Wir alle sehnen uns nach einer Erfahrung des Göttlichen, des Seins oder der Stille. Erreichen können wir sie aber nur, wenn wir an nichts mehr festhalten – auch nicht an unserem Lehrer

Anzeige

In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Zu Lebzeiten war Buddha darauf bedacht, seinen Schülern und Anhängern zu vermitteln, dass es nicht um seine Person gehe, sondern um die Lehre, die er vermittelte. Diese Aussage wiederholte er immer und immer wieder in verschiedenen Formulierungen, z.B:. „Oh Edelgeborener! Erinnert euch daran, wer ihr wirklich seid! Auch ihr besitzt die wahre Buddha-Natur!“. Manchmal sagte er aber auch: „Töte den Buddha im Außen! Und dann töte den Buddha in dir!“ Kurz vor seinem Tod mahnte er seine Anhänger noch einmal, keine Reliquien von ihm aufzubewahren und auch keine Bilder von ihm anzubeten. Viele Jahre hielten sich die Verehrer der Lehre Buddhas an seinen Wunsch. Aber irgendwann war das Bedürfnis, ein Objekt der Verehrung und Liebe anzubeten, so groß, dass die Menschen vergaßen, selbst zur Liebe, selbst zum Buddha zu werden. Zuerst verehrten sie nur das Bild des leeren Stuhls oder saßen von einem Sandalenpaar und sahen in ihnen ein Kennzeichen der Lehre. Aber irgendwann reichte es den Anhängern Buddhas nicht mehr. Sie fingen an, diese Symbole nach und nach durch Statuen zu ersetzen.

In meinen Augen ist das Bild des leeren Stuhls ein wunderschöner Ausdruck für die Lehre Buddhas. Und nicht nur das: Ein solches Symbol könnte auch die Essenz des Yoga und darüber hinaus natürlich auch aller anderen spirituellen Lehren sein. Ein einfacher leerer Stuhl, der uns daran erinnern soll, dass es nicht um den Lehrer geht, sondern um die Lehre. Und die Essenz aller Lehren besteht darin, dass wir selbst Gott, Stille oder das reine Sein sind. Namen für die Essenz der Lehre gibt es viele, der Geschmack dieser Erfahrung ist und bleibt jedoch der gleiche. Dabei ist es egal, ob der Lehrer, der die Lehre vermittelt, aus einer traditionellen Linie stammt oder aber aus einer modernen spirituellen Richtung kommt. Denn die Offenbarung einer Lehre spiegelt sich einzig und allein in der Transformation des Zuhörers, des Schülers wider. In ihm geht etwas in Resonanz, das schon immer da war.

Natürlich ist es ein Lehrer, der uns mit einer Lehre in Kontakt bringt. Dies weiß auch Mike Boxhall, der Autor des Buches „Der leere Stuhl“. Aber einem guten Lehrer ist bewusst, dass er in seinen Schülern lediglich etwas in Resonanz gebracht hat, das bereits schon immer in ihnen vorhanden war – die Stille, das Sein, die Lehre selbst. Deshalb sollte ein Lehrer wie ein sauberer Spiegel sein und es sich nicht zu sehr persönlich zuschreiben, wenn ein Schüler in seiner Gegenwart mit der Stille in Kontakt gekommen ist. Schließlich geht es nicht um ihn. Er hat lediglich die Aufgabe, die Lehre zur vollen Entfaltung zu bringen und dabei selbst in den Hintergrund zu treten. Nur dann kann ein Schüler wirklich die zeitlose Stille, das Sein, die Lehre als sein wahres Zuhause erkennen.

Jenseits von Raum und Zeit

Ein Lehrer ist sterblich und unbeständig. Seit Buddha die Menschen bat, sich kein Abbild von ihm zu machen, gab es Abertausende von Lehrern. Weitere Abertausende werden ihnen folgen. Wenn ein Lehrer realisiert, dass es nicht um ihn geht, dann ist es ihm möglich, genügend aus dem Weg zu gehen, für den Moment unbelastet von seinem Ego, so dass die Lehre ungehindert durch ihn hindurch fließen kann. Unsterblich und zeitlos. Dann können alle, der Lehrer und der Schüler, tiefe Transformation erfahren.

