Du bist mehr als Körper und Geist! Das Yogasutra als Impuls für Selbsterforschung und Heilsein

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Patanjalis Yogasutra ist zwar schon 2000 Jahre alt, gilt aber immer noch als das wichtigste Grundlagenwerk des Yoga. Das ist, meine ich, nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass der westliche Weg des Yoga meist als ein Weg des Körpers praktiziert wird. Patanjalis Text handelt indes nicht so sehr von unserem Körper, sondern vor allem von der Arbeit an und mit unserem Inneren. Sein zentrales Thema ist die Selbsterforschung auf dem Wege der Meditation. Es ist dies ist ein Jahrtausende alter Weg nicht nur Indiens, sondern der Menschheit insgesamt: in sich selbst hineinzuschauen und hineinzuhören, um unserer tiefsten Wirklichkeit nachzuspüren.

Der Weg der Selbsterforschung, wie das Yogasutra ihn entfaltet, will uns über unseren Körper hinausführen, auch über unseren Atem als Träger unserer Lebensenergie, ja sogar jenseits unserer Gedanken und Gefühle noch, hin zum spirituellen Kern unseres Wesens. Patanjali nennt diese Essenz reinen Gewahrseins Drashtu, den Seher, oder auch Purusha, was soviel bedeutet wie „das, was in uns wohnt“.

Dem Yogasutra geht es also um nicht weniger als alles, um eine Selbsterkenntnis, die fundmental ist und dem Menschen verspricht, ihn endgültig über alles Leid und alle Konflikte hinauszuführen. Das ist ein ziemlich ambitioniertes Ziel. Zugleich ist es das größte Versprechen, das man sich denken kann! Doch könnten wir uns vorstellen, dass ein Weiser wie Patanjali – oder auch die großen Weisen anderer Traditionen wie Jesus, Laotse, Zhuang Zi oder Buddha – sich weniger zum Ziel setzen würden als eben das Höchste?

Patanjali als transpersonaler Psychologe

Ich nenne Patanjali gerne einen transpersonalen Psychologen. Die transpersonale Psychologie ist ein noch relativ junger Zweig der Wissenschaft, verbunden mit Namen wie C.G. Jung, Abraham Maslow, Stanislav Grof, Charles Tart, Ken Wilber und anderen. Sie integriert die Erkenntnisse moderner psychologischer Forschung, erkennt aber ausdrücklich das menschliche Suchen nach tieferem Sinn, nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens an: Wo komme ich her? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Gibt es ein Ziel des Lebens, und worin liegt es? Was liegt jenseits der Masken, die ich trage, jenseits der Rollen, die ich spiele? Was trägt mein Sein?

Die transpersonale Psychologie bezieht also das menschliche Streben nach spiritueller Erkenntnis, Erfüllung und Ganzheit in ihr Denken mit ein. Sie beschäftigt sich deshalb auch mit veränderten oder erweiterten Bewusstseinszuständen, mit spiritueller Ekstase, mit Einheits- und Selbstentgrenzungserfahrungen und anderen ungewöhnlichen Bewusstseinsphänomenen – mit holotropen Zuständen, wie der Psychiater Stanislav Grof sie nennt (und dabei übrigens wie die Yogis den Atem als zentrale Methode nutzt, um sie herbeizuführen). Die Philosophie des Yoga nennt solche Erfahrungen Samadhi. Das ist ein schillernder Begriff mit unterschiedlichen Bedeutungsfacetten, den ich hier als meditative Gipfelerfahrung übersetzen möchte.

Herausforderung für unser Weltbild

Die transpersonale Psychologie würdigt ausdrücklich die rein subjektive Dimension des Menschseins und ein Erfahrungsspektrum, das von der offiziellen Wissenschaft bestenfalls als Einbildung eingestuft würde, denn diese geht ja von einem Weltbild aus, das allem Sein einen ausschließlich materiellen Ursprung zuschreibt. Sogar das Leben selbst und unser Bewusstsein werden als Rand- oder Nebenerscheinungen des Physischen betrachtet. Weite Teile dessen, wovon das Yogasutra handelt, würde man aus der Perspektive der offiziellen Wissenschaft ins Reich der Phantasie oder in die Domäne des Paranormalen rücken – mit anderen Worten: für „Mumpitz“ halten müssen.

Man sollte also wie ein transpersonaler Psychologe schon einen offenen Geist mitbringen, um sich ernsthaft mit jenen Phänomenen auseinanderzusetzen, wie sie vor allem im dritten Kapitel des Yogasutra angesprochen werden – Dinge, die unsere vermeintlich gesicherten Erkenntnisse und Vorstellungen im Blick auf das, was real ist oder nicht, was uns möglich oder unmöglich erscheint, radikal herausfordern. Wenn an den Grundfesten unseres Überzeugungssystems gerüttelt wird, können sich schnell Angst und Ablehnung einstellen, ohne dass wir uns bewusst wären, dass ja auch diese Grundannahmen nur auf Sand gebaut sind. Denn für die Auffassung zum Beispiel, dass unser Bewusstsein dem physischen Gehirn entspringt, gibt es keinen einzigen belastbaren Beweis. Wie soll aus toten und nicht-bewussten Atomen auf dem Wege evolutionärer Zufallssteuerung ein lebendiges Etwas entstehen wie ein Gehirn, aus dem dann auch noch unerwartet unser Geist hervorquillt wie der sprichwörtliche Dschinn aus der Flasche? Auch manche Axiome der „harten“ Wissenschaft sind manchmal bestenfalls wachsweich, bloße Annahmen, die man glauben kann – oder auch nicht. Patanjali geht es auch gar nicht ums Glauben. Er will, dass wir erkennen, dass wir wissen – aus eigener Erfahrung …

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