Wie Yoga Kindern mit einer ADHS-Diagnose helfen kann: Hinweise und Tipps für die Praxis – inklusive BeispielstundeAnzeige

In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Etwa vier Prozent aller schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen, so schätzen Experten, leiden am Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, kurz ADHS. Die meisten von ihnen sind Jungen. Viele nehmen Medikamente ein, um im Alltag funktionieren zu können.

Dass bestimmte Botenstoffe bei ADHS-Patienten nicht richtig funktionieren, macht sich auch im Elektroenzephalogramm (EEG) bemerkbar. Die betroffenen Kinder erzeugen zum Beispiel nicht genügend Beta-Wellen, die dann entstehen, wenn sich ein Mensch bewusst konzentriert. Stattdessen produzieren sie vermehrt Theta-Wellen, die nur dann auftauchen, wenn die Gedanken treiben.

Die Folgen von ADHS sind:
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  • verstärktes Störverhalten
  • mangelnde Konzentrationsfähigkeit
  • unsystematische und langsame Aufgabenlösung
  • mangelhafte Problemlösungsstrategien
  • Ablenkbarkeit und geringe Frustrationstoleranz

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Behandlung von ADHS
Zunächst ist es wichtig, das ADS / ADHS richtig diagnostiziert wird. Im Zweifelsfall ist es, wie bei vielen komplexen und zeitintensiven ärztlichen Entscheidungen, ratsam, eine zweite Meinung einzuholen, um andere Erkrankungen wie Traumata auszuschließen.

Wenn ADS / ADHS richtig diagnostiziert wurde, bedeutet das, dass diese Kinder eine zumeist angeborene, selten erworbene, genetisch bedingte Störung der Selbstkontrolle haben. Da hier eine Hirnfunktionsstörung vorliegt, ist es wichtig, diese Kinder von allgemein „schwierigen“ und nur unkonzentrierten Kindern zu unterscheiden (vgl. auch Artikel Diagnose ADHS).

Die Behandlung mit Medikamenten ist umstritten und nicht ausreichend, da nur die Symptome unterdrückt werden und nicht der Mensch in seiner Gesamtheit behandelt wird. Yoga hat hingegen eine ganzheitliche Sicht von Gesundheit und dient nicht nur der Behandlung von Krankheiten.

Die Maßnahmen wirken wie in der Naturheilkunde unspezifisch und über die Stärkung der gesunden Anteile des Organismus. Der Mensch als ganzheitliches Wesen steht im Mittelpunkt, nicht die Behandlung von bestimmten Krankheiten. Gesundheit wird als evolutionärer Prozess der Integration von Körper, Atem und Geist bezeichnet. Krankheiten entstehen aus der energetischen Sichtweise des Yoga, wenn die Lebensenergie (Prana)  blockiert ist.

Konsequenzen für den Yogaunterricht
Für die Yoga-Arbeit mit ADHS-Kindern sind Strukturen das A und O. Dabei sollen wenige vorgegebene Regeln konsequent eingehalten werden. Die Kinder-yogagruppe sollte nicht zu groß sein, um situativ auf die meist verhaltensauffälligen Kinder eingehen zu können. Ideal wäre ein zweiter Pro-Leiter, welcher auch mal zeitweise mit einem Kind alleine arbeiten kann. Auch ein Ruhepunkt, zum Beispiel ein Kuschelsofa im Übungsraum, kann für diese Kinder eine positive und temporäre Rückzugsoption sein.

Da diese Kinder ein angeschlagenes Selbstwertgefühl haben, ist für das Erlangen der gesetzten Lernziele eine Stärkung der kindlichen Persönlichkeit grundlegend. Gerade Standübungen und Rückbeugen (wie z.B. die Heldenhaltung) können dabei helfen.

Im Kinderyoga wollen wir die Bewegungsbedürfnisse von ADHS-Kindern schrittweise kanalisieren und in kreative Bahnen leiten. Das Prinzip von Gaspedal und Bremse, von schnellen und langsamen Bewegungen, soll spielerisch erlernt werden. Zudem sind die Achtsamkeits­übungen des Yoga entscheidend für ihren meist hektischen und unkoordinierten Bewegungsablauf, der langsamer und kontrollierbarer wird.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass es bei ADHS-Kindern hilfreich sein kann, mehrere Sinneskanäle gleichzeitig anzusprechen, z.B. bei den Yoga-Übungen zu tönen. Natürlich sind alle Yogahaltungen besonders effektiv, die das Gleichgewicht und die Erdung trainieren, wie z.B. der Baum. Zuletzt bewirkt Yoga auf einer ganzheitlichen Ebene eine Stressreduktion, hyperaktive Kinder entspannen sich, und ihre Atmung verlangsamt sich.

