Manche beschreiben es ganz nüchtern als das Gesetz von Ursache und Wirkung. Doch was genau hat es mit Karma auf sich?
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Eine Frau – eine ziemlich berechnende und karrieregeile Tussi, um genau zu sein – stirbt unter tragischen Umständen (sie wird von einer abgestürzten Raumstation erschlagen) und wird dank ihres miesen Karmas als Ameise wiedergeboren. Nicht gerade glücklich über diese Existenzform, erarbeitet sie sich nun gutes Karma, um daraufhin in immer anderen Spezies zu reinkarnieren, z.B. als Hund. Schließlich erhält sie erneut einen menschlichen Körper und kann sich endlich ihren größten Herzenswunsch erfüllen: ihren früheren Mann zurückzuerobern, den sie dereinst betrogen hatte, bevor sie so schlagartig aus dem Leben schied. Soweit in Kurzzusammenfassung der Inhalt eines Bestseller-Romans des Erfolgsautors David Safier. Wenngleich das Buch wohl nie das Anliegen verfolgte, ernsthaft die Prinzipien der Karmalehre darzustellen, und davon auch weit entfernt ist, stellen sich viele Menschen diese genauso vor. Doch eine Stufenleiter der Wiedergeburten und eine himmlische Jury, die einem der Bewertung des Karmas entsprechend den Platz im nächsten Leben zuweist („112 Punkte … Nasenbär in Panama!“), erscheinen als Konzepte gelinde gesagt etwas naiv. Der tatsächlichen Wahrheit näherzukommen und tragfähigere Aussagen zu treffen, erweist sich allerdings nicht gerade als Kinderspiel.

Die indischen Quelltexte
Der Karmalehre begegnen wir bereits in den Upanishaden. Sie scheint jedoch nicht so alt zu sein wie die positive Erlösungslehre, also die Lehre von Moksha. Die eingangs angerissene Frage der Auswirkung auf die nachfolgende Exis­tenz ist in den alten Texten tatsächlich ein zentrales Thema, das im Zusammenhang mit Karma behandelt wird. Die Idee der Wiedergeburt wird erstmalig in der Brhad­aranyaka-Upanishad angesprochen, und zwar im vierten Brahmana. Hier wird in einem bemerkenswerten Vers beschrieben, wie sich das Selbst gleich einem Grasegel, der sich von einem Grashalm auf den anderen hinüberzieht, von einer Existenz in die andere begibt. Das Karma haftet ihm dabei an. Es wird auch gesagt, dass daran „sein Charakteristikum, nämlich sein Manas“ hängt. Zur Auswirkung des Karmas heißt es: „Je nachdem, was einer tut, so wird er. Wer Gutes tut, wird ein Guter; wer Böses tut, wird ein Böser.“ Wer sehr gut abschneidet, kann gar als Gandharva oder als Gottheit wiedergeboren werden. Ja, auch diese haben nach indischer Vorstellung das Samsara noch nicht hinter sich gelassen, anders als es z.B. heutigen esoterischen Lehren zufolge von den aufgestiegenen Meistern angenommen wird. Wenn es für eine Reinkarnation als Gott nicht reicht, dann vielleicht für die Geburt als Brahmane. Hat man hingegen weniger gute karmische Voraussetzungen, dann handelt man sich möglicherweise – dies ist in anderen indischen Texten zu finden – ein Leben in der Unterwelt ein oder wird als Kastenloser oder in einer niedrigen Kaste wiedergeboren. Oder man landet in einer Existenz als Nicht-Inder, was den alten Vorstellungen zufolge äußerst ungünstig ist, denn als Nicht-Inder und Nicht-Hindu hat man laut ihnen keine Chancen auf Moksha, zumindest nicht in diesem Leben.

Im Shatapatha-Brahmana taucht der interessante Gedanke des Kratu auf. Der Terminus „kratu“ bezeichnet einen Entschluss oder, anders formuliert, eine feste Absicht oder Zielvorstellung. In Sp.Br. 10,6,3,1 heißt es: „Nun ist ja der Mensch ein aus Wille Bestehender. Mit einem wie weit reichenden Willen er aus dieser Welt scheidet, mit ebensolchem Willen erreicht er jene Welt nach dem Tode.“ Dies erinnert an die modernen Vorstellungen, die von einem Seelenplan oder einem Auftrag ausgehen, den oder die sich die Seele selbst aussucht. In der Brhadaranyaka-Upanishad wird dieser Gedanke allerdings etwas anders ausgelegt: Der Mensch fasst Vorsätze, die seinem Wünschen und Begehren entsprechen, und handelt dann dementsprechend. Seine Taten wiederum bestimmen – eben in Form des Karma – sein zukünftiges Leben. „Wie er handelt, wie er wandelt, so wird er“ – damit ist neben dem moralisch relevanten und dem kastengemäßen Handeln, deren Grundlagen in den Dharma-Vorschriften niedergelegt sind, auch das rituelle Handeln gemeint.
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