Chronische Schmerzen im unteren Rücken im Ayurveda und in der TCM
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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Chronische Schmerzen im unteren Rücken zählen zu den häufigsten Beschwerden überhaupt. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und der Ayurveda bieten eine große Bandbreite wirksamer Therapien, um dieser schmerzhaften Angelegenheit entgegenzutreten. Im folgenden Artikel werde ich verschiedene Wege erörtern, chronische Rückenschmerzen effektiv zu behandeln. Dabei hoffe ich aufzeigen zu können, wie ayurvedische Medikamente und TCM-Präparate zusammenwirken können, und möchte auch auf mögliche Kombinationen von Akupunkturpunkten mit ayurvedischen Marmapunkten und medizinierten Ölen eingehen.

Rezepturen aus der TCM

Einer der frappierendsten TCM-Diagnosefehler, die ich im Zusammenhang mit Schmerzen im unteren Rücken festgestellt habe, liegt in der Einordnung des Leidens als reines Muster stagnierenden Qis bzw. als reinen Blutstau. Qi-Stagnation und Blutstauungen sind zu einem gewissen Grad bei jedem schmerzhaften Zustand vorhanden. Dennoch stehen sie bei Patienten mit chronischen Schmerzen im unteren Rücken selten für sich allein. In diesem Szenario treten typischerweise weitere Faktoren auf, darunter eine gewisse Art von Leere. Laut der Traditionellen Chinesischen Medizin ist der untere Rücken der Wohnsitz der Nieren, und die Nieren regieren den unteren Rücken sowie die Unterschenkel. Es ist wichtig, diesen Grundsatz im Hinterkopf zu behalten, wenn es um chronische Schmerzen im unteren Rücken geht. Eines der pathognomonischen (für die Diagnose richtungsweisenden) Symptome von Leere in den Nieren sind Schmerzen im unteren Rücken. Ein anderer Lehrsatz aus der TCM besagt, dass chronische Krankheiten stets die Nieren angreifen. Das bedeutet, dass jeder chronische Schmerz, selbst wenn er ursprünglich von einer Qi-Stagnation bzw. einem Blutstau herrührt, irgendwann die Nieren schädigt. Wenn man dies berücksichtigt, wird es offensichtlich, dass man allenfalls vorübergehende Resultate erzielen kann, wenn man lediglich den Stagnationsaspekt behandelt. Für einen dauerhaften Behandlungserfolg muss man die Nieren unterstützen oder auffüllen.

Wenn man für die Behandlung von Schmerzen im unteren Rücken TCM-Rezepturen verwendet, ist es hilfreich, über Grundrezepturen zu verfügen, die man, abgestimmt auf spezifische Aspekte des individuellen Falls, erweitern kann. Eine solche Grundrezeptur, von der ich für die Therapierung von chronischen Rückenschmerzen oft Gebrauch mache, setzt sich zusammen aus Du Zhong, Gu Sui Bu, Sang Ji Sheng, Bai Shao und Gan Cao. Die drei erstgenannten Mittel zielen auf die Nieren ab, während die letzten beiden eine elegant einfache Formel aus der Jin Gui Yao Lue („Goldene Kammer“, wichtiges Standardwerk der TCM; Anm. d. Red.) gegen Krämpfe und Schmerzen in den Beinen sind, „Shao Yao Gan Cao Tang“. Diese Grundrezepturen können auf vielerlei Art ausgekleidet werden. In der TCM wissen wir, dass Blut die Kanäle und Gefäße des gesamten Körpers anreichert und nährt. Daher hilft es bei jeglichem Schmerzszenario, wenn man eine adäquate Blutversorgung der Leber sicherstellt. In der TCM heißt es auch, dass chronische Krankheiten sich auf das Netzwerk der Gefäße auswirken und dass im Falle leerer Leber- und Nierengefäße keine Besserung von Rückenschmerzen eintreten wird. Dies zeigt uns eine weitere logische Verbindung, weshalb man blutanreichernde Mittel zu einer Rückenschmerzrezeptur hinzufügen sollte, um die Gefäße mit ausreichend Blut zu nähren.

