Gerade zur Weihnachtszeit duftet es wieder an vielen Orten nach Weihrauch. Doch das bekannte Harz kann noch viel mehr als nur gut zu riechen – es ist ein altbekanntes Heilmittel, dessen Kräfte nun wieder neu entdeckt werden

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Das Gefäß besteht aus kostbarem Metall und ist kunstvoll geschmiedet. Es hängt an zierlichen Ketten, und wenn es geschwenkt wird, entsteigt ihm duftender Rauch: Weihrauch. Dieses Bild kennt man von kirchlichen Ritualen, es kann starke Gefühle hervorrufen. Auch das intensive und ganz spezielle Aroma des Weihrauchs berührt die Seele.

Weihrauch ist jedoch noch viel mehr als „geweihter Rauch“. Das, was verräuchert wird, ist ein getrocknetes Baumharz und wird schon seit Jahrtausenden als Heilmittel verwendet. Nicht nur als Räucherung, sondern auch in Form von ätherischem Öl oder so zubereitet, dass man ihn einnehmen kann, verfügt Weihrauch über vielfältige und sehr wirksame Kräfte. Sie haben sich nicht nur seit Urzeiten in der Praxis der Volksmedizin bewährt, sondern wurden auch mit modernen Methoden untersucht und bewiesen. Deswegen empfehlen und verschreiben heute sogar schulmedizinisch orientierte Ärzte Weihrauchprodukte.

Zum Beispiel lässt sich durch die zusätzliche Einnahme von Weihrauchkapseln die Dosis von synthetisch hergestellten Medikamenten wie Schmerzmitteln oder Cortison, die häufig schwere Nebenwirkungen haben, deutlich reduzieren. Das kann eine große Erleichterung bedeuten – besonders, wenn Menschen über Jahre auf solch starke Medikamente angewiesen sind.

Die Heilwirkungen sind vielfältig

Generell, also in allen Zubereitungen und Anwendungen, wirkt Weihrauch beruhigend, schmerzlindernd, immunstimulierend, leberschützend und entzündungshemmend. Letztere Wirkung wird gegenwärtig besonders geschätzt und bei schwierig zu behandelnden Leiden wie Schuppenflechte oder rheumatischen Beschwerden genutzt. Innerlich, also als Extrakt in Tabletten oder Kapseln beziehungsweise in Form von Injektionen, hilft Weihrauch ebenfalls gegen Hauterkrankungen und rheumatische Beschwerden, zudem gegen Allergien, Asthma und akute Atemwegserkrankungen, grippale Infekte, alle Arten von Schmerzen, Harnwegs-, und Ohrenentzündungen, Magen-Darm-Erkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn, Bauchspeicheldrüsen- und Lebererkrankungen, Kehlkopfentzündungen sowie Knie- und Rückenbeschwerden. Rückenschmerzen sind häufig auf kleine Entzündungen zurückzuführen. Auch hier können die entzündungshemmenden Wirkstoffe sich entfalten und Erleichterung bringen.

Offenbar hilft Weihrauch auch gegen Tumore – und zwar in Kombination mit schulmedizinischen Therapien; besonders effektiv gegen Hirntumore und damit einhergehende Wasseransammlungen im Gehirn. Die Wirkung ist immer sanft, Nebenwirkungen treten kaum auf. Wobei ein gewisses Risiko besteht, dass jemand allergisch reagiert. Das gilt für alle Darreichungsformen, auch für das ätherische Öl.

„Gottesduft“  und Medizin

Die lateinischen Namen für Weihrauch lauten „Boswellia serrata“ und „Boswellia sacra“. Es handelt sich um das Harz von Weihrauchbäumen, die zur Familie der Balsamstrauchgewächse gehören (Burseraceae) und die in den Trockengebieten Ostafrikas, auf der Arabischen Halbinsel und in Indien wachsen. Die Farbe des Harzes kann von klar über karamell bis zu braun und schwarz variieren. Es enthält mehr als 200 unterschiedliche Inhaltsstoffe, darunter die erwähnten bemerkenswerten entzündungshemmenden Säuren, die man nach ihrer Erforschung als Boswellia-Säuren bezeichnet. Die einzigartige Heilkraft von Weihrauch wird auf das Zusammenspiel aller enthaltenen Stoffe zurückgeführt.

Lange kannte man die Herkunft des Harzes bei uns nicht. Es wurde auf dem Rücken von Kamelen in Karawanen befördert, über deren genauen Weg man nichts wusste. Mit Absicht hielt man Genaueres geheim, denn mit der Aura des Mysteriösen ließ sich eine Menge Geld verdienen. Es waren erst die reisenden Botaniker des 19. Jahrhunderts, die die entsprechenden Bäume entdeckten.

Die ägyptische Königin Hatschepsut (1490–1468 v. Chr.) führte einige dieser Bäume aus dem östlichen Sudan in ihr Land ein. Seitdem spielt das Harz in Ägypten eine wichtige Rolle, es wurde beispielsweise zum Einbalsamieren von Verstorbenen verwendet. Der ägyptische Name für das Harz bedeutet „Gottesduft“. Im alten Griechenland und Rom räucherte man mit Weihrauch – nicht nur zu religiösen Zwecken, sondern auch, um unangenehme Körpergerüche zu übertünchen. Und man benutzte das Harz als Medizin: Hippokrates empfahl es in seinen Schriften immer wieder. Im Ayurveda setzt man Weihrauch seit mehr als 3000 Jahren gegen entzündliche Erkrankungen der Gelenke, des Darms und der Haut ein, auch gegen Nervenkrankheiten. In unserem Kulturraum kannten und schätzten Hildegard von Bingen und Sebastian Kneipp dieses Mittel.

Die Wiederentdeckung des Weihrauchs

Im Zuge der Entwicklung der modernen Medizin geriet der Weihrauch als Heilmittel in Vergessenheit, er wurde mehr und mehr durch synthetische Medikamente verdrängt. Einen der Auslöser für das mittlerweile wieder erwachte Interesse stellt die Studienreise nach Indien des Pharmakologen Professor Hermann Ammon von der Universität Tübingen in den achtziger Jahren dar. Er wollte Therapiemethoden der ayurvedischen Medizin näher kennenlernen. Dabei wurde er auf Weihrauchpräparate aufmerksam. Wieder in Deutschland, führte er selbst klinische Studien durch, andere Spezialisten schlossen sich an.

Trotz wissenschaftlicher Studien und neu erwachtem Interesse handelt es sich beim Thema Weihrauch als Heilmittel um eine Art Geheimwissen. Wer in der Apotheke nach Weihrauchtabletten oder -kapseln fragt, erhält nicht immer die beste Auskunft. Präparate sind nicht unbedingt vorrätig, sie müssen manchmal aus Indien oder den Niederlanden importiert werden. Was aber problemlos erhältlich ist, das sind Weihrauchharz zum Räuchern, das ätherische Öl und Weihrauchcreme für Muskeln und Gelenke (z.B. von Meditao). Wichtig zu wissen ist, dass sich die Wirkung am besten entfaltet, wenn man die Tabletten oder Kapseln während der Mahlzeiten einnimmt, und dass die Wirkung Zeit braucht. Manchmal bemerkt man sie erst nach vier bis sechs Wochen. Es wird empfohlen, die Einnahme von Weihrauchzubereitungen mit einem Arzt abzusprechen. Gegen das Experimentieren auf eigene Faust mit äußerlichen Anwendungen, also mit Räucherungen und ätherischem Öl, ist aber nichts einzuwenden.

Die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar gaben dem neugeborenen Jesuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe (ein anderes heilkräftiges Baumharz) als kostbare und symbolträchtige Geschenke. Damals wurde Weihrauchharz mit Gold aufgewogen.

Weihrauch – das ätherische Öl

Das ätherische Öl vom Weihrauch wird per Wasserdampfdestillation hergestellt. Es ist als „Weihrauch“ oder „Olibanum“ erhältlich, der lateinische Name lautet „Boswellia carteri“.

Wirkungen auf den Körper:

1. Zur Therapie einer Blasenentzündung hilft eine feucht-warme Kompresse mit einigen Tropfen Weihrauchöl, die in etwas Apfelessig und warmem Wasser aufgelöst wurden. Ein Frottierhandtuch damit tränken, auf den Unterbauch legen. Mit einem weiteren trockenen Frottiertuch abdecken, eine nicht zu heiße Wärmflasche darauflegen und etwa eine halbe Stunde einwirken lassen.

2. Wirkungen von Weihrauchöl und von verräuchertem Weihrauchharz auf die Psyche: Verlangsamt und vertieft die Atmung, wirkt daher sehr gut gegen Trauer, Angst und nervöse Spannungen; lindert Erschöpfung und Depressionen, besonders Winterdepression; hilft, in einen meditativen Zustand zu gelangen und sich konstruktiv mit Problemen zu beschäftigen, die schon seit langer Zeit bestehen.

3. Ähnlich funktioniert die Behandlung von kleineren Wunden und entzündeten Pickeln mit einem Weihrauchpflaster. Es wirkt schmerzstillend, antibakteriell, entzündungshemmend und heilend. Einen oder wenige Tropfen Weihrauchöl mit wenig Pflanzenöl, z.B. Mandelöl, verdünnen. Auf einem Stückchen Mull verteilen, auf die Wunde legen und mit Pflaster oder einer Binde fixieren. So lange einwirken lassen, wie es sich angenehm anfühlt.

4. Stärkt das Immunsystem; wirkt blähungswidrig, entzündungshemmend, antiseptisch, desinfizierend; wirksam gegen Schwellungen und Schmerzen – besonders bei rheumatischen Erkrankungen, Wasseransammlungen im Körper, Pilzerkrankungen, Zahnfleischentzündungen, Husten, Schleim und allen Erkältungssymptomen; menstruationsfördernd, aber auch bei Wechseljahrsbeschwerden; hilft, Schwangerschaftsstreifen vorzubeugen; unterstützt die Wundheilung und die Bildung von Narben; reduziert Falten und eignet sich mit einem Gesichtsöl verdünnt hervorragend zur Behandlung von alternder Haut.

Zum Weiterlesen:
Folgendes Buch von Irene Dalichow beschäftigt sich unter anderem mit Weihrauch: „Die Heilkraft ätherischer Öle“ (Herbig, München 2014).Anzeige