Die Essenz einer Lehre existiert jenseits von Raum und Zeit und ist nicht an etwas gebunden. Sie ist nicht abhängig davon, wie ergeben ein Mensch seinem Lehrer ist oder wie viel er praktiziert. Die Essenz einer Lehre ist immer da. Und sie hat ihre Gültigkeit nie verloren. Zu jeder Zeit und an zahlreichen und unterschiedlichsten Orten nimmt jemand den Sitz ein, um die Wahrheit so klar und deutlich zu verkünden, wie er oder sie in dem Moment dazu in der Lage ist, geprägt von Raum und Zeit, in denen er lebt. Und gleichzeitig ist die Lehre immer die gleiche: eine Ausdehnung der Bewusstheit des Seins, des reinen Seins, der Stille. In dem Moment, in dem wir die Aufmerksamkeit weg vom Lehrer richten und uns auf die Stille in uns ausrichten, um in Beziehung mit ihr zu gehen, können wir erfahren und erkennen, dass sie immer da war, nicht weggehen wird und immer da sein wird.

Den Funken zünden

Die Worte über die Lehre und die Sprache des Lehrers können mit dem reinen Sein, der Stille im Schüler oder im Zuhörer in Resonanz gehen und zu einem Funken werden – einem Funken, der hilft, das Gewahrsein für dieses reine Sein, die innere Stille wiederzuerwecken. Die Resonanz hilft dabei, die Bewusstheit wieder ein wenig mehr auszudehnen, jenseits von Raum und Zeit, auch wenn sie sich gleichzeitig in der Zeit, an dem Ort, in dem Raum und der Gesellschaft wiederspiegelt, in der sie entzündet wurde und hierin ganz unterschiedliche Formen angenommen hat.

Ein Lehrer, der nur als Spiegel dient, weiß, dass es mehr ums Sein geht als ums Tun. Er weiß, dass es darum geht, leer zu werden, anstatt noch mehr aufzunehmen. Denn wer kennt sie nicht, die Momente in der Yogapraxis oder in der Meditation, wenn wir aufhören zu wollen oder zu machen und einfach loslassen. Wenn wir aufhören, ein besonders guter Schüler oder ein besonders wissender Lehrer zu sein, dann kann es von ganz alleine geschehen: Dann fallen wir absichtslos in die Essenz der Lehre zurück. Das sind die Augenblicke, in denen wir erfahren, dass die Lehre ihre Arbeit ganz von allein tut.

Offen bleiben

Gerade in der heutigen Zeit scheint es für viele Menschen schwierig zu sein, für die Lehre offen zu bleiben. Stattdessen fällt der Blick auf den Lehrer und bleibt dort hängen. Wir neigen geradezu dazu, die Wirkung einer Lehre daran zu bemessen, wie viele Schüler sie anzieht und wie viel Geld damit verdient wird, wie häufig in den Medien darüber berichtet wird und welche Prominenten sie praktizieren. Das hat allerdings wenig mit dem zu tun, um was es wirklich geht. Das ist lediglich ein Ausdruck dessen, was Chögyam Trungpa als spirituellen Materialismus bezeichnet. Der Essenz der Lehre kommt man nicht näher, indem man bestimmte Kleidung trägt, einen bestimmten Yogastil praktiziert oder sich zu einer bestimmten spirituellen Szene zugehörig fühlt.

Laut Mike Boxhall braucht es etwas anderes, um die Lehre zu erfahren, nämlich drei Zutaten: erstens die Sehnsucht nach tatsächlicher Veränderung, zweitens einen Lehrer, dessen eigene Erfüllung nicht vom Lob seiner Schüler oder Schülerinnen abhängt, und drittens eine Gruppe oder Gemeinschaft von weiteren Suchenden, die vielleicht nichts anderes gemeinsam haben als die Lehre, um miteinander zu reisen. Ohne Gemeinschaft, und hier spricht Boxhall aus eigener Erfahrung als Schüler und Lehrer, ist das Ego mächtig clever, uns über unseren Fortschritt hinters Licht zu führen.

Hinters Licht geführt werden wir auch dann, wenn wir Konzepte sammeln, Ideologien vertreten oder intellektuelle Dogmen verfolgen. Konzepte, Ideologien und Dogmen haben die Tendenz, nach einer Weile und mit einer entsprechenden Anzahl von Anhängern zu einer Wahrheit zu mutieren, die in Stein gemeißelt ist und die sich für die einzige Wahrheit hält.

Sich in die Stille begeben

Die Essenz der Lehre ist und bleibt ein großes Geheimnis. Sie wird umrankt von vielen Vorstellungen. Stille ist die Essenz der Lehre. Sie ist ein Zustand und ein Sein, in dem man genauestens wahrnimmt, was gerade geschieht, ohne sich damit zu identifizieren oder sich darin verwickeln zu lassen. Es ist eher ein Zustand des Bezeugens. Die Stille ist nicht etwas, das wir tun. Sie ist ein Sein – im Zentrum unseres wahren Selbst zu sein. Dieses stille Zentrum ist in jedem von uns. Es geht also nur darum, sich immer wieder in der Stille zu etablieren. Es mag Zeiten geben, wenn wir uns einfach dem Gewahrsein hingeben, anstatt auf das zu reagieren, was vor sich geht, und dann entdecken wir, wie sehr wir verführt wurden, uns mit einem Gedanken oder Gefühl zu identifizieren – sei es Angst oder Ektase.

In der Stille bleiben

Von Zeit zu Zeit, sobald wir einmal einen konzeptionellen Weg zur Ganzheit begonnen haben, erfahren wir einen Geschmack der Stille und erkennen: Die Essenz der Lehre ist schon inhärent. Der Lehrer und auch wir selbst sind bloß genügend aus dem Weg gegangen und erlauben die Enthüllung dessen, was tatsächlich der Ursprung unseres Seins ist. Und dann fallen wir auch schon wieder heraus aus der Stille, meistens dann, wenn wir verstehen wollen, was gerade passiert. Wenn die Stille zum Objekt wird, dann bleibt es nur ein Konzept der Stille. Die Wahrheit der Stille verträgt es nicht, darüber nachzudenken.

Die Stille ist kein toter Zustand. Es ist durchaus möglich, dass es in meinem Gehirn summt und brummt und meine Beine zucken, doch wenn ich dessen gewahr sein kann, friedlich gewahr, dass die Dinge geschehen, und mich nicht damit identifiziere, einfach der Beobachter bleibe, dann bin ich „das wirkliche Ich“, still. Die Bewegungen sind die des Gehirns oder der Beine. Der Geist ist in Ruhe, sich dabei aller Bewegungen bewusst, einschließlich der Regungen und Aufregungen der eigenen Sinne, aber nicht darin verwickelt. Sich dies bewusst zu machen, ist wichtig, weil so viele Menschen glauben, dass ihr Gehirn dann ebenfalls still werden muss und kein einziger Gedanke mehr sein darf. Das wird es aber nicht. Das ist die Natur des Gehirns, Impulse zu senden und zu verarbeiten. Es ist lebendig. So wie die Lehre. Auch sie ist lebendig. Immerwährend. Das Einzige, was sich ändert, sind die Lehrer und die Schüler, die Platz nehmen auf und vor dem leeren Stuhl.

Zum Weiterlesen:

  • Mike Boxhall: Der leere Stuhl. Die Lehre – nicht der Lehrer, Arbor Verlag 2015
  • Doris Iding: Vertraue dem Buddha in Dir, Nymphenburger Verlag 2015
  • Andreas Altmann: Triffst Du Buddha, töte ihn, Dumont Verlag 2011

Anzeige

Teilen
Vorheriger ArtikelMach einfach mal gar nichts!
Nächster ArtikelPerinatal-Yoga: Übungen für die yogischen Schwangerschafts-Trimester
Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.