Basierend auf seinen ausgedehnten Studien vedischer Original-Quelltexte und seinen Kenntnissen über Ayurveda und Pflanzen, steuert David Frawley erhellende Impulse zur Diskussion über die sagenumwobene Soma-Pflanze bei

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Soma ist im vedischen Denken eine große Gottheit, eine kosmische Macht und ein spirituelles Prinzip und hat ein Gegenstück im Pflanzenreich. Nach der Identität der ursprünglichen Soma-Pflanze hat man lange gesucht, wobei eine Vielzahl von Pflanzen als mögliche Soma-Entsprechung diskutiert wurde. Meine Sichtweise, die sich auf mehr als 30 Jahre Studium des Veda in der Sanskrit-Fassung und der verwandten ayurvedischen Literatur stützt, ist, dass Soma nicht einfach eine bestimmte Pflanze war, auch wenn es vielleicht zu einer gewissen Zeit an gewissen Orten eine ursprüngliche Soma-Pflanze gegeben hat, sondern dass sich der Begriff vielmehr auf verschiedene Pflanzen oder Pflanzenmischungen sowie auch auf einen rituellen Gebrauch von Pflanzen bezieht. Es heißt schließlich, Soma existiere in allen Pflanzen (RV X.97.7), und es werden viele verschiedene Arten von Soma genannt, von denen manche aufwendiger Zubereitungen bedürfen. Auch Wasser, insbesondere das der Flüsse des Himalaya, ist eine Art von Soma (RV VII.49.4). Nach vedischer Auffassung existiert zu jeder Form von Agni oder Feuer auch eine Form von Soma. So betrachtet, gibt es im ganzen Universum Soma. Agni und Soma sind demnach die vedischen Äquivalente zum Yin und Yang der chinesischen Philosophie.

Ende des Rätselratens

Einige Gelehrte unserer Zeit haben die Pflanzengattung Ephedra (in der chinesischen Pflanzenkunde „Ma huang“) als Haupt-Somapflanze hervorgehoben und darauf hingewiesen, dass die Ephedra in Afghanistan und im Iran sehr verbreitet ist. Ihnen zufolge war die Ephedra die maßgebliche Soma-Pflanze der Perser. Die Ephedra wächst auch in Indien, wo sie manchmal Somalata genannt wird. Sie könnte also eine der Soma-Pflanzen darstellen, aber weder scheint sie die einzige Art von Soma gewesen zu sein noch ähnelt sie den charakteristischen Beschreibungen des ursprünglichen Soma aus dem Rg-Veda. Der Rg-Veda charakterisiert Soma als wasserhafte Pflanze, die nahe am Wasser wächst (RV VIII.91.1), und als Trägerin eines milchigen Saftes, den man durch Zermalmen der Pflanze gewinnt. Die Ephedra ist dagegen eine trockene Pflanze mit wenig Saft. Andere Gelehrte vermuten, dass es sich beim originalen Soma um den Pilz Amanita muscaria handelte, der von vielen Schamanen verwendet wird, vor allem in Sibirien. Zwar kann ich nicht mit Sicherheit widerlegen, dass dieser Pilz von manchen Menschen als eine Art Soma gebraucht wurde, doch die vedischen Somas werden sehr anders beschrieben. Laut Veden hat die Soma-Pflanze Blätter, was für Pilze nicht zutrifft, und immer wieder wird Soma, wie schon gesagt, mit Wasser in Verbindung gebracht. „Sharyanavat“, wo Soma gemäß dem Rg-Veda wächst, bezieht sich auf Seen und bedeutet „mit Schilfrohren versehen“. Das Wort leitet sich von „shara“ ab, einem Verwandten des Zuckerrohrs (Saccharum sara), das zur Herstellung von Pfeilen benutzt wurde und sowohl für Agni als auch für Soma heilig war. Ein anderes Somagebiet, Munjavat, bedeutet dem Namen nach ebenfalls „voller Schilf“, wobei „munja“ ein Typ von schilfähnlichen Pflanzen ist, der die gleiche Pflanze wie „shara“ bezeichnen kann und als bester unter den Somas betrachtet wurde. Dies zeigt wieder, dass Soma in sumpfigen Gebieten oder wässrigen Böden wuchs und eine Art von Schilf gewesen sein muss. Manche Wissenschaftler gingen so weit, das Zuckerrohr als Soma zu identifizieren, eine weitere der Saccharum-Arten, die im alten Indien zu finden waren. Zuckerrohr wurde wahrscheinlich in der Tat für Soma-Zubereitungen verwendet. Die Hauptsomas des Rg-Veda waren also bestimmte Zuckerrohr-Arten, von denen einige nahrhafte und nervenstärkende Eigenschaften haben.

Der Atharva-Veda nennt fünf große Pflanzen (AV XI.6.15), von denen Soma als beste gerühmt wird. Zu den fünf gehören Marihuana, Gerste und Darbha- oder Kushagras (Poa cynosuroides); die vierte neben Soma – im Text wird sie „sahas“ genannt – ist unklar. Wieder wird deutlich, dass auch andere Pflanzen soma-ähnliche Qualitäten haben, und auch hier wird Soma wieder mit einer anderen Zuckerrohr-Art (Darbha = Saccharum cylindricum) in Verbindung gebracht, die man leicht auspressen kann, um einen Saft zu erhalten, genau wie beim Zuckerrohr. Ebenfalls wird ein Bezug zu Marihuana hergestellt, was nahelegt, dass psychoaktive Pflanzen als weitere Arten von Soma angesehen wurden. An anderer Stelle wird Soma mit Kushta (Saussurea lappa) in Zusammenhang gebracht, einem scharfwürzigen Nerventonikum, und ferner mit dem Ashvattha-Feigenbaum; zugleich heißt es, Soma wachse im Himalaya (AV XIX.39.5, 6).

Andere Pflanzen, die mit Soma verbunden werden, von dem ja oft gesagt wird, er wachse in Bergseen, sind der Lotus und andere Seerosen. Wie sie soll Soma Blätter haben, die ein kreisförmiges, mondähnliches Muster bilden. Weitere potenzielle Somapflanzen sind Mitglieder der Orchideen- und der Lilien-Familie. Einige dieser Pflanzen sind nervenstärkend. Wie Soma haben sie einen milchigen Saft, ungewöhnliche Blätter und Staubfäden. Ihr Saft kann z.B. mit Hilfe von zwei Steinen ausgepresst werden.

Soma wurde auf drei verschiedene Arten zubereitet: gekocht mit Körnern oder Gerste, mit Milch oder mit Joghurt (RV II.42,7, RV IX.63.15). Während bei manchen Somas der frische Saft genommen wurde, gab es für die Mehrheit offenbar elaborierte Zubereitungsverfahren. Oft wurden dazu Ghi (ghrta) und Honig (madhu) verwendet, die manchmal auch Synonyme für Soma sind. Vor allem wird Soma vielfach „madhu“ (Honig oder Met) genannt. Spezielle Honig-Kräuter-Zubereitungen und Kräuter-Ayurveda-Ernaehrung/Ghee/">Ghee-Gemische waren zusätzliche Arten von Soma. Von „sura“ oder Wein und Alkohol wurde Soma unterschieden, auch wenn Fermentation bei der Zubereitung einiger Somas eine Rolle gespielt haben könnte.

Der große ayurvedische Arzt Sushrut erwähnt 24 Soma-Pflanzen, die hauptsächlich an Seen des Himalaya wachsen und nach vedischen Versmaßen benannt sind. Zusätzlich zählt er 18 soma-ähnliche Pflanzen auf, weitestgehend nervenstärkende Kräuter. Soma war demzufolge höchstwahrscheinlich Teil einer umfassenden Wissenschaft ritueller Pflanzenzubereitungen, und nicht nur eine einzige Pflanze. Es gab eine ganze Reihe soma-produzierender und somahafter Pflanzen. Die Suche nach einer einzelnen Soma-Pflanze ist somit irreführend.

Soma stand auch mit der Praxis der Alchemie in Verbindung und wurde schon zu Zeiten des Rg-Veda mit Gold und möglicherweise mit Lapislazuli zubereitet, vielleicht sogar mit Muscheln oder Perlen.

Die Somas in Indien waren im Wesentlichen spezielle, machtvolle Pflanzen, die in Bergseen und Flussgegenden wuchsen. Mit der Verlagerung der Flüsse veränderte sich der Somakult, aber eine Ehrerbietung für die Pflanzen und Flüsse des Himalaya blieb ein charakteristisches Merkmal des Hinduismus.

Soma und Yoga-Praktiken

Bei alldem müssen wir uns daran erinnern, dass der eigentliche Soma ein Sekret im Gehirn ist, das durch spirituelle Praktiken wie Yoga, Pranayama, Mantra und Meditation entsteht (ein Elixier, das aus Tarpak-Kapha hervorgeht, der Form von Kapha, die laut Ayurveda das Nervensystem einölt). Soma bezieht sich auf yogischer Ebene auf das Kronenchakra, das von Indra (für yogische Einsicht stehend) geöffnet wird und eine Welle der Glückseligkeit durch den Körper fließen lässt. Dieser innere Soma ist das Hauptthema der vedischen Hymnen, wenngleich äußere Somas ebenfalls wichtig waren. Folglich könnte es falsch sein, sich auf eine einzelne Soma-Pflanze zu fokussieren. Vielmehr ist Soma Teil des alten yogischen und schamanischen Gebrauchs heiliger Pflanzen wie Tonika, nervenstärkender und bewusstseinsverändernder Pflanzen verschiedener Art und spezieller Rezepturen daraus. Wahrscheinlich hatte jede Gruppe, Gemeinschaft und geographische Region ihre eigenen Somas oder heiligen Pflanzen. Soma ist eine transformierende Substanz, die in vielen Pflanzen vorhanden ist und die Entsprechungen hat, die vom Gehirn selbst produziert werden können. (vgl. dazu „Der Fluss des Soma“ von David Frawley – in YOGA AKTUELL Heft 36)Anzeige