In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Jetzt kommt die Stelle, an der die Mittel des Yoga ihren Sinn und Zweck erfüllt haben. Es ist die Zeit des Winters. Bei Eintritt in die vierte der Jahreszeiten ist der Mensch über den Frühling, den Sommer und den Herbst hinweg an der Mutterbrust des Yoga reichlich gestillt worden. Somit ist es still in und um ihn geworden. Unter dem Busen des Yoga ist allein noch der Herzschlag Gottes zu vernehmen, mit seinem sanften, aber rhythmischen OM, OM, OM …, und der kaum spürbare, weil so feine atmische Hauch der Atmung, der in unseren Lungenflügeln das Hohelied  der „Hei-Lung“ erklingen lässt. Der yogische Mensch hat die heilige Dreifaltigkeit von Frühling, Sommer und Herbst als Zustände des Wachens (Jagrat), des Träumens (Svapna) und des traumlosen Tiefschlafs (Sushupta), in seinem Bewusstsein erlebt. Doch jetzt, im Winter, steht er unvermittelt vor dem inneren Tor, das zum großen Geheimnis führt, und das sie in Indien geheimnisvoll Turiya, den Vierten, nennen. Es ist als winterverwandtes Tor zur großen Leere bekannt, an dessen Schwelle jegliche Lehre endet. Gedanken, Worte, Formen und Bilder können hier nicht mehr passieren, finden keine Trittstufen, keine Felsensteige mehr, nichts zum Halten, nichts zum Verstehen, keinen Stand, keinen Zustand. Und unser Verstand mit seinem Verstehen erfährt zum letzten Mal eindrücklich, was ihn ohnehin immer ausgemacht hat, doch was er nie wahrhaben wollte: dass er nämlich „davor stehen“ bleiben muss. (Dies ist übrigens auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „verstehen“ aus dem Altdeutschen.) Mit ängstlichen Augen blickt er auf das rätselhafte Wort, das über dem Tor geschrieben steht: „Geh-heim“ – und, so sehr er sich auch anstrengt, er kann seinen Sinn nicht verstehen.

Turiya oder Winter ist die Pforte des Todes, des kleinen Todes. Wer immer sie passieren bzw. geschehen lassen möchte, muss bereit sein zu sterben, in Verstand und Denken, in seinem Ich mit all seinen Formen, seinen Identifikationen und seinen unzähligen Verstrickungen aus Leiden, Ängsten und Freuden. Turiya, die „vierte Jahreszeit“, ist das „gelobte Land“, das Land des Ewigen, zeitlos ohne Anfang und Ende, ohne Geburt und Tod. Es ist nicht und unberührt von dieser Welt und doch durchdringt und durchströmt es alle Welten. In Turiya offenbart sich das ewige Lebe- und Liebewesen Gottes in dir ganz und pur.

Doch damit es sich in seinem immerwährenden Durchpulsen offenbart, setzt es eine lange Wanderung voraus, durch karmische Höhen und Tiefen, über die Berggipfel und Talsohlen des Lebens, bis schließlich der letzte Lauf durch die Wüste, durch die unerbittliche Eiswüste des Winters beginnt. Nun nähert sich der heilige Kreislauf seiner Vollendung und kulminiert in einer alles entscheidenden Krise. Krisis ist ein aus dem Griechischen stammendes Wort und bedeutet „Entscheidung“. Um in Turiya einzutauchen und mit unserem Lebewesen Gottes zu verschmelzen, müssen wir im Angesicht der Krise zu einer „Ent-scheidung“ kommen, oder spirituell gelesen zum „Ende des Scheidens“, zum Ende des Trennens gelangen. Diese „End-Scheidung“ entzieht den Kräften und Zwängen der Dualität sofort ihre Macht und offenbart, was sie in Wirklichkeit immer waren: nichts als von uns erdachte Traumgeschöpfe, jederzeit bereit zu platzen.

Nach dem großen Platzen, dem Urknall sozusagen, ist plötzlich Stille eingekehrt. Ganz unvermittelt ist nun die stille und heilige Nacht gekommen. Die vormals unzähligen verschiedenen winterlichen Schnee- und Eiskristalle sind zu einem einzigen wundersamen Kristall verschmolzen, zu einem sanft leuchtenden „Krist-All“, außer dem es nichts gibt. Es ist Weihnacht. Durch die Krise wurde dir das ewige „Christ-All“ geoffenbart. Aus der Tiefe der unendlichen Weite erstrahlt jetzt ein sanftes Christuslicht in und durch dein Herz. Und weil dieses Licht das Scheiden nicht kennt, kann es nichts als lieben. Dem „Nichts-als-Lieben“ haben wir den Namen Christusbewusstsein gegeben. Diese heilende Lichtkraft aus reiner „Lie-be“, aus reinem „Licht-sein“ salbt unsere Herzenswunden und öffnet unser Herz für die reine Wesensschau in der geweihten Nacht. Deswegen haben die alten Griechen diese Kraft Christos genannt, den Gesalbten. Aber selbstverständlich haben sie bei ihrer Wortschöpfung gewusst, dass sich in Christos, dem Gesalbten, der „Ge-Selbste“ verbirgt, das Selbst Gottes, oder das „Salb-Ei“ als „salvia salva“, der ewigen, heilen Kraft Gottes.

Dies offenbart Turiya in der winterheiligen Nacht der Stille. Und jene, die sich in ihrem kristallenen Wesen als todlos, als „a-mor“ erkennen, denen ist die Liebe gewiss.Anzeige

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