche, körperliches Unbehagen und seelische Erregung wahrzunehmen, zu beobachten und anzunehmen – ohne es verändern zu wollen.

 

Weitere Informationen zu 8-Wochen-MBSR: www.msbr-verband.de

www.lisagrashey.de

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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