Beispiel-Yogastunde

Level: gute Yoga-Grundkenntnisse
Gesundheitliche Beeinträchtigungen: Diagnose ADHS, Hyperaktivität, Unachtsamkeit, Leistungsprobleme, Aggressionen (komorbide Störung)
Erwartungen der Kinder: Spaß, Freude, Spiel und Lebenshilfe
Kursziel: Mit Hilfe der Yoga-Methode soll den Kin­dern
ermöglicht werden, trotz ihres Handicaps Ruhe, Kraft, Selbstbewusstsein, Konzentration und Ausgeglichenheit zu erlangen.
Stundenziele: Gleichgewicht erlangen,
Erdung erleben, Bewusstsein in der Bewegung und Konzentration
Affektiv: Inneres Gleichgewicht spüren und mit in den Alltag nehmen
Kognitiv: Erlernen von Übungen, die helfen, den Alltag ausgeglichener und stressfreier zu planen.
Psychomotorisch: Gleichgewichtsgewichtsübungen erlernen, Yoga-Übungen zum Vernetzen der linken und der rechten Gehirnhälfte

Unterrichtsaufbau:

Einleitung

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  • Begrüßungs- und Abschlussritual: das Spinnennetz. Beim Spinnennetz wird ein Ruhepunkt „ersponnen“. Die Kinder sitzen im Kreis. Eines der Kinder nimmt ein Wollknäuel und eine leere Küchenrolle, wickelt die Wollfäden (Spinnwebfäden) um die Küchenrolle und rollt sie zu einem anderen Kind. Dazu sagt es „Ich verbinde mich mit … (Name des anderen Kindes).“ Dieses Kind wiederum wickelt den Faden um seine eigene Rolle und vernetzt sich seinerseits mit einem weiteren Kind. So geht es weiter, bis ein Spinnennetz entstanden ist, das alle Kinder einbezieht. Die Kinder heben nun mit ihren Küchenrollen das Spinnennetz nach oben und legen es in eine Ecke des Raums. Dieses aus den Namen der Kinder gesponnene Netz dient als Ruhepunkt. Wichtig ist, dass die Ecke keine Strafecke ist! Wenn die Kinder in der Hauptgruppe nicht klarkommen, dürfen sie sich dort freiwillig ausruhen, aber sich jederzeit wieder in das Gruppengeschehen einbringen.
  • Einstimmung auf die Yogastunde: Geschichte vom kleinen Shiva
  • Wahrnehmungsübungen: Zauberstab
  • Warm-up: liegen und aufstehen im Wechsel
  • Grundhaltung: erste kurze Tänzer-Haltung

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Hauptteil
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  1. Yoga-Mudra
  2. Tigerstreckung mit Ausgleich (Vierflüßlerstand; der rechte Arm und das linke Bein werden angehoben. Dann wird der rechte Ellbogen zum linken Knie geführt und wieder zurück.         Das Gleiche zur anderen Diagonalen ausführen.)
  3. Bauchlage – Vorübung: Arme nach hinten – Kobra Bhujangasana)
  4. halbe Bogen-Haltung
  5. Bogen-Haltung
  6. Löwen-Haltung in der Hocke
  7. Bewegungsspiel
  8. Berg-Haltung
  9. verschiedene Gleichgewichtsübungen im Stand
  10. „Tanzwettstreit“: Tänzer-Haltung (Natarajasana), Vorübung: tänzerisch auf einem Bein stehen

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Ausgleichsposition und Sammlung

Abschlussritual: Das Spinnennetz (vgl. Begrüßung): Zum Ende der Stunde wird das Wollknäuel wieder rückwärts abgewickelt.

Die Geschichte vom kleinen Shiva (siehe Stundeneinleitung):
Der achtjährige Shiva lebt mit seiner Familie in einer großen indischen Stadt, die Kalkutta heißt. Leider hat er einige Probleme in der Schule, er kann sich nicht gut konzentrieren. Da er immer in Bewegung sein
muss und dabei oftmals zu heftig und zu wild reagiert, hat er auch keine 
Freunde und bleibt meist in der Pause alleine im Klassenraum, wenn die anderen fröhlich auf den Pausenhof spielen gehen.

Auch seine Mutter hat es nicht leicht mit ihm, da er selten seine Mahlzeiten im Sitzen einnehmen möchte. Viel lieber läuft er dabei, wie
übrigens auch bei den Schulaufgaben und beim Lernen, hin und her. Nur mit seinen Großvater Brahma hat Shiva ein gutes Verhältnis.

Opa Brahma erzählt ihm viele spannende Geschichten aus den alten 
Schriften. Er möchte seinem Enkelkind helfen, sein kleines Leben zu 
meistern, und lehrt ihn Yoga. Er verbindet die von Shiva geliebten Geschichten mit praktischen Übungen. Die Lieblingsgeschichte vom kleinen Shiva ist, wie sich Gott Shiva in einen
Tänzer verwandelt und einen Tanzwettstreit mit der 
Göttin Kali gewinnt.

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