Die Lehren von Bhagavan Ramana Maharshi (1878-1950), dem großen Weisen von Tiruvannamalai, Südindien, sind im Zuge eines neuerwachten Interesses an Advaita oder non-dualistischer Vedanta auf der ganzen Welt populär geworden. Doch besteht die Tendenz, seine Lehren zu vereinfachen, sie als eine Art sofortiger Erleuchtung für alle zu betrachten, und dies vernachlässigt gänzlich die nötigen Voraussetzungen und unterstützenden Praktiken, die seine Lehren erst wirksam werden lassen. Der nachfolgende Artikel versucht, die größere Tradition hinter Maharshis Lehren zu beleuchten, um damit den Aspiranten eine bessere Grundlage für die Praxis zu geben
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Ramana Maharshi, vielleicht der größte Weise des modernen Indiens, empfahl atma-vichara oder Selbstbefragung als die beste und direkteste Methode zur Selbst-Verwirklichung. Das brachte einige zu der Annahme, daß er andere Yoga-Praktiken, wie mantra oder pranayama, als unwichtig oder gar nutzlos erachtete. Doch zeigt eine sorgsame Prüfung seiner Lehren, daß er verschiedene yogische Vorgehensweisen für die hingebungsvolle Praxis, bei Mantren oder bei Raja Yoga nahelegte, ja, er unterstützte alles, was einer Person bei ihrem sadhana helfen könnte.

Der Maharshi legte kein großes Gewicht auf die äußeren Formen der Selbstbefragungs-Praxis. Das hat gleichfalls einige glauben lassen, daß es bei der Selbstbefragung keine Vorbedingungen gäbe, daß jeder, auf welcher Stufe des Lebens auch immer stehend oder welchem Lebensstil auch immer verhaftet, sie durchführen und damit erfolgreich sein könne. Wieder offenbart eine genauere Betrachtung seines Lebens und seiner Lehren, daß er die ethische und asketische Grundlage der Selbstbefragung nie in Abrede stellte.

Er betonte speziell eine rein vegetarische Ernährung sei sehr hilfreich für die Klarheit des Verstands. Er hob die Wichtigkeit von satsangha, d. h. des Austausches zwischen spirituellen Lehrern und Schülern hervor. Auch Pilgerfahrten zu heiligen Orten, wie dem Arunachala Berg, waren für ihn von Bedeutung. Schließlich fanden in seinem Aschram täglich vedische Rezitationen und Gesänge statt, um so eine günstige Atmosphäre für die Meditation zu schaffen.

Obgleich Bhagavans Lehre einfach und direkt ist, hat sie trotzdem einen breiten und flexiblen Charakter. Sie akzeptiert alle hilfreichen Yoga-Praktiken, auch jene, die sie nicht ausdrücklich erwähnt. Der Pfad des Maharshi folgt der integralen Methode der vedischen Lehren, die Tausende von Jahren alt sind, speziell der advaitischen Yoga-Methode, wie sie von Shankaracharya (7. Jahrh. n. Chr.) gelehrt wurde; sie schloß hingebungsvolle Praktiken und Raja Yoga (siehe z. B. im Text Saundarya Lahiri) mit ein.

Viele Menschen, vor allem im Westen, verstehen die wechselseitige Verbundenheit dieser diversen yogischen Disziplinen heute nicht und sind blind für deren positive Effekte. Die einfache, gestaltlos-abstrakte Selbstbefragung läßt sich schwerlich aufrechterhalten, außer von sehr fortgeschrittenen Aspiranten, die die Kraft der Aufmerksamkeit entwickelten und extreme Leidenschaftslosigkeit hinsichtlich äußerer Dinge, hinsichtlich des Körpers primär besitzen.

Eine derartige leidenschaftslose Loslösung findet sich im gegenwärtigen materialistischen und sinnesfixierten Zeitalter natürlich sehr selten. Und gewöhnlich sind zusätzliche Übungspraktiken nötig, um die Geeignetheit für die Selbstbefragung herbeizuführen – letztere soll so anstrengend sein, wie das Erklettern einer steilen, hohen Felsbergwand.

Eigentlich sind alle Yoga-Übungen, wenn sie richtig ausgeführt werden, Formen von vichara bzw. Selbstbefragung unserer wahren Natur. Ob Asana, Pranayama, Mantra oder Meditation – alle dienen dazu, Kenntnis vom Atman, von Purusha zu gewinnen, dem Ziel des Yoga, das in den Yoga Sutras (I.3) als „Fortdauer in der Selbst-Natur des Sehenden“ definiert wird. Gleich welche Yoga-Praktiken man ausführt, sie sollten mit der inneren Haltung der hinterfragenden Erforschung oder Beobachtung durchgeführt werden. Auf diese Weise steuern sie alle zur intensiven Selbstbefragung bei und weiten ihre Anwendung aus, so daß sie alle Aspekte des Lebens umfaßt.

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