Rückenschmerzen im Spiegel des ayurvedischen Ansatzes

Die ayurvedische Medizin hat ebenfalls Ansätze parat, um chronische Scherzen im unteren Rücken zu kurieren. Der Sanskrit-Begriff für dieses Krankheitsbild ist „kati-shula”, wobei sich „kati“ auf den unteren Rücken bezieht und „shula“ die Bedeutung „Schmerz“ hat. Der Ayurveda unterscheidet zwischen drei verschiedenen Typen von Schmerzen im unteren Rücken, die den Doshas Vata, Pitta und Kapha zugeordnet sind. Diese Kategorien werden sowohl zur Klassifizierung des individuellen Körpertyps des Patienten, d.h. seiner Prakrti, herangezogen, als auch zur Bestimmung seines Krankheitszustandes, der Vikrti. Diese Art von differenzierter Diagnose erlaubt es dem Therapeuten, „den Patienten und nicht die Krankheit zu behandeln“, so wie es auch die TCM tut. Die Doshas stellen psycho-physiologische Faktoren dar, die die Homöostase aufrechterhalten oder Krankheiten auslösen, wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten sind, das mit dem komplizierten Tanz von Yin und Yang vergleichbar ist.

Wie die TCM betont bekanntlich auch der Ayurveda die Bedeutung der innigen Verbindung eines Individuums mit dem Universum. Laut Ayurveda interagieren die fünf Elemente über die Doshas mit dem Körper, die jeweils aus zwei Elementen bestehen. Vata-Dosha setzt sich aus Luft und Äther zusammen, Pitta-Dosha umfasst Feuer und Wasser und Kapha-Dosha beinhaltet Wasser und Erde. Diese Elementkonstitutionen beeinflussen auch den symptomatischen Ausdruck der Doshas bei chronischen Schmerzen im unteren Rücken: Im Falle von Vata-Dominanz ist der Schmerz stark, wandert und ist unvorhersehbar wie der „Wind“ in der TCM; wenn Pitta dominiert, fühlt sich der Rücken heiß an und weist Rötungen auf, wobei der Schmerz brennend ist wie eine „Feuchtigkeit-Hitze-Bi“ (Bi = Blockade, Anm. d. Red.) in der TCM; bei kapha-induzierten Schmerzen fühlt sich die betroffene Region kalt und steif an und der Schmerz ist dumpf und anhaltend, ähnlich wie beim „Wind-Kälte-Bi“-Syndrom in der TCM.

Die Rolle von Vata

In der ayurvedischen Diagnostik wird die Auffassung vertreten, dass es keinen Schmerz ohne Vata gibt, keine Entzündung ohne Pitta und keine Stauung ohne Kapha. Deshalb stellt Vata-Dosha für alle Fälle von Schmerzen im unteren Rücken einen bedeutsamen Diagnosefaktor dar. Es sind vielfältige Szenarien von Doshabeteiligung möglich, jedoch wird Vata-Dosha in der Regel als treibende Kraft angesehen. Die ayurvedische Theorie besagt, dass Pitta und Kapha gewissermaßen als „lahm“ zu betrachten sind und ohne die bewegende Kraft der kalten, trockenen und unvorhersehbaren Vata-Winde nicht zu Bewegung in der Lage sind. Zudem besteht eines der Hauptsymptome von Vata-Beeinträchtigungen in eben jenem starken Schmerz, mit dem man es bei Schmerzen im unteren Rücken so oft zu tun hat. Hier können wir abermals eine sehr interessante Verbindung zwischen Ayurveda und Traditioneller Chinesischer Medizin feststellen. Die TCM bezeichnet den Wind als Auslöser von hunderten von Krankheiten, und Wind hat eine Vorliebe für Bewegung und ständige Veränderung. Darin liegt eine deutliche Nähe zum ayurvedischen Konzept von Vata-Dosha als maßgeblicher Treibkraft hinter den anderen Doshas und dem Krankheitsprozess. Wenn wir uns die Macht und Unberechenbarkeit von Wind in unserer Umgebung und seine Fähigkeit, drastische Veränderungen in allen anderen Elementen zu bewirken, vor Augen halten, ergibt es Sinn, diese Analogie zu verwenden, um Veränderungen im Mikrokosmos unseres Körpers zu beschreiben.

Vata-Dosha hat fünf Subtypen: Prana-Vayu, Udana-Vayu, Samana-Vayu, Vyana-Vayu und Apana-Vayu. Apana-Vayu kontrolliert den gesamten Beckenraum und die umliegenden Organe, Knochen und Bänder. Der Ort, an dem sich am meisten Vata-Dosha akkumuliert, ist der Dickdarm, und dieses Organ liegt im windreichen Einflussbereich von Apana-Vayu. Wenn Vata-Dosha durch schlechte Ernährung, Stress, extensives Reisen, Emotionen oder jahreszeitbedingte Faktoren provoziert wird, ist es möglich, dass sich Apana-Vayu in Form von Rückenschmerzen bemerkbar macht. Vata kann ins Knochen- (Ashthi) oder Muskel- (Mamsa) Gewebe eintreten und Pitta sowie Kapha sozusagen mitbringen, wodurch der individuelle Krankheitsausdruck beeinflusst wird.

Ashvagandha

Eines der wichtigsten Kräuter, um einen windigen Vata-Dosha zu beruhigen und auszubalancieren, ist Withania somnifera (deutsch: Schlafbeere, Winterkirsche, Anm. d. Red.) oder, so der Sanskritname, Ashvagandha. Dabei handelt es sich um eines der bekanntesten ayurvedischen Kräuter. Es wird seit alter Zeit dafür gerühmt, jedem, der es zu sich nimmt, die Stärke und Kraft eines Pferdes zu verleihen. Der Ayurveda verwendet ähnlich wie die TCM ein energetisches System um seine Heilmittel zu klassifizieren und zu verschreiben. Der Ayurveda ordnet den Mitteln eine Energie oder Thermik (Virya), einen Geschmack (Rasa) und eine post-digestive Wirkung (Vipaka) zu. Ashvagandha hat einen leicht bitteren (tikta) und zusammenziehenden Geschmack. Der Vipaka, also die Wirkung nach der Verdauung, ist süß (madhura), und die Energie ist warm (ushna). Ashvagandha hat als Medhya-Rasayana (kräftigendes Elixier) eine nährende (brmhana) und verjüngende Wirkung auf die Körpergewebe (Dhatus) und eine besondere Fähigkeit, das Nervensystem zu regenerieren und zu beruhigen sowie als Analgetikum zu agieren. Diese einzigartigen Charakteristika geben Anhaltspunkte, die nahelegen, wie man Ashvagandha in eine Behandlung mit TCM-Kräutern integrieren kann.

In der TCM-Terminologie ausgedrückt, hat Ashvagandha offenbar ein hervorstechendes Potenzial, Nieren-Yin und warmes Nieren-Yang zu unterstützen. Sein adstringierender und süßer Geschmack nährt und stärkt die Gewebe, während seine warme und schwere Beschaffenheit zusätzlich für einen anabolischen Effekt sorgt. Wissenschaftliche Studien zu Ashvagandha haben adaptagene und entzündungshemmende Wirkungen belegt. Somit sprechen sowohl die Tradition als auch die moderne Wissenschaft dafür, Ashvagandha bei Patienten mit Rückenschmerz-Historie einzusetzen. Beispielsweise kann Ashvagandha bei einem Rückenschmerzpatienten mit zugrundeliegender Nierenessenzleere eine gute Ergänzung zu „Jin Gui Shen Qi Wan“, „Zuo Gui Wan” oder „You Gui Wan” oder zu der oben erwähnten Grundrezeptur sein.

Ashvagandha ist eine ausgezeichnete Medizin für Fälle, in denen der Patient wegen der Schmerzen unter Schlafstörungen leidet und Ermüdungserscheinungen hat. Ein erholsamer Schlaf ist eine wichtige Voraussetzung, um Heilung zu begünstigen. Die TCM geht davon aus, dass das Blut während des Tiefschlafs in die Leber strömt. Zugleich besagt die TCM-Lehre, dass Blut und Essenz (eine wertvolle von den Eltern ererbte Substanz, die in der Niere gespeichert wird, Anm. d. Red.) sich eine gemeinsame Quelle teilen und sich gegenseitig erzeugen können. Wenn die Essenz nicht abfließt, sammelt sie sich in der Leber und wird in „klares Blut“ umgewandelt. Dies ist eine Vorstellung, die im Hinblick auf die ayurvedische Lehre von Ojas interessant ist. Ojas wird als Überschuss der Körpergewebe (Dhatus) und als tiefstes Vitalitätsreservoir betrachtet, vergleichbar der Nierenessenz in der TCM. Im Ashtanga-Hrdaya heißt es, „Ojas ist die Essenz der Gewebe” und „eine Zunahme von Ojas führt zu Zufriedenheit, einem gut genährten Körper und gesteigerter Kraft”. Ojas ist schmierig, wässrig und klar. Ein Ojasmangel zieht laut Ashtanga-Hrdaya zwangsläufig einen Vitalitätsverlust nach sich. Das klingt bemerkenswert ähnlich wie die TCM-Aussagen über die Essenz und das klare Blut. Angemessene Mengen von Ojas bzw. von Essenz sind dem Ayurveda bzw. der TCM zufolge für eine tiefgreifende Heilung und Regeneration maßgeblich. Ashvagandha kann die Produktion von Ojas oder klarem Blut / Essenz unterstützen, indem es einen erholsamen, tiefen Schlaf sicherstellt und als regenerierendes Mittel, d.h. als Rasayana, agiert.

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