Das Bewusstsein erweitern – die eigenen Grenzen erkennen: kritische Anmerkungen zu selbsternannten Chakra-Heilern und zum unreflektierten Umgang mit spirituellen Techniken

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Wir leben in einer Epoche, die ungeahnte Möglichkeiten mit sich bringt. Was vor zweitausend Jahren nur einer kleinen Elite zugänglich war, kann heute jeden Menschen erreichen: das spirituelle Wissen aller spiritueller Traditionen und Geheimwissenschaften, die der Anhebung des menschlichen Bewusstseins dienen. Im Internet finden wir sämtliche Schriften aus dem klassischen Yoga, interpretiert von großen und kleinen Meistern, sowie unterschiedlichste Anleitungen für verschiedenste Techniken, um außerkörperliche Erfahrungen zu induzieren. Und selbst auf den Ramschtischen der Buchhandlungen können wir für ein paar Euro geheime Lehren spiritueller Praktiken finden, deren Zugang man sich noch vor wenigen Jahrzehnten hart erkämpfen musste. Früher musste man weit reisen, um einen kompetenten Lehrer zu finden, der diese Techniken beherrschte.

Der zunehmende Wunsch nach Bewusstseinserweiterung in der Bevölkerung nahm in den Sechzigern letzten Jahrhunderts seinen Anfang. Damals kam ein riesiges Interesse an Spiritualität und Bewusstseinserforschung auf, das bis heute andauert und sich auf vielfache Weise manifestiert: alte, vor allem östliche spirituelle Praktiken leben wieder auf und erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Ja, Yoga ist mittlerweile zum Trend geworden. Meditation und Achtsamkeit sind ein Muss. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Neurowissenschaften die umfassende Wirkung auf Körper und Geist erforscht haben und dass außerdem immer mehr Menschen erkennen, dass materieller Reichtum alleine nicht glücklich macht. Noch vor 20 Jahren galt Rama beim Frühstück im Eigenheim als Garant für einen sonnigen Sommertag im Kreise der Familie. Heute denken bei „Rama“ die meisten an die indische Mythologie, und eine schöne Frau im Schneidersitz mit geschlossenen Augen verspricht auf dem Werbeplakat für Sonnencreme Glück und Zufriedenheit.

Viele Menschen haben sich in den letzten Jahren entweder unter Anleitung eines Lehrers oder eigenständig mit Spiritualität beschäftigt und einen Zugang zu Meditation, Yoga, Buddhismus und Schamanismus gefunden. Mittlerweile kann man auch auf youtube oder in zahlreichen Internetforen Anleitungen für sämtliche spirituelle Praktiken finden. Früher übte man lange in einer Tradition unter den wachen Augen seines eigenen Gurus, der einen durch viele Prüfungen im persönlichen profunden Transformationsprozess unterstützte. Wenn er das Gefühl hatte, dass sie persönlich gereift waren und die spirituellen Praktiken von innen heraus erfahren und durchdrungen hatten, wies er auserwählte Schuler an, selbst zu unterrichten. Heute entscheidet man selbst, Yogalehrer zu werden. Bei wem man lernt, hängt vom Budget und von der Zeit ab, die einem für eine Ausbildung zur Verfügung stehen. Langjährige Praxis und eigene Erfahrungen sind längst kein Muss mehr. In relativ kurzer Zeit wird man zum Yogalehrer ausgebildet und lernt die Basis des Yoga kennen: sprich die Anleitung der Asanas und die Philosophie. Bei vielen Ausbildungen wird zwar erwähnt, dass es sich bei der Yogapraxis in ihrer ursprünglichen Ausrichtung um ein Instrument handelt, dessen Ziel eine innere, spirituelle Öffnung ist, aber was genau damit gemeint ist und wie sich so etwas körperlich und psychisch zeigt, darüber wird nicht geredet.

Spirituelle Öffnung, das Ziel des Yoga
Vor zwanzig oder dreißig Jahren war es eben noch genau der Wunsch nach dieser spirituellen Öffnung und Erleuchtung, der die Menschen zum Yoga brachten. Damals wandelte sich Spiritualität für viele Menschen von etwas, worüber sie gehört oder gelesen hatten, zu einer persönlichen Erfahrung. Die Zahl derer, die bewusst mystische Erfahrungen im Kontext von Yoga, schamanischen Ritualen, buddhistischen Praktiken oder Meditationsretreats machten, wuchs ständig. Immer mehr Menschen erkannten, dass wahre Spiritualität auf persönlicher Erfahrung beruht und dass es sich dabei um eine extrem wichtige und vitale Dimension unseres Lebens handelt, die uns mit all unseren Licht- und Schattenseiten in Kontakt bringen kann. Die Menschen waren bereit, dafür über Wochen in großen Schlafsälen zu übernachten, zu fasten, lange Reisen auf sich zu nehmen, um dann wochen- oder monatelang auf materiellen Wohlstand zu verzichten, nur um eine solche mystische Erfahrung machen zu können. Diese mystischen Erfahrungen können mit Gefühlen von Einheit mit dem gesamten Universum einhergehen, mit Bildern und Visionen von Orten und Zeiten, die weit entfernt sind. Aber auch tiefe Empfindungen von pulsierenden Energieströmen im Körper, die von heftigem Zittern und Krämpfen begleitet werden, können einen solchen Menschen ergreifen, der bereit ist, sich selbst zu begegnen. Und auch Visionen von Gottheiten, Halbgöttern und Dämonen, leuchtende Blitze, strahlendes Lichts und Regenbogenfarben sowie die Angst davor, verrückt zu werden, sogar zu sterben, gehören zu den Erfahrungen, die durch eine intensive Yogapraxis, Trancetanz, Schwitzhütten oder andere spirituelle Techniken ausgelöst werden können. Wenn sie von einem Lehrer begleitet werden, der diese Erfahrungen kennt und mit ihnen umzugehen weiß, tauchen die meisten Menschen aus diesen ungewöhnlichen Geisteszuständen mit einem verstärkten Gefühl von Wohlbefinden auf und kommen besser als zuvor mit den Anforderungen des Alltags zurecht. In vielen Fällen werden im Rahmen dieses Prozesses langjährige emotionale, geistige und körperliche Probleme wie durch ein Wunder geheilt. Auch die Lebensgeschichten von Heiligen, Mystikern, Yogis und Schamanen weisen unter anderem solch ungewöhnliche Erfahrungen auf. Aber auch jeder „normale“ Mensch, der sich auf den spirituellen Weg begibt, durchläuft früher oder später solche Prozesse in großen oder kleinen Teilen. Ob Heiliger oder No-Name: Diese ungewöhnlichen Zustände beinhalten für alle, die sie erfahren, eine heilende und transformierende Kraft.

